Bedarf das reifere Lebensalter einer besonderen Ernährung?

Text: Ute Golth, Salzburg

Reifen

Die mineralische Welt tut es nicht – sie „existiert“ oder zerfällt, denn beim Vorgang des Reifens geht es um Prozesse der organischen Natur. Bei welchen Lebewesen kann man von einem Reifen sprechen?  Wenn die Pflanze reift, hat sie bereits die Wachstumsphase hinter sich gelassen. Licht- und Wärmeprozesse ergreifen sie von außen: es rundet sich. Frucht und Same deuten schon auf die neue, kommende Pflanze hin. Beim Tier hingegen spricht man nicht vom Reifen, obwohl es altert und stirbt. Und wie ist es mit dem menschlichen „Reifen“ bestellt? Was unterscheidet das „Reifen“ vom „Altern“?

Beim Alterungsgeschehen unterliegt der Mensch einem Schwinden der Kräfte des Lebendigen. Schon ab der Lebensmitte kommt es zu einem Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit. Der Stoffwechsel wird träge, die Verdauungsdrüsen sondern weniger Fermente und Sekrete ab, der Darm erschlafft, die Atmung wird flacher, die Muskulatur bildet sich zurück, etc. Ausdruck dieses Geschehens ist, dass die innere Wärmebildung im gesamten Organismus abnimmt. Einzelne Organe reagieren unterschiedlich auf diese Prozesse. So zeigt das Herz schon ab 50 Jahren eine erhöhte Insuffizienzbereitschaft, Haut und Extremitäten werden durch eine funktionelle Alterung des Kapillarsystems weniger gut versorgt, das Auge unterliegt einer Verhärtung der Linse, das Haar ergraut usw. Intellektuelle Anspannung baut körperlich schneller ab, denn der alternde Mensch sieht sich konfrontiert mit einem Rückgang der Gedächtnis- und Reaktionsfähigkeit. Das Schlafbedürfnis kann sich dadurch erhöhen.

Aber der Mensch ist nicht nur ein biologisches Wesen. Er hat ein Bewusstsein von sich selbst, indem er sich als individuelles Ich erlebt und denkt. Damit bekommt das Altern eine andere Bedeutung, denn es gibt ihm Gelegenheit die Erfahrungen eines langen Lebens zu verwandeln in Weisheit, Güte und Liebe zur Schöpfung. „ Reifen“ bedeutet ein mehr oder weniger aktives Ringen darum. Insofern unterscheidet sich an dieser Stelle der Mensch von Mineral, Pflanze und Tier.

Jedoch: das Welken des Leibes bedeutet für ihn nicht zwangsläufig ein Altern der Seele und des Geistes. Diese Wesensglieder können sogar eine Jugendfrische behaupten, die sich aus dem Welken und der zunehmenden Mineralisierung des physischen Körpers heraushalten. Wie ist das möglich?

Abbauprozesse und Bildung der individuellen Körperlichkeit

Unser Bewusstsein gründet sich auf organischem Abbau! Die Pflanze lässt aufgrund ihres starken vegetativen Lebens kein Bewusstsein zu. Beim Menschen ist in jenen Organen, auf deren Grundlage er zum bewussten Dasein aufsteigen kann, das reine Lebensprinzip zurückgedrängt. Sinneswahrnehmungen und Denken basieren in Gehirn und Nervensystem auf einem Zerfall von Eiweißsubstanz. Gerade in diesem Prozess der Bewusstwerdung liegt also die eigentliche Ursache des Alterns und Sterbens. Die Bibel spricht davon, dass das Essen vom Baum der Erkenntnis dem Menschen das Sterblichwerden, den Tod, brachte.

Es war Rudolf Steiner, der aufgrund seiner geisteswissenschaftlichen Forschungen auf einen bis dahin unerkannten Aspekt des menschlichen Ernährungsvorganges hinwies, der mit dem individuellen lebensschaffenden Aufbauvorgang des menschlichen Leibes verbunden ist. Denn eine den ganzen Menschen erfassende, dynamische Ernährungslehre befasst sich nicht alleine mit der materiellen Seite der Verdauung. Alles Leben, das im aufgenommenen „Lebensmittel“ enthalten ist, muss in dieser Substanz ausgelöscht werden, sodass alle Eigenheit des Außermenschlichen verschwindet. In diesem totalen Abbauprozess begründet sich in der Folge die Bildung der individuellen Körperlichkeit, durch Vorgänge der Belebung, Durchseelung und Vergeistigung. (Jeder Mensch hat daher sein ganz persönliches, unverwechselbares Eiweiß.)

Auswahl und Zubereitung der Speisen

Wie kann der alternde Mensch seiner leiblichen Grundlage genügend Kräfte zuführen, damit diese weiterhin seinem geistigen Anteil dienen können?  Es fällt dem älteren Menschen schwerer als dem jungen, die einzelnen Schritte des Abbaus der Nahrungssubstanz zu vollziehen. Daher ist eine zweckmäßige und qualitativ hochwertige Auswahl und Zubereitung der Speisen hilfreich. Es sollen nun einige praktische Hinweise folgen, die über die allgemeinen Empfehlungen hinausgehen.

Anregungen für eine gesunde Ernährung

Wo immer es möglich ist, sollte biologisch-dynamische Qualität gewählt werden. Da der Geist des Menschen gleichen Wesens mit der Weltgeistigkeit ist, die die Nahrungsbildung lenkt, muss unsere Nahrung die rechte dynamische Kraft im Abbauvorgang entfalten. Die biologsich-dynamische Anbauweise ermöglicht der Pflanze diese Kraft zu entwickeln. Nur so findet unser Organismus das richtige Wissen für einen gesunden Wiederaufbau. Verlebendigte Substanzen können die Schwere des Stoffes durchlichten und durchwärmen und so die Degeneration des Leibes hintanhalten. Produkte in Demeterqualität, wie vielfältige Getreidearten, Milchprodukte, seltener Gemüse und Obst findet man im Bio-Fachhandel. Getreide wird meist auch vom produzierenden Hof zugesandt. Wichtig ist dabei, auf samenfesten Sorten zu bestehen.

Sehr anregend auf die Verdauungsorgane wirken verschiedenste Kräuter, die  frisch und getrocknet in großer Vielfalt erhältlich sind.  Auf Tiefkühlkost sollte gänzlich verzichtet werden, denn trotz der Erhaltung der Vitamine etc. ist sie durch einen ungesunden Kältungsprozess gegangen. Alles Denaturierte befördert die vorzeitige Alterung (Mikrowelle). Auf Süßes muss nicht verzichtet werden, vielmehr sorgen gut ausgereiftes Frischobst und Trockenfrüchte für gute Versorgung und eine Verlebendigung der Stoffwechselorgane und ihrer Funktionen. Von besonderem Wert für den älteren Menschen ist der Honig. Bereits mit einer kleinen Menge täglich vermag er degenerative Tendenzen umzulenken. Ebenso empfiehlt es sich die Wasserqualität mittels eines Wasserwirblers durch Belebung zu erhöhen. Eine Binsenweisheit soll hier nicht unerwähnt bleiben: rhythmisches Einnehmen der Mahlzeiten erzieht und entlastet die Organe.  Als einwöchige Diät zur Erfrischung des Gesamtorganismus bietet sich die tägliche Abwechslung der 7 Getreide (Weizen/Dinkel, Reis, Gerste, Hirse, Roggen, Hafer, Mais oder alternativ die Knöterichgewächse Buchweizen, Qinoa, Amaranth) in gekochter Form an. Die Zubereitung ist einfach und unkompliziert. Dazu reicht man vorsichtig gedämpftes Gemüse mit köstlichen Gewürzen und frischem Öl abgeschmeckt. Die eingenommene Menge reguliert sich dabei von selbst, die Sättigung tritt schon bei geringen Mengen ein.

Zusammenfassend bedarf der alternde Mensch einer anderen Art der Pflege für seine stofflich-geistigen Wesensanteile als in der Kindheits-, Jugend- und Erwachsenenphase. Dies bedarf eines Umdenkens unserer materialistischen Vorstellungen über Ernährung, die dem Irrtum eines Input-output-Denkens unterliegen. Gerade dem reifen Individuum ist zuzusprechen, von einer Haltung des „Wegessens von Hunger und Frustrationen“ zu einer neuen, des „ Hinessens zu geistiger Frische und Verantwortung für die Umwelt“, zu finden.

ErnährungQuelle und Literaturhinweis: Udo Renzenbrink, „Ernährung in der zweiten Lebenshälfte“, Verlag Freies Geistesleben

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