– eine Erkundung
Text und Bild: Beatrix Teichmann-Wirth
Kaskaden von Einfällen strömten in mich ein, als meine Freundin Biljana mich einlud, einen Beitrag für das neue Wegweiser Heft zu verfassen.
Worte und Redewendungen wie „funkelnagelneu“, „alter Wein in neuen Schläuchen“, „aus alt mach´ neu“ kamen in mein Bewusstsein und wollten erkundet werden.
Sofort musste ich sie notieren – ob in der Straßenbahn, im Gespräch und beinahe hätte ich auch im Konzert zu Stift und Heft gegriffen, auf dass ich den Gedanken ja nicht vergesse.
Dann nach 3 Tagen des schöpferischen Glücks stiegen Bedenken in mir hoch – was, wenn die Herausgeber die Psychologin, die Psychotherapeutin, also die Expertin in mir eingeladen haben, einen Artikel zu verfassen. Wenn ich also etwas wirklich Kluges, Kompetentes zum Thema beitragen soll.
Diese Gedanken bewirkten eine sofortige Einengung des Inspirationsflusses, mein Bewusstseinslicht wurde gedimmt und die freudvolle Tönung war verschwunden.
Ich hatte, wie wir auf gut Wienerisch sagen, „den Scherm auf“. Statt neuer Inspirationen – Denken in alten Bahnen.
Mittlerweile bereits erfahren im Umgang mit derartigen kreativen Ausbremsungs- und Stagnationsprozessen wusste ich, dass ich mir jetzt nicht das Gehirn zermartern durfte, um etwas Sinnvolles zu Papier zu bringen.
Vielmehr galt es, diesen durchaus sehr unangenehmen Zustand auszuhalten, wissend dass das Schöpferische nach wie vor im Verborgenen wirkt.
Jetzt nicht antauchen, schon gar keine künstliche Befruchtung. Alte Ideen mussten dem Neuen geopfert werden.
Dieses winterliche Warten auf das neue Frühlingsblühen ist oftmals schwer für mich.
Aber ist all diese persönliche Prozessbeschreibung es überhaupt wert, veröffentlicht zu werden?
Müsste ich nicht etwas Wesentliches, etwas wirklich Wichtiges beitragen, etwas, was mich auch nicht derart den vielleicht kritischen Leseraugen aussetzt.
Ich könnte, – so dachte ich – zum Beispiel über all das Neue schreiben, das durch meine Krebsdiagnosen in mein Leben gekommen ist, wie zum Beispiel der Kosmos der ayurvedischen Medizin, die Zen-buddhistische Meditation und der verbundene Atem als verlässliche Quelle der Inspiration.
Oder sollte ich die von mir so benannte „wissende Lücke“ ausführen, die sich nach einem Schock einer Diagnose – einem Himmelsfenster gleich – auftut, aus dem sich all´ das nötige Wissen für die nächsten guten Schritte auf einem (Therapie-)Weg offenbart.
Aber, so denkt es weiter in mir, wenn ich es ernst meine mit dem Neuen, dann darf ich auch nicht alten Wein in neue Schläuche füllen, so mein moralischer Anspruch.
Ich darf also keine bereits verfassten Text-Stücke neu zusammenstellen und darauf basierend diesen Artikel gestalten.
Unschuldig, ohne Absicht wahrhaftig inspiriert und ganz neu sollte es sein.
Weiter frage ich mich, ob wirklich Neues überhaupt entstehen kann, wenn das Ansinnen das eines Artikels ist, mit Abgabetermin, Zeichenzahl und dem Wissen um ein kluges, kompetentes Redaktionsteam als Beurteilungskriterium, dem ich vielleicht nicht mal das Wasser reichen kann.
Kann Neues auf dem Boden alter eingefleischter Ansprüche entstehen?
Dann fiel mir durch das Dickicht all der Bedenken doch etwas ein.
Es ist dies ein Text, entstanden im Zuge meiner jahrzehntelangen Praxis des täglichen morgendlichen Schreibens. Sitzend im Bett, das große Schreibheft und die Füllfeder zur Hand, und schon schreibt es aus mir.
Da lasse ich mir etwas einfallen, das ich dann bisweilen überarbeite und oft merke ich im Zuge dessen, dass ich das gar nicht geschrieben haben kann.
Derart ist an einem Morgen, lange vor der Einladung zu diesem Artikel der folgende Text entstanden.
Ich will ihn hier – mit etwas Herzklopfen – unzensiert an das Ende stellen.
Neu
Neu ist nicht alt
Neu ist auch nicht ein bisschen neu.
Neu ist neu
Unbekannt
Ungeplant
Noch nie so gesehen
Noch nie so gehört
Jenseits aller menschlichen Vorstellung.
Neu ist nicht von dieser Welt
Neues wird empfangen und dann erst
Vielleicht
Vielleicht
Getan
Einmal empfangen, einmal erfahren, ist es schon getan
Neu zu sein braucht auch keine Arbeit.
Nicht mal eine – neuerdings oft propagierte – Ausrichtung.
Neues braucht einen aufrechten Stand
Stehen
Sich öffnen
Empfangen
Geschehenlassen
Dann offenbart es sich, das Wort, die Tat, die Geste
Und dann ist das Wort, die Tat getan,
und schon steh ich wieder aufrecht da
für die nächste Empfängnis
So gebäre ich mich stets neu.
Das Leben aus mir.
Wie es geschehen soll
Jetzt
Durch mich
Ganz einfach.
