Zeichen der Zeit

Text: Wolfgang Schaffer
Klimawandel, Automatisierung und Entfremdung gelten beispielhaft zumindest in den Medien als Zeichen unserer Zeit. Worauf deuten diese Zeichen hin? Es ist ein Blick auf das Ganze, der sich darin auftut. Das Verhältnis zwischen Mensch und Welt nimmt neue Formen an. Das Leben auf der Erde ist eine Einheit, die nicht länger übersehen werden kann. Irgendwann schaut man sich weltweit auf gleicher Höhe in die Augen. Dieser Blick hat einen alten Namen: Michael – Wer will wie Gott?
Gegenwart
Was ist der Augenblick, den wir als „Jetzt“ begreifen können in seiner vollen Wirklichkeit? Sobald wir ihn bewusst erfassen, ist er schon umgewandelt. Erstarrt zu einem Bild seines Wesens in Form von gedanklicher Erinnerung. Die ganze Fülle der bereits zum Bild gewordenen Augenblicke unseres Lebens bildet die Vergangenheit, die wir in uns tragen. Dem Verlauf ihres Entstehens entsprechend formen sich diese Erlebnisse zu dem „Ich“ des Menschen. Das Ich ist die umfassendste Einheit, die in uns lebt. Es ist die Quelle und Mündung des Bilderstromes, den die bereits vergangene Lebenszeit in uns hinterlässt.
Rückwärts denken lernen
Um dem Wesen der Zeit nahezukommen, gibt es im Zusammenhang der Anthroposophie einen sehr einfachen und zugleich elementar gewaltigen Übungsvorschlag. Er besteht darin, von einem aktuell zuletzt bewusst gewordenen Erinnerungsaugenblick ausgehend die Bilderfolge des jeweils unmittelbar davor erlebten Geschehnisses aufzurufen. Einfach gesagt geht es darum, vom Jetzt ausgehend <- rückwärts denken zu lernen. Wie weit und wie umfangreich man dieses „Schwimmen gegen den Zeitstrom“ durchhält, kann jeder sofort an sich erproben – unwillkürlich wird man immer wieder von dem gewohnten Gedankenverlauf des linearen Zeitgeschehens mitgerissen. In der Anthroposophischen Literatur wird dieser Versuch oft mit den kurzen Worten: „Tagesrückschau, bildsam – von oben und außen“ beschrieben. Damit ist gemeint, dass man sich durch diese Übung am Abend vor dem Einschlafen die Ereignisse des vergangenen Tages vor das innere Auge rufen kann. Der Anspruch, rückwärts zu denken und dabei trotzdem die genaue Abfolge der durchlebten Situationen beizubehalten ist erfüllbar, auch wenn es nicht so leicht gelingt, wie man sich das vielleicht erwartet hätte. Nur allzu schnell verliert sich der Zusammenhang der Bilderfolge und man muss wieder neu beginnen! Da erweist es sich als hilfreich, schon beim Ausgangspunkt der Übung, dem konkreten „Jetzt“ den Blick von „oben und außen“ auf sich selbst zu richten. Damit bekommt man einen ungewohnten Abstand zu sich selbst, man lernt, sich gleichsam als ein Fremder gegenüberzustehen. Dieser „Fremde in uns“ will nun mit einem selbstlos-distanzierten Interesse miterleben, welche Freuden und Leiden, Taten und Erfahrungen seinem so von ihm betrachteten „Bekannten“ begegnet sind. Doch aufgepasst: Die Reihenfolge des Geschehens läuft verkehrt – vom Abend rückwärts bis zum ersten wachen Augenblick am Morgen. Jeder Tag, von dem man ja am Abend glaubt zu wissen, was er mit sich brachte, wird durch diese Rückschau zu einem Abenteuer voller Überraschungen. Durch die ungewohnte Anstrengung, die das Rückwärtsdenken darstellt, wird man vielleicht am Anfang oft schnell müde und schläft ein. Nach einer gewissen Zeit erstarkt dann allerdings der „Schwimmer“ gegen den Strom der Zeit in uns. Er ist jetzt die Instanz, die sich durch den mehr und mehr geübten Willen über den Verlauf des zeitlichen Geschehens erheben kann. Eine Fülle von bisher zwar erlebten, aber völlig unbewusst gebliebenen Begegnungen mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Sinneseindrücken aller Art tritt dann in den erwachten Seelenraum als frei bewegliche Erinnerungen ein.
Doppelstrom der Zeit
Genauso ungewöhnlich wie das beschriebene Rückwärtsdenken ist die Vorstellung von der Existenz eines Doppelstroms der Zeit. Die Zeit verfließt der allgemeinen Anschauung nach von der unmittelbaren Gegenwart in den Bereich der Vergangenheit. Was einmal dagewesen ist, bleibt unveränderlich erhalten. Dieser Zeitstrom vom „Jetzt“ in die Vergangenheit ist unumkehrbar. Wir können die verwirklichten Geschehnisse nicht wieder aus dem Zeitstrom löschen. In der Anschauung vom Doppelstrom der Zeit hingegen mündet noch ein zweiter Strom von Zeit in jeden unmittelbar gegenwärtigen Augenblick. Es ist die Zukunft, die das „Jetzt“ berührt! Sie ist das Maß der Möglichkeiten, die uns aus dem Unsichtbaren, noch nicht Gewordenen in der Gegenwart begleiten. Jede Tat im Hier und Jetzt setzt einen wachsenden Strom von dementsprechend neuen Möglichkeiten frei. Wer eine Sprache lernt, erlebt den Zukunftsstrom der Zeit ganz deutlich. Mit jedem neu gelernten Wort erweitern sich die Ausdrucksweisen und Verständnismöglichkeiten. Dasselbe gilt für unser ganzes Leben.
Handeln aus Liebe zur Tat
Wenn wir aus Liebe handeln, sind wir den Bindungen von Raum und Zeit bereits entwachsen. Denn die Liebe dringt zum Wesenhaften einer Sache oder eines Lebewesens vor. Zeitliche Entwicklung vollzieht sich auf der Ebene der Erscheinungen. Wer den Doppelstrom der Zeit durchschaut, blickt nicht mehr nur auf die bereits sichtbar gewordenen Lebensformen, die ihn umgeben. Er wird auch auf die nicht vollzogenen, noch im Ideal befindlichen Entwicklungsmöglichkeiten seiner Mitwelt aufmerksam. Das eher unscheinbare anfängliche Bemühen, durch Rückwärtsdenken aus dem Zeitstrom der Ereignisse herauszutreten, erweist sich als ein wirkliches Tor in das Reich des Wesenhaften. Die Rückschauübung zielt auf die Entfaltung eines Willenskeimes, der sich nur im Seeleninneren erhalten kann. Doch dieses Tun hat große Folgen. Es bringt die äußere Natur als „mütterliches Sein“ in Einklang mit dem Selbstgefühl, das aus der Willenstätigkeit entspringt.
Rudolf Steiner nennt die Wesenheit, die den Menschen in unserer Zeit wieder zu einem Erfassen des Geistigen in der Natur verhelfen will, mit dem Namen „Michael“. Aus dem Blickwinkel der Anthroposophie ist Michael ein Gegenüber, das uns hilft, zum ganzen Leben durchzudringen. Natur und Mensch können sich durch ihn ganz neu begegnen, wenn der Einzelne beginnt, sein Leben selbst zu wollen. Das kann in der täglichen Rückschau gelingen. Dazu hilft auch ein Wahrspruch Rudolf Steiners aus seinem Seelenkalender:

«Natur, dein mütterliches Sein,
ich trage es in meinem Willenswesen;
und meines Willens Feuermacht,
sie stählet meines Geistes Triebe,
dass sie gebären Selbstgefühl,
zu tragen mich in mir.»

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