Waldorf in Ruanda

Dieser Beitrag basiert auf einem Bericht über die Bedarfserhebung am Ubumwe Community Centre ist in Gisenyi im Westen Ruandas zur Fortbildung in Anthroposophischer Heilpädagogik ( Besuch vom  15 – 20. April 2019).

Der Bericht wurde verfasst von Natascha Hermann und Michael Mullan und wird hier nach einer dazugestellten Einleitung (kursiv) in Auszügen zitiert.

Das Ubumwe Community Centre ist eine soziale Einrichtung auf privater Basis in Gisenyi/ im Westen Ruandas, die heute aus Spenden zumeist aus dem Ausland und durch Sponsoring finanziert wird. Auch der Staat Ruanda schießt zu.

Gründungsimpuls war das Lehrer-Schüler Verhältnis von Zacharie Dusingizimana und Frederick Ndabaramiye, wobei ersterer eine Behinderung durch die kriegerischen Ereignisse erlitten hat. Sie gründeten – ganz klein zunächst – das UCC als persönlichen Beitrag zum Heilen der Wunden des Genozids in Ruanda. Sie suchten im weiteren Verlauf nach einer strukturierten Fortbildung. Über Waldorf Nairobi  kam der Kontakt zur Organisation  „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“, die wiederum die Kooperation mit dem Waldorfpädagogen Michael Mullan vermittelte.  Dieser reiste erstmals 2017 nach Ruanda und bestritt ein Fortbildungseminar

Waiting at the centre

 Aus dem Bericht:

Aufbauend auf Michael Mullans mehrwöchiger Ausbildung in anthroposophischer Heilpädagogik am UCC im April 2018 schloss sich im April diesen Jahres ein Forschungsprojekt an.

Das primäre Ziel des war es, bei Mitarbeitern am UCC den Bedarf bezüglich Fortbildungsmöglichkeiten in der Waldorfpädagogik bzw. anthroposophischen Heilpädagogik zu ermitteln und Rahmenbedingungen hierfür zu klären. Auch wollte man erfahren, wie die Ausbildung aufgenommen wurde. Dazu sollten alle Teilnehmer an der von Michael Mullan gehaltenen Ausbildung am UCC befragt werden.

Es gab Gespräche mit den beiden Gründern des UCC, Zacharie Dusingizimana und Frederick Ndabaramiye sowie mit dem Schulleiter Justin Nshimiyimana, dem Projektmanager Viateur Uwambajimana der zugkeich Koordinator der Point Foundation ist, sowie Lehrern, die an der Ausbildung im Vorjahr teilgenommen haben. Im Vorfeld bestand Kontakt zu Victor Mwai Wahome von Waldorf Kenia sowie Sharon Gallagher vom Gallagher Trust.

Weiters sollte der Aufenthalt dazu dienen, gemeinsam mit Zacharie Dusingizimana und Viateur Uwambajimana eine Präsentation für den einstündigen Workshop im Rahmen der International Communal Studies Association (ICSA) Konferenz im Juli 2019 vorzubereiten.

House of Children School am UCC

Ein Bereich des UCC ist die „House of Children“- Schule, die eine Vorschule (entspricht unserem Kindergarten für 2-6jährige) und die Grundschule umfasst. Bis zur sechsten Klasse wird die Schule zweizügig geführt. Insgesamt sind zurzeit 800 Schüler am UCC in Ausbildung, 174 davon mit Behinderungen, für die die Point Foundation die Schulgebühren übernimmt. Die Schulkosten sind für private Schulen mit 55.000 Ruandische Franken (=54,4 €) pro Semester vergleichsweise niedrig. Die Schule hat sich der Inklusion verschrieben. Das bezieht sich in erster Linie auf den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit bzw. ohne Behinderungen sowie auch auf die Leistbarkeit der Schulkosten. Alle Kinder der Schule lernen Gebärdensprache.  Die durchschnittliche Klassengröße liegt bei 50 Schülern pro Klasse. In der Vorschule sind zwei Lehrer angestellt. Ab der ersten Klasse gibt es nur einen Lehrer. Die sogenannte Übergangsklasse stellt eine Sonderform dar, mit einem Lehrer und zwei Assistenten bei 30 Schülern mit Behinderungen. Hier sind neu hinzugekommene Schüler unterschiedlichen Alters für maximal ein Schuljahr, bevor in einer gemeinsamen Lehrerkonferenz die Entscheidung getroffen wird, welchem Programm vom UCC die jeweiligen Schüler zugeordnet werden.

Bugesera rural area

Ausbildung und Lehrerfahrung

Die UCC-Lehrer kommen von unterschiedlichen Lehrerausbildungen – teilweise aus der Demokratischen Republik Kongos, teilweise aus Ruanda. Die interviewten Lehrer, die bereits am ersten Waldorf-Seminar im April 2018 teilgenommen haben, haben zwischen zwei und sieben Jahren Lehrerfahrung, alle davon zumindest zwei Jahre am UCC. Am UCC hat kein Lehrer eine spezielle Aus- oder Weiterbildung in Heil- oder Sonderpädagogik bzw. Inklusion.

Bedeutung der Waldorfpädagogik

In der Waldorfpädagogik sehen alle Befragten Vorteile – auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene. Aufgrund der fortschreitenden Entwicklung und Einflüsse von externen bzw. westlichen Kulturen haben sich die Menschen Ruandas verändert: In der zunehmenden Schnelllebigkeit des Alltags gehen Soziale Qualitäten oft verloren. Aufgrund äußerer Einflüsse ist Ruandas Gesellschaft heute viel individualistischer geprägt als in den Jahren und Jahrzehnten zuvor.

Da jedoch das gemeinschaftliche Schaffen Afrika bzw. auch der ruandischen Kultur an sich eigen ist, ergibt sich durch die Waldorfpädagogik eine neue Chance, den Wert der Gemeinschaft wieder zu beleben bzw. aufrecht zu erhalten. Eine Person beschrieb die Waldorfpädagogik als eine Möglichkeit der Aussöhnung, als eine Chance wieder gegenseitigen Respekt in der Gesellschaft zu etablieren, der durch den Genozid vor 25 Jahren zerstört worden war.

Auf der mehr individuellen Ebene wird das Potenzial der Waldorfpädagogik insbesondere in der ganzheitlichen Herangehensweise gesehen, die Herz, Hand und Kopf bzw. Kunst, mit Wissen(schaft) und einer religiösen Zugangsweise verbindet.

Da jedoch das gemeinschaftliche Schaffen Afrika bzw. auch der ruandischen Kultur an sich eigen ist, ergibt sich durch die Waldorfpädagogik eine neue Chance, den Wert der Gemeinschaft wieder zu beleben bzw. aufrecht zu erhalten. Eine Person beschrieb die Waldorfpädagogik als eine Möglichkeit der Aussöhnung, als eine Chance wieder gegenseitigen Respekt in der Gesellschaft zu etablieren, der durch den Genozid vor 25 Jahren zerstört worden war

Zacharie und Viateur schätzen am Zugang zur anthroposophischen Heilpädagogik auch, damit Teil einer internationalen Bewegung zu sein, die zum einen ihnen selbst neue Lernmöglichkeiten eröffnet. Zum anderen hat Zacharie auch das Potenzial angesprochen, mit dem anthroposophischen Ansatz das ruandische Schulsystem insofern ein Stück weit beeinflussen zu können, als das Bildungsministerium auch das UCC betreut bzw. kontrolliert und somit der Einblick in die anthroposophischen Ansätze UCC-externen Personen zugängig werden könnte.

Bugesera hairdressing class

Umsetzung der im Seminar 2018 vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten

Der Schulleiter berichtete von der veränderten Haltung gegenüber den Schülern aufgrund der Ausbildung in Waldorfpädagogik, indem man den Lehrstoff auf den Erfahrungen der Kinder aufbaut. Den Gedanken der Waldorfpädagogik, dass der eigentliche Lehrplan das Kind selbst sei, sieht er mit dem Konzept eines kompetenzbasierten staatlichen Lehrplans, der in Ruanda 2014 eingeführt wurde, durchaus kompatibel.

Aufgrund der Ausbildung im Jahr 2018 haben vor allem die Lehrer beschrieben, einen persönlichen Entwicklungsprozess durchgemacht zu haben. Ein Lehrer beobachtete die größte Veränderung an sich selbst („This is a new Elie“). Zuvor achteten sie im Umgang mit den behinderten Kindern in erster Linie auf deren Sicherheit, während der Unterricht auf die nicht behinderten Schüler fokussiert wurde. Bedingt durch die Ausbildung hat sich diese Sichtweise gewandelt. Sich auf die Kinder mit Behinderungen zu konzentrieren, ermöglichte eine vertrauensvolle Beziehung mit diesen zu etablieren. Die Lehrer nahmen wahr, dass dies dem Verhältnis zum Rest der Klasse keinen Abbruch tat sondern im Gegenteil das Erleben der Gemeinschaft stärkte.

Der Wegweiser wünscht diesem Projekt, das aus reinem Idealismus entstanden ist, eine lange und gedeihliche Zukunft!

Korrespondenzadressen:

Mag. Natascha Hermann, MPH Michael Mullan, BA
natascha.hermann@gmx.de M.Mullan@dg-breitenfurt.at
M: + 43 (0)676 5360196 M: + 43 (0)676 844360200
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