Zweigleben in Österreich

An den Zweigen erkennt man das Leben eines Baumes! Wir wollen uns im Rahmen
einer kleinen Reihe darum bemühen, die Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft als
Keimzellen der Anthroposophie in Österreich zu Wort kommen zu lassen.

– Text: Wolfgang Schaffer

Einmal wöchentlich treffen sich Mitglieder und Freunde der Anthroposophischen Gesellschaft regional gegliedert zum sogenannten Zweigabend. Im Rahmen dieser Zusammenkünfte wird versucht, sich den Inhalten zu nähern, die Rudolf Steiner im Laufe seines Lebens im Hinblick auf das Wesen des Menschen und seines Zusammenhanges mit dem Weltenall vermittelt hat. Dieses Bemühen erfolgt zumeist in Form eines geleiteten Gespräches, bei dem es darauf ankommt, in einer möglichst ausgewogenen Art und Weise die ausgewählten Textinhalte mit durchlebter, persönlicher Erfahrung zu verweben. Die Leitung eines solchen Gespräches besteht vor allem darin, den Zusammenhang der einzelnen Beiträge herzustellen und dabei den geistig wirksamen, lebensvollen Anteil des Geschehens hervorzuheben. Die stete Treue – man kann auch sagen «Zähigkeit», mit der in den anthroposophischen Zweigen seit Jahrzehnten an den Inhalten gearbeitet wird, die Rudolf Steiner seiner Mit- und Nachwelt anvertraut hat, verdanken diese nicht zuletzt ihren rechtlichen Formen. Als gemeinnützige Vereine dienen sie den Zielen, die sie sich im Hinblick auf die Verwirklichung des Erkenntnisweges, als den Rudolf Steiner die Anthroposophie bezeichnet hat, selber setzen. Diese Vereinsstruktur wirkt zwar etwas schwerfällig, gewährleistet andererseits aber eine gewisse Kontinuität im Bestehen der gebildeten Gemeinschaft. Rudolf Steiner hat sich ja selbst nicht gescheut, die Leitung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft und ab 1924 den Vorsitz in der neu begründeten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu übernehmen. Als „Wanderer” sieht man sich auf dem besagten Erkenntnisweg, der „das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte” vor die Tatsache gestellt, die Größe und Erhabenheit der Landschaft, die sich auf dem Wege zeigt, bei Weitem unterschätzt zu haben. Auch die lichten Höhen, die man gemeinsam wandernd manchmal erreicht und der jäh sich zeigende Abgrund lassen sich nicht aus dem eher langweilig wirkenden, äußeren Erscheinungsbild des Zweiglebens erschließen. Oft hält sich der Himmel über den Wanderern auch ganz bedeckt. Es fehlt dann streckenweise jede Überschau – bis sich der Blick plötzlich wieder weitet und man sich überstrahlt von Einsicht und in Einigkeit als Gemeinschaft freier Einzelmenschen wiederfindet. Wir beginnen die Vorstellungsrunde mit einem der vier Zweige aus Wien.

Der Zweig in der Liechtensteinstraße:

In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg war es Frau Lucy Herzog, die sich um die Schaffung eines entsprechenden Rahmens für eine regelmäßige anthroposophische Arbeit in Wien bemühte. Sie hatte die Zeit des Nationalsozialismus als Jüdin in Wien überlebt, weil sie sich mit Hilfe von Freunden versteckt halten konnte. Gleichsam „eingemauert“ auf engstem Raum, sich der ständigen Lebensgefahr voll bewusst, fand sie in diesen Jahren durch das Studium der Anthroposophie zu sich und darin ihre neue Lebensquelle. Dem inneren Versprechen, das sie sich in dieser Zeit gab, blieb sie nach dem Ende des Krieges freudig und ganz selbstverständlich treu: Sie wollte – falls Sie überleben sollte – ihr weiteres Leben dem Dienst an der Anthroposophie widmen. Dieses Vorhaben wurde ab dem Jahr 1957 mit der Begründung des Arbeitskreises für Anthroposophisches Geistesstreben  verwirklicht. Viele Jahre schien es ungewiss, ob der Arbeitskreis für Anthroposophisches Geistesstreben überhaupt als „echter“ Anthroposophischer Zweig gelten könnte. Tatsächlich unterschied sich die Art der Arbeit ganz wesentlich von der anderen Ortes üblichen Form einer Zweigarbeit. Es wurden damals vor allem Vortragsredner aus aller Welt in den Arbeitskreis nach Wien eingeladen, sodass für eine mehr interne Gesprächsarbeit kaum Zeit blieb.

Heute wird in den Räumen der Liechtensteinstraße 43, 1090 Wien regelmäßig am Donnerstag von 19:30 bis 21 Uhr der Versuch unternommen, in einer Gesprächsrunde Erfahrungen auszutauschen, die man als Einzelner eben nicht so umfassend beschreiben kann wie in einer ganzen Gemeinschaft. Dabei wird gleichsam eine Art von „Geistesauge“ ausgebildet, um Einblicke in die Welt zu gewinnen, die der physischen Lebensumgebung zugrunde liegt.

Wir beginnen die gemeinsame Zweigarbeit jeweils mit einem Spruch von Rudolf Steiner:

«Wer eintritt, bringe Liebe diesem Heim. Wer drinnen weilt, suche Erkenntnis an diesem Ort. Wer Austritt, nehme Frieden mit aus diesem Haus»

Wer selbst einmal an so einem «Wagnis» teilnehmen will, ist dazu herzlich eingeladen! Eine kurze Ankündigung (siehe: Anfragen) ist willkommen, aber nicht unbedingt nötig. Die Räume des Zweiges sind in einer besonderen Weise gestaltet, um den Inhalten der Anthroposophie eine entsprechende Hülle zu geben. Sehr einprägsam sind die sieben, aus jeweils entsprechenden Hölzern geschnitzten sogenannten «Planetensiegel». Der Zweigraum ist auch mit einer kleinen Bühne ausgestattet, auf der von Zeit zu Zeit künstlerische Darbietungen stattfinden. Ein wirkliches Berührtwerden von Geistig-Wesenhaftem kann im Vollzug einer Zweigarbeit gelingen, wenn es den einzelnen Teilnehmern an dem Gespräch möglich ist, ein gewisses Maß an Selbstlosigkeit unmittelbar in die Begegnung einzubringen. Der eigene Gesprächsbeitrag sollte so zur Geltung kommen, dass er nicht subjektiv «wichtiger» gefühlt wird als das Wort jedes anderen Gesprächsteilnehmers. Diese Erkenntnis gilt es nicht nur theoretisch zu postulieren, sondern spontan zu durchleben. Jeder, der etwas ganz „Wichtiges“ zu sagen hat, wird nachempfinden können, dass schon diese einfachste Form von Selbstlosigkeit den Teilnehmern der Arbeitsgruppe ein gehöriges Maß an Selbstbeherrschung abverlangt. Doch siehe da, wie reich beschenkt darf man sich fühlen, wenn einem dann gerade dieses „wichtigste“ Motiv, das einem selber so am Herzen liegt, plötzlich völlig losgelöst von dem eigenen Wollen aus dem Munde eines anderen entgegentönt… Entweder fühlt man sich dann schmerzlich übergangen oder man freut sich eben mit dem Sprechenden, dass er das Wesentliche beigetragen hat! Ein besonderes Augenmerk der Zweigarbeit gilt auch der Verbundenheit mit den Menschen, die sich schon – oder noch – in der jenseitigen geistigen Welt befinden. An sie wird jeweils vor Beginn der Zweigarbeit durch einen Wahrspruch Rudolf Steiners ganz bewusst gedacht.

Zweig Liechtensteinstraße

Zweig Liechtensteinstraße neu

 

 

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