Was schaffen wir mit unserem Wissen?

Text: Norbert Liszt.  Eine Auseinandersetzung mit der Erkenntnistheorie Rudolf Steiners.

„Wir würden unser Wissen nicht für Stückwerk erklären, wenn wir nicht einen Begriff von einem Ganzen hätten.“ J.W. von Goethe

Was wir Menschen durch die Sinneswahrnehmung als gegeben vorfinden, das sind die Dinge, die uns zu denkender Verarbeitung veranlassen. Wir bringen auf diese Weise getrennt auftretende Gegebenheiten in einen Zusammenhang, geben ihnen Bedeutung, bewerten sie und ergründen ihre Gesetze. Die konsequent betriebene denkende Verarbeitung und deren Ergebnisse nennen wir Wissenschaft.

Die Objekte und Ereignisse, die wir in unserer Umwelt vorfinden veranlassen uns zwar, den zu ihnen gehörigen Gedankeninhalt zu finden, sie sind uns dabei aber keine Hilfe. Wir müssen die Voraussetzungen selber schaffen, durch die der richtige Gedankeninhalt aus der Fülle aller möglichen Gedanken erscheinen kann.

 

Der Erkenntnisprozess

Wissen ist Resultat des Erkenntnisprozesses und Erkenntnis zu erlangen, tritt als Bedürfnis im Menschen auf, wie Hunger und Durst. Das Bedürfnis und die Fähigkeit zu erkennen, sind Grundanlagen des Menschseins. Sie charakterisieren uns und sind Elemente, die uns von allen anderen Wesen unterscheiden.

In unserem Bewusstsein treten zwei Dinge in Erscheinung: das über die Sinne Erfahrene, uns unmittelbar Gegebene und das denkende Erkennen desselben. Das eine geht in das andere über und wir empfinden normalerweise nicht, dass es eine Grenze zwischen der passiven Hingabe an die gegebenen Objekte und unserem denkenden Erkennen gibt. Was wir aber empfinden können, ist, dass uns so manches Gegebene als Rätsel entgegentritt und wir den Drang verspüren, nach Lösungen zu suchen. Wir fragen nach Ursache und Wirkung; nach dem, was die Dinge verbindet; nach Gesetzmäßigkeiten; Ordnung etc. und machen die Erfahrung, dass die sinnliche Anschauung unsere Fragen nicht beantwortet. Die Dinge, die wir in der Anschauung vorfinden, geben uns von sich aus keine Auskunft.

 

Sinneseindruck und Denkakt

Die Sinnesanschauung liefert nur ein zusammenhangloses Neben- und Nacheinander. Erst das denkende Erkennen klärt uns darüber auf, wie die einzelnen Dinge zusammenhängen, fügt sie in eine Ordnung ein, klärt uns auf über ihre Bedeutung, über Ursache und Wirkung von Ereignissen, über Wertigkeit etc. Ohne Denken würden die Dinge gleichwertig nebeneinanderstehen und zusammenhanglos aufeinanderfolgen.

Das Interesse an den Objekten und Ereignissen unserer Wahrnehmung entzündet in uns das Bedürfnis, nach Lösungen zu suchen. Wir entwickeln ein Erkenntnisbedürfnis, das unser Denken in Gang bringt. Unser Erkenntniswille impulsiert unsere Denkarbeit. Ohne diese, in uns sich vollziehende und aus uns selbst hervorgehende Denktätigkeit, kann es zu keiner Lösung kommen. Daran erfahren wir, dass Sinneseindruck und dazu passender Begriff in unserem Bewusstsein nicht unmittelbar verbunden in Erscheinung treten. Das eine, unmittelbar Gegebene, also die Dinge, die uns über unsere Sinne zugängig sind, können wir nur erfahren (wahrnehmen). Sie erscheinen durch passive Hinwendung zu den Objekten der Außenwelt in unserem Bewusstsein. Das andere erfordert Aktivität. Unsere Denkarbeit schafft erst die Formen, durch die Begriffe und Ideen erscheinen können. Das Denken ist also das Wahrnehmungsorgan der Ideen. Es nimmt Ideen wahr, wie das Ohr Töne wahrnimmt.

Wir Menschen tragen die Ideen nicht in uns und holen sie aus uns, wie aus einem Behälter, heraus. Wir sind nicht die Produzenten der Weltinhalte. Wäre es so, bräuchte es keine Erkenntnis, denn wir hätten keine Veranlassung zu erkennen, was wir selber erzeugen.

Träten andererseits die Sinnesobjekte schon vereint mit dem Gedankeninhalt in unser Bewusstsein ein, dann wäre uns alles unmittelbar gegeben. Der Weltinhalt würde fertig in uns hineinfließen. Auch in diesem Fall bräuchte es das Erkennen nicht.

Mit dem denkenden Erkennen ergänzen wir, was unvollständig ist. Was uns die Welt unmittelbar offenbart, ist nur die Hälfte der Wirklichkeit. Für die zweite Hälfte sorgt unser Denken und schafft damit erst volle Wirklichkeit.

 

Das Einzelne als Teil eines Ganzen

Und die Wirklichkeit kann nicht Stückwerk sein. Sie fordert Ganzheit, wie es das obige Zitat Goethes zum Ausdruck bringt. Das Denken führt das Besondere, Mannigfaltige in die Allgemeinheit über. Sein Ziel ist die Schaffung einer Ganzheit.

Das Einzelne ist nur begreifbar als Teil eines Ganzen. Es sind zwei Grundprozesse, die sich in unserem Bewusstsein vollziehen: Die Sonderung des Einzelnen vom Ganzen und das Wiedereinfügen.

Ideen sind etwas All-Gemeines. Das Besondere, Einzelne kommt in der Welt der Ideen nicht vor. Die Mannigfaltigkeit ist eine Erscheinung der Physischen Welt. Sie ergibt sich durch die Elemente Raum und Zeit. Ihr Wert liegt darin, dass die Gedanken, die immer flüssig sind, in einer bestimmten Form festgehalten werden.

In der Natur sind die Wahrnehmungsobjekte und deren Gedankengehalt vereint. Die Natur ist ein großes Ganzes. Nur für unser Bewusstsein tritt die Trennung auf. In ihm stehen sich Idee und Sinneserscheinung als in ihrem Wesen zwar gleiche, aber verschiedene Seiten der Welt gegenüber.

 

Gedankenbildung

Das führt uns zu der Frage: „Warum müssen wir trennen, was wir ohnehin wieder zusammenfügen?“ Dazu ein Zitat von Rudolf Steiner: „Ein Prozess der Welt erscheint nur dann von uns ganz durchdrungen, wenn er unsere eigene Tätigkeit ist.“¹ Das bedeutet, unser Denken ist zwar nicht Produzent der Begriffe und Ideen, aber es schafft die Formen, in die sie sich hineinergießen können. Wir sind aktiv beteiligt am Zustandekommen der Ideen. Und die Ideen sind das Wirkende und Bewirkende in allen Dingen.  Sie sind nichts Transzendentales, nichts über den Dingen Schwebendes, sondern sind diesen immanent, kommen aber nur durch unseren Erkenntnisakt zur Erscheinung. Indem wir durch unser Denken Sinnes- und Ideenwahrnehmung verbinden und gewahr werden, dass die sinnliche Wirklichkeit nur eine andere Form der ideenhaften, geistigen Wirklichkeit ist, vollführen wir einen schöpferischen Akt. Wir reihen das, was unseren Sinnen als Einzelnes im Raum erscheint, in die Ganzheit des Ideengehaltes der Welt ein. Diese Fähigkeit ist das Besondere an uns. Es ist „die wahre Kommunion des Menschen“².

Die sinnliche Wirklichkeit erfahren wir als etwas Fertiges. Sie ist da, ohne dass wir etwas beigetragen haben. Endgültig verstehen können wir aber nur das, von dem wir wissen, wie es so geworden ist, wie es ist. Das ist bei unserem Denken der Fall. Eine Gedankenform tritt mir nur dann gegenüber, wenn ich sie selbst hervorbringe. Der fertige Gedanke steht am Ende eines Prozesses, in dem ich selber drinnen stehe. Da ich ihn selbst auf diese Form gebracht habe, ist er mir immer durchsichtig.

Um ein Objekt zu begreifen, das in den Kreis meiner Wahrnehmung tritt, muss ich den Vorgang verfolgen können, der zu seiner fertigen Form geführt hat. Die Sinneserscheinung muss uns auf die gleiche Art durchsichtig werden wie unser eigener Gedanke.

Gedanken haben bedeutet also, sie selbst zu erzeugen. Wir sind damit Quellort der Ideen. Und wenn die Welt eine einheitliche ist, dann entspringen unsere Erkenntnisse, die Wahrheitserlebnisse sein wollen, aus der selben Quelle, aus der alles Sein der Welt entspringt. Somit ist wahre Wissenschaftlichkeit keine Hinzufügung unserer subjektiven Gedanken zu den Dingen, die unsere Sinneserfahrung liefert, sondern ein Wahrnehmen der Ideen und Gesetze, die ihnen innewohnen.

 

Die Erkenntniswissenschaft klärt uns auf über unsere Denkprozesse und Denkinhalte, die objektiver Weltinhalt sein wollen. Sie will uns wissen lassen, „was für eine Bedeutung die Spiegelung der Außenwelt im menschlichen Bewusstsein hat und welche Beziehung besteht zwischen unserem Denken über die Gegenstände der Wirklichkeit und den letzteren selbst“.³ Sie will uns auch helfen, Erkenntnis über uns selbst zu erlangen, wie wir Menschen in der Welt drinnen stehen und wozu wir berufen sind.

 

 

¹ Rudolf Steiner, Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, 8. Kapitel, Von der Kunst zur Wissenschaft; GA 1

² Selbes Buch, Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen (S 126)

³ Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, 3. Kapitel, Die Aufgabe unserer Wissenschaft; GA 2

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