Gemeinschaft in Zukunft gründen

Text und Foto: Wolfgang Schaffer, April 2019

Die Bildung einer menschlichen Gemeinschaft ist eng mit dem Prinzip der Individualisierung verbunden. Diesem «unheilbar Einsamwerden» des Einzelnen steht die Menschheit als Ganzes gegenüber. So entsteht die Frage, wie der Zusammenhang zwischen den Menschen in Zukunft noch und wieder neu gestiftet werden kann. Individualisierung und Gemeinschaftsbildung bedingen sich gegenseitig. Je stärker der Drang besteht, das Leben möglichst ungebunden als Individuum zu gestalten, desto wertvoller ist eine so entwickelte Persönlichkeit als Glied einer Gemeinschaft. Wer lässt sich aber noch darauf ein, seine wohlverdiente «Freizeit» im Dienst an einer Gemeinschaft einzusetzen? Die Überwindung der Selbstheit um eines größere Zusammenhanges Willen ist eine Freiheitstat, soweit sie aus Einsicht und völlig freiwillig erfolgt. Zumeist erhofft man sich ja doch von der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft einen ganz bestimmten Mehrwert. Wo dieser Mehrwert darin besteht, etwas hinzugeben ohne einen direkt ersichtlichen persönlichen Gewinn zu erzielen, wird die Sache spannend. Kann es möglich sein, dass das höchste zu erringende Gut darin besteht, die zivilisatorisch gewonnene persönliche Freiheit freiwillig für das einzusetzen, was dem Wohl der Anderen dient?

Mitglied werden in der Weltgesellschaft

Mit dem ersten Atemzug nach der Geburt vollzieht sich ein gewaltiger Schritt für jeden neuen Erdenbürger. Aus der größten Gebundenheit als Teil des Mutterleibes tritt das Neugeborene nun als Einzelwesen der ganzen Welt gegenüber. Diese Urerfahrung wiederholt sich im Laufe einer menschlichen Biographie immer wieder auf jeweils höherer seelischer und geistiger Ebene. Der Grad an Bewusstheit nimmt dabei zu. Wenn sich auch niemand selbst an die Dramatik der eigenen leiblichen Geburt direkt erinnern kann, so sind das Freiwerden der leibformenden Bildekräfte mit dem Schuleintritt um das 7. Lebensjahr und die Verselbstständigung des Gefühlslebens in der Pubertät unleugbare Teile der individuellen Lebenserinnerung. Der größte Schritt in das bewusste All-ein-sein vollzieht sich im Augenblick des Todes. Die bange Frage kann dabei entstehen, ob es die im Laufe des Lebens auf der Erde errungene Individualität auch über den Tod hinaus weiterhin geben wird?

Gemeinschaft mit den Verstorbenen

Ganz besonderer Wert wird in der von Rudolf Steiner bei der sogenannten «Weihnachtstagung»  1922/23 begründeten Anthroposophischen Gesellschaft darauf gelegt, auch die Menschen in die Gemeinschaftsbildung mit einzubeziehen, die bereits über die Schwelle des Todes gegangen sind. Dieser Haltung liegt die Einsicht zugrunde, dass die auf der Erde in und mit einem physischen Körper lebenden Menschen gar nicht von den Verstorbenen getrennt angesehen werden können. Diese Verbindung zeigt sich je nach dem Grad der gegenseitigen Zuwendung, sowohl in den Erinnerungsgedanken an die lieben Verstorbenen, als auch in rhythmisch an- und abschwellenden Kräfteströmen im Fühlen und Wollen. Die bewusst gepflegte Wachsamkeit für solche, von gestorbenen Menschen ausgehenden Impulse aus der geistigen Welt eröffnet den Erdenmenschen Möglichkeiten, auf die sie ohne eine solche Verbindung nicht kommen könnten. Vor allem die Lösung der wichtigsten sozialen Fragen des Zusammenlebens, sowie des richtigen Umganges mit den Kräften und Lebensformen der Natur, bedarf eines tieferen Nachdenkens, als wir es mit dem gewöhnlichen Alltagsbewusstseins zu leisten vermögen.

Gemeinschaft mit den Ungeborenen

Dem liebevollen Verbundensein mit bereits aus dem Leben geschiedenen Mitmenschen steht dem Geistesgut der Anthroposophie entsprechend das Bewusstsein gegenüber, auch die noch nicht verkörperten Menschen in die Gestaltung der Lebensverhältnisse miteinzubeziehen. Die Erhaltung der Lebenskräfte und ein respektvoller Umgang mit den Gütern der Natur bilden die Grundlage für die kommenden Generationen. An unsere Kinder können wir alles Gute, das wir von unseren Eltern geschenkt bekommen haben, voll bewusst und mit allen dazugehörenden Mühen wieder in den Lebensstrom der Menschheit zurückerstatten. Wer die Frage nach dem Weiterleben über den Tod hinaus in die Tatsache des noch nicht Geborenseins einmünden lässt, gewinnt daran die größte Zuversicht. Es gibt einen Strom des Lebens, aus dem wir gar nicht endgültig herausfallen können! Was wir unseren Nachkommen hinterlassen, wird uns dereinst selber wieder in weiterentwickelter Form entgegentreten.

Gemeinschaft gründen in der geistigen Welt

Diese ganz neue Dimension von Gemeinschaftsbildung bis hin zu den Verstorbenen und Ungeborenen verwirklicht sich in dem Maße, wie sich unser Bewusstsein über das sinnliche Wahrnehmen hinaus erweitert. Dazu wurde durch die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie ein Erkenntnisweg beschrieben, der das «Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte.» Im Gründungs-Statut der Anthroposophischen Gesellschaft von 1923 heißt es dazu gleich zu Beginn: «Die Anthroposophische Gesellschaft soll eine Vereinigung von Menschen sein, die das seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wollen.»

Was ist nun unter dieser Grundlage einer  «wahren Erkenntnis der geistigen Welt» zu verstehen? Tatsächlich wurde im Vollzug der Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft im Rahmen der  schon erwähnten «Weihnachtstagung» 1923 vor und mit den damals in Dornach anwesenden Gründungsmitgliedern der «Grundsteinspruch» enthüllt. In dieser jedem einzelnen Mitglied aufgegebenen Meditation wird die Menschenseele ganz allgemein dazu aufgerufen, sich ihres Lebens in den verschiedenen Bereichen des Leibes voll bewusst zu werden. Darin eröffnet sich ein Gespräch der Seele mit sich selbst. Sie kann zu sich anfänglich sagen: «Ich lebe als Einzelmensch in den Gliedmaßen meines Leibes, in dem Pulsieren von Herzschlag und Atemstrom, sowie in dem gleichsam ruhenden Haupt, jeweils in einer ganz bestimmten Eigenart. Direkt an meinen physischen Leib angrenzend umgibt mich eine äußere stoffliche Welt in Raum und Zeit. In der übenden Auseinandersetzung mit den geistigen Dimensionen des eigenen Daseins in Form von Erinnern, Besinnen und Erschauen werde ich durch mich selbst zu einem ganz neuen, dem eigentlich «wahrhaftigen» Leben kommen…» Das Vereinsziel der Anthroposophischen Gesellschaft  lautet schlicht und einfach: Werde wahrhaft Mensch! Der Weg dazu führt über die Erkenntnis der eigenen Geistigkeit zurück zu den ganz praktischen Belangen des alltäglichen Lebens. Dieser Weg zeigt sich in den Initiativen der Anthroposophie seit fast 100 Jahren in der Sorge um einen heilsamen Umgang mit den Pflanzen, Tieren und Elementen der Erde durch eine wesensgemäße biologisch-dynamischen Landwirtschaft. In der Verwirklichung einer Erziehungskunst, die dem Wesen und der jeweiligen Entwicklung des Kindes entsprechend durch die Waldorfpädagogik Impulse setzen kann. In einer anthroposophisch erweiterten Medizin, die durch die Stärkung der Selbstheilungskräfte im Menschen versucht, das Leben gesund zu erhalten. In der Anthroposophischen Gesellschaft selbst zeigt sich dieser Weg in dem gemeinsamen Streben nach einer gezielten Erweiterung des Bewusstseins für den seelischen und geistigen Anteil der Wesenheiten und der Welt .

Dazu braucht es Menschen, die sich frei dazu entschließen, etwas von sich einzusetzen, damit das Ziel «Mensch zu werden» auch gemeinsam erreicht werden kann. Man darf ja bekanntlich auch bei äußerer Kälte nicht auf Wärme hoffen, ohne tatsächlich den Brennstoff aufzubrauchen, der das Feuer in Gang hält. Im besagten Grundsteinspruch heißt es vermächtnishaft im Hinblick auf die Wirksamkeit des Göttlichen Lichtes, das uns erwärmend und erleuchtend auf dem Erdenweg begleitet:

«…dass gut werde, was wir aus Herzen gründen, was wir aus Häuptern zielvoll führen wollen.»

Der Zugang zur Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft (1) steht dieser Hoffnung entsprechend jedem Erwachsenen frei.

(1) Anfragen werden im Büro der Landesgesellschaft unter:  buero@anthroposophie.or.at oder telefonisch unter 01 5443535 gerne beantwortet.

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