Goethes wissenschaftliche Methode, Teil II

Text: Christoph Eisert

Es ist Goethes Überzeugung: „In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, dass sie isoliert seien, es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheiten?“

Deshalb gewinnt nach Goethe ein bewusst durchgeführter Versuch erst seine volle Bedeutung, wenn wir „nicht ablassen, alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung, eines einzigen Versuches, nach aller Möglichkeit durchzuforschen und durchzuarbeiten.“

Wir sehen, wie Goethe sein Vorgehen an den vielfältigen Bedingungen orientiert, in denen die Phänomene der Welt untereinander in Beziehung sind. Er lauscht seine wissenschaftliche Methode an dem gegebenen Beziehungsgeflecht der Naturphänomene ab: „Da alles in der Natur, besonders aber die allgemeineren Kräfte und Elemente in einer ewigen Wirkung und Gegenwirkung sind, so kann man von einem jeden Phänomene sagen, dass es mit unzähligen andern in Verbindung stehe, wie wir von einem freischwebenden leuchtenden Punkte sagen, dass er seine Strahlen nach allen Seiten aussende. Haben wir also einen solchen Versuch gefasst, eine solche Erfahrung gemacht, so können wir nicht sorgfältig genug untersuchen, was unmittelbar an ihn grenzt, was zunächst auf ihn folgt. Dieses ist’s worauf wir mehr zu sehen haben, als auf das, was sich auf ihn bezieht. Die Vermannigfaltigung eines jeden einzelnen Versuches ist also die eigentliche Pflicht eines Naturforschers.“ Diese Vermannigfaltigung jedes einzelnen Versuches gewinnt in der Forschungsweise Goethes damit eine zentrale Bedeutung.

Worin besteht nach Goethe nun die Bedeutung einer Vermannigfaltigung eines Versuches? „Eine solche Erfahrung, die aus mehreren andern besteht, ist offenbar von einer höhern Art. Sie stellt die Formel vor, unter welcher unzählige einzelne Rechnungsexempel ausgedrückt werden. Auf solche Erfahrungen der höhern Art loszuarbeiten, halt‘ ich für höchste Pflicht des Naturforschers.“ In der Erfahrung einer höheren Art drückt sich nach Goethe das Naturgesetz aus, das sich durch die Vermannigfaltigung eines Versuches aussprechen kann.

Es stellt sich als nächstes die Frage: Wie ist diese Vermannigfaltigung auszuführen? „Diese Bedächtlichkeit, nur das Nächste ans Nächste zu reihen, oder vielmehr das Nächste aus dem Nächsten zu folgern, haben wir von den Mathematikern zu lernen, und selbst da, wo wir uns keiner Rechnung bedienen, müssen wir immer so zu Werke gehen, als wenn wir dem strengsten Geometer Rechenschaft zu geben schuldig wären.“

Es ist demnach die mathematische Methode, die es ermöglicht in überschaubaren Schritten die Vermannigfaltigung eines Versuches zu gestalten, damit sich darin die Gesetzmäßigkeit seines Phänomenumkreises aussprechen kann. „Denn eigentlich ist es die mathematische Methode, welche wegen ihrer Bedächtlichkeit und Reinheit gleich jeden Sprung in der Assertion offenbart, und ihre Beweise sind eigentlich nur umständliche Ausführungen, dass dasjenige, was in Verbindung vorgebracht wird, schon in seinen einfachen Teilen und in seiner ganzen Folge dagewesen, in seinem ganzen Umfange übersehen und unter allen Bedingungen richtig und unumstößlich erfunden worden. Und so sind ihre Demonstrationen immer mehr Darlegungen, Rekapitulationen als Argumente.“

Sind dann die einzelnen Erfahrungen höherer Art als Naturgesetze gefunden worden, dann lassen sie sich „durch kurze und fassliche Sätze aussprechen, nebeneinander stellen, und wie sie nach und nach ausgebildet worden, können sie geordnet und in ein solches Verhältnis gebracht werden, dass sie so gut als mathematische Sätze entweder einzeln oder zusammengenommen unerschütterlich stehen.“

Genauso, wie die Mathematik völlig durchschaubar bzw. unerschütterlich nachweisbar ist, werden diese Erfahrungen der höheren Art ebenfalls ohne Zweifel nachgeprüft werden können. „Die Elemente dieser Erfahrungen der höheren Art, welches viele einzelne Versuche sind, können alsdann von jedem untersucht und geprüft werden, und es ist nicht schwer zu beurteilen, ob die vielen einzelnen Teile durch einen allgemeinen Satz ausgesprochen werden können. Denn hier findet keine Willkür statt.“

Wir haben in unseren Ausführungen den Weg einer ganzheitlichen Naturwissenschaft, letztlich jeder ganzheitlichen Wissenschaft und in ihrer Verbindung untereinander den Weg gekennzeichnet, der nach Goethe zu gehen ist.

Die Grundelemente sind die Erfahrung und das Denken darüber, das die Verbindungen der einzelnen Erfahrungen aufsucht. Durch die Vermannigfaltigung der bewusst gestalteten Versuche finden wir die Erfahrungen der höheren Art, die sich wiederum in einem Beziehungsgeflecht untereinander in Verbindung befinden. Es ist die völlig überschaubare Methode der Mathematik, die uns ermöglicht dieses Beziehungsgeflecht nachprüfbar zu erarbeiten.

„Sollten indes die Einbildungskraft und der Witz ungeduldig manchmal vorauseilen, so gibt die Verfahrungsart selbst die Richtung des Punktes an, wohin sie wieder zurückzukehren haben.“

Ich möchte mich herzlich bedanken, dass mir Gelegenheit gegeben wurde, Goethes Farbenforschung und seine Methode in einer kleinen Artikelserie vorzustellen. Sollten sich Fragen ergeben oder Interesse für einen farbigen Kontakt aufkommen, dann freue ich mich mit Goethe über einen lebendigen Austausch.

Alle Zitate von Teil II sind aus Goethes Aufsatz „Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt“

Christoph Eisert / „Förderverein für Goetheanistische Farbenlehre e. V.“

Auf der Rütte 18. D-79688 Hausen im Wiesental. +49 7622 697 53 84. c-eisert@web.de

 

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