Leben und Lebenlassen

Text: Wolfgang Schaffer

«Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens» ist laut Rudolf Steiner die Grundmaxime des freien Menschen. In unseren Tagen bedarf es wohl der ergänzenden Bemerkung: Schütze dich vor fremdem Wollen, dessen Ursprung nicht von einem Menschen-Ich verstanden werden kann!

Liebesziele suchen

Ein Idealbild des menschlichen Daseins auf dieser Erde könnte ganz einfach beschrieben darin bestehen, dass jeder Mensch jederzeit genau das tun würde, was er am meisten zu tun begehrt. Die reale Möglichkeit, ungehindert die jeweils tiefsten Liebesziele zu verwirklichen, würde doch zweifellos das höchste Maß an Glück für die so handelnden Menschen bedeuten! Das Paradies auf Erden könnte, ja müsste daraus rasch für alle Zeit und alle Menschen entstehen. Leid und Unglück wären soweit aufgehoben, als nicht Naturgewalten oder die natürliche Beschränktheit des rein organischen Geschehens der ewigen Glückseligkeit durch Krankheit und Tod die Grenzen setzten. Wie weit gefehlt eine solche Annahme ist, wenn sie die Menschheit unvorbereitet treffen würde, lässt sich leicht erahnen. Die Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert unserer christlichen Zeitrechnung sieht dementsprechend auch ganz anders aus. Es herrscht zumindest in den zivilisierten Bereichen der sogenannten ersten Welt ein allgemein anerkannter «Kampf ums Dasein», der das einzelne Mitglied einer Gesellschaft zu der fortwährend bestmöglichen Leistung im gesamten Zusammenhang der sozialen Gemeinschaft motivieren soll. Zuviel Zufriedenheit ist  diesem Ziel ganz offensichtlich abträglich. Der Kampf um die guten Plätze auf der Lebensbühne wird zunehmend auf dem Schauplatz «Bildung» ausgetragen und beginnt zumeist schon mit der Wahl der optimalen Kinderkrippe. Was sich oft zwar nicht als direkte Auseinandersetzung geltend macht, entspricht doch dem stillen, inneren Monolog der Individualitäten, sich «nichts gefallen zu lassen» und die eigenen Chancen auf das erfolgreiche Leben gegen jede Einbuße anderen Mitstreitern gegenüber zu verteidigen.

Der Grund, warum sich die beschriebene Haltung so stark und übermächtig in unserer Lebensführung ausgebreitet hat, liegt offensichtlich gar nicht in den innersten Absichten der einzelnen Menschen. Wer würde nicht liebend gerne mit Wohlwollen auf den Nächsten zugehen, um mit ihm bei der Verwirklichung gemeinsamer Visionen zusammenzuarbeiten? Da die Sicherung der eigenen Existenz jedoch zwingend den Vorrang einnimmt, bleiben viele andere Möglichkeiten einer freieren Lebensgestaltung kaum berücksichtigt. Dabei geht man offensichtlich davon aus, dass man um das Gute im Leben gegen andere kämpfen muss, weil das Gute eben nicht für alle reicht! Diese Stimmung ist vergleichbar mit einer Geburtstagsfeier, bei der die Anzahl und somit die Größe der verteilbaren Tortenstücke, ganz unabhängig von der Anzahl der geladenen Gäste, nicht vom Geburtstagskind selbst, sondern von denen bestimmt wird, die sich direkt in der erreichbaren Nähe zur Geburtstagstorte befinden.

Rudolf Steiner schildert in seinem Grundwerk «Die Philosophie der Freiheit», dass es im Hinblick auf die Möglichkeit des freien Handelns gar nicht darauf ankommt, ob wir einen gefassten Entschluss in die Tat umsetzen, sondern wie dieser Entschluss in uns entsteht. Restlos frei sind wir nur solchen Intuitionen gegenüber, die wir vorbehaltlos lieben. Wer aus Liebe handelt, befreit sich dadurch aus den Klammern der zwingenden Notwendigkeit. Der Ausdruck Liebe weist im Sinne der hier gemachten Ausführungen unmissverständlich über das Eigensein hinaus und zeichnet sich durch das Bestreben aus, die individuelle Eigenart des jeweils geliebten anderen Wesens bedingungslos zu fördern. Die Absichten von Menschen, die aus wahrer Liebe handeln, können sich nicht gegenseitig hindern, hemmen oder überwältigen. Von der kleinsten sozialen Einheit bis hin zu den größten internationalen Zusammenschlüssen gilt das Gesetz, dass sich Handlungen aus Liebe nicht gegenseitig stören. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass der Bereich, aus dem die Impulse zu diesen Liebestaten stammen, eine geistige Einheit bildet, in der die individuellen moralischen Intuitionen auch schon vor ihrer Verwirklichung in Form von Taten ihren gemeinsamen Ursprung haben. Im Bild der bereits erwähnten Geburtstagsfeier genügt ein Hinweis auf die Selbstbeobachtung. Woher stammt die Absicht, den Anteil an der gemeinsamen Torte an sich zu nehmen? Ist es ein Reflex zur Selbstversorgung oder die Idee, dem Willen des Geburtstagskindes entsprechend in Dankbarkeit genau den Anteil anzunehmen, der auch mit allen anderen Geburtstagsgästen übereinstimmt?

Eigenwillen durch Selbstbeschränkung stärken

Selbstbewusstes Handeln, das aus der klaren Einsicht in die das Handeln bedingenden Gründe erfolgt, kommt erst für das Lebensalter in Betracht, dem man auch den Überblick und die daran geknüpfte volle Verantwortung für die Folgen einer Tat zuschreiben kann. Bis dahin lernen und handeln die Kinder und Jugendlichen aus Nachahmung, Nachfolge geachteter Persönlichkeiten und Begeisterung für persönliche Ideen und Ideale. Während dieser Zeiten muss der Eigenwille auch von außen in gewissen Schranken gehalten werden, um nicht in Konflikte und Konfrontationen mit ebenbürtig egoistischen Motiven anderer Menschen zu geraten.

Im Erwachsenenalter sieht man sich dann oft trotz entwickelter Urteilskraft und vorhandenem Gestaltungswillen dazu gezwungen, seinen Lebensunterhalt durch bezahlte Erwerbsarbeit zu bestreiten, obwohl man «eigentlich» etwas ganz anderes im Leben verwirklichen will. Man nimmt dabei in Kauf, Handlungen auszuführen, die einem fremden Willen möglichst treu entsprechen. Wer die Anweisungen zur Arbeit nicht befolgt, verliert die Arbeitsstelle. Der Rest der Lebenszeit wird dann dazu verwendet, ausgleichshalber das nachzuholen, was man immer schon viel lieber getan hätte. Natürlich gibt es auch Menschen, die so stark von ihrer persönlichen Mission im Leben erfüllt sind, dass sie keinerlei Kompromisse eingehen und auf Gedeih und Verderb einfach nur das tun, was sie als ihren Lebensauftrag erkennen. Der Anteil von Menschen solcher Willensstärke ist aber insgesamt gesehen doch vergleichsweise gering.

Am Widerstand gewinne!

Der von Rudolf Steiner geprägte Satz: «Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens» ist eine Formel, die tatsächlich in einer guten Weise den Freiraum schaffen kann, der in einer Menschengemeinschaft nötig ist, um die Impulse wahrzunehmen und umzusetzen, die eine Entwicklung zu höherer Menschlichkeit hin in positiver Weise unterstützen. Die Grundlage einer solchen Entwicklung ist das Vertrauen von Mensch zu Mensch. Dieses Vertrauen droht im öffentlichen Raum derzeit immer mehr verlorenzugehen, weil die Beweggründe öffentlichen Handelns von den verantwortlichen Personen oft nicht einsichtig genug dargestellt werden. Aus diesem Mangel an Durchschaubarkeit resultiert das Gefühl der Ohnmacht mancher «Zwangsbeglückung» gegenüber, die sich als notwendiger technischer Fortschritt oder als bestimmende Trendsetzung im gesellschaftlichen Diskurs manifestiert. Derzeit geht es im großen Maßstab vor allem um die Rettung und Bewahrung unserer planetarischen Lebensgrundlagen, die durch den allgemeinen Zwang zur Erwerbsarbeit und den damit verbundenen Ausbildungs- und Erziehungsgewohnheiten gezielt den Egoismen einzelner Machtinhaber geopfert werden. Zur Darstellung eines Symtomes dieser Vorgänge können vielleicht folgende Fragen zum Thema «Datenübertragung durch G5» hinführen. «Wer braucht diese nächste Stufe der elektromagnetischen Informationsübertragung wirklich so dringend, wie sie durchwegs dargestellt wird? Wer wird sich dieses Angebot tatsächlich leisten wollen und können? Wer will in einer «Antennenlandschaft – Strahlenwolke» leben und einer stark erhöhten Strahlenintensität ungeprüft hinsichtlich gesundheitlicher Folgewirkungen dauerhaft ausgesetzt sein? Warum werden die betroffenen Menschen vor der Umsetzung eines so weitreichenden Vorhabens nicht davon in einer Weise informiert, dass Sie sich ein eigenes Urteil bilden können? Warum werden Sie um ihre Zustimmung nicht vor der tatsächlichen Umsetzung des Projektes gefragt?

Wahrscheinlich wird es in der kommenden Herbstausgabe des «Wegweiser» eine entsprechende Möglichkeit geben, sich an einer Willensbekundung diese Fragen betreffend zu beteiligen. Bisher wurden die Beantwortung solcher Fragen vielleicht zu vertrauensvoll in die Hände von Experten gelegt. Manche Dinge können aber nicht nur aus dem technischen Verständnis heraus, sondern auch nach allgemein menschlichen Kriterien entschieden werden. Dafür gibt es dann keine besseren Experten mehr als die einzelnen betroffenen Menschen selbst.

Viele andere Beispiele und Fragen aus den Bereichen Landwirtschaft, Pädagogik und Medizin könnten noch angeführt werden. Der eingangs gemachte Zusatz zur zitierten Grundmaxime des freien Menschen will besagen, dass es statthaft ist, sich vor fremdem Wollen auch zu schützen, solange nicht erkennbar ist, wer die Verantwortung für die Wirkungen des fremden Wollens übernehmen wird. Das bedeutet für unsere derzeitigen gesellschaftlichen Zustände offensichtlich auch die Pflicht, durch aktiven Widerstand herauszufinden, wer eigentlich hinter dem wahrgenommenen Willen steht, der unversehens den Handlungsspielraum des eigenen Lebens zu vereinnahmen droht. Die unsichtbaren Willensträger sollten sich nun angesichts eines wirklich eingetretenen Widerstandes entweder unbemerkt zurückziehen oder aber für ihr Anliegen offen und erkennbar Rede und Antwort stehen.

Im Verauf der jüngsten politischen Entwicklungen in Österreich ist es wohl endgültig klar geworden, dass das Recht nur vom Einzelnen, wachbewusst urteilenden und somit mündigen Menschen auszugehen hat. Möge es auch immer wieder in menschengerechter Form von den Verantwortungsträgern zu ihm zurückkehren!

 

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