Botin der Liebe – Andrea Nutz

„Vertraue der Wärme, Liebe und Hingabe, strahlend aus der Herzenskraft,
so wird am Schmerz der Mut errungen, zu neuer Tatenkraft!”, Andrea Nutz, 30.9.2012.

Text und Foto: Wolfgang Schaffer

Zur Lebensgestalt der Waldorfkindergärtnerin, Eurythmistin und Fachtrainerin Andrea Gabriela Nutz. Sie ist am 30.1.2018 völlig unerwartet durch ein Unglück in die geistige Welt gerufen worden. Der Text stellt eine direkte Ansprache an ihre Wesenheit in der geistigen Welt dar.

Lebensbild Andrea Nutz pdf (2)

«Liebe Andrea, dein Leben auf der Erde war geprägt von der Liebe zu den Menschen und der Begeisterung für das Wesen der Laute und der Sprache. «Liebe das Wort» war bezeichnenderweise auch der Titel deiner Abschlussarbeit in der Kindergartenausbildung. Jede Begegnung war es dir wert, in voller Hingabe an dein Gegenüber gelebt zu werden. Diese Offenheit der Welt und ihren Wesen gegenüber galt allen – den unscheinbaren «Steinen auf dem Weg», den Pflanzen, Tieren und den Menschen gleichermaßen. Du hast mit deinem Teilen-wollen deiner Existenz einen himmlischen Glanz in den oft grauen Alltag hineinverwoben. Dein Blick strahlte Liebe aus und du erkanntest zumeist mit einem Blick das Wesen eines Menschen oder einer bestimmten Situation. Wo immer du in einen sozialen Zusammenhang eingetreten bist, war deine Anteilnahme an den mit dir somit Verbundenen ein klarer, tiefer Ausdruck deines Liebewesens.

Du warst mit einem Wort gesagt eine «Botin der Liebe» in einer Welt, die diese Botschaft durch die Verdunkelung in Eigensucht sehr oft ignorierte oder eben nicht verstand. Das Geschenk, an deiner Seite gelebt zu haben, macht mich selbst in diesen schwersten Trennungsstunden froh und füllt das Herz mit großer Dankbarkeit.

Die Arbeit mit den Kindern und Eltern war ein kostbarstes Gut, das du maßlos und freigiebig an alle verschenken wolltest, die mit dir in diesen Zusammenhang traten. Nicht immer wurden deine Gaben in ihrer Fülle erkannt. Du hast dich nie gescheut, die Anthroposophie und die Persönlichkeit Rudolf Steiners als deinen inneren Schwerpunkt zu vertreten. Dein Freundeskreis war bunt durchmischt und er wuchs von Tag zu Tag beständig weiter. Dabei zeigte sich dein ausgeprägtes Interesse auch an so verschiedenartigen Themen wie der «kleinen» Schwester Therese von Lisieux oder der spirituellen Welt der Hawaiianischen Tradition und des damit verbundenen Hula – Tanzes. In den Stunden im Kreis deiner Familie ließest du dich auch gerne verwöhnen. Die freien Zeiten waren ganz hingegeben an die Sprache und an die Musik. In kurzer Zeit hast du die Fähigkeit erworben, selbst an einer großen Harfe Lieder nachzuspielen, du hast Gesang zielstrebig studiert, Flöte und Gitarre anfänglich gelernt. Du hattest eine große Liebe zu den Lauten und den Tönen und zeitlose Freude am übenden Gewinnen neuer Fähigkeiten. Deine Bücher waren dir von Kindheit an wie Freunde, mit denen man so oft wie möglich fröhliche gemeinsame Stunden verbringt. Für dich waren die Worte nicht nur Informationen, sondern der lebendige Ausdruck der menschlichen Seele. Du konntest durch den Klang der Sprache hindurch fühlend hören, wie viel Wahrheit sich dahinter befand. Ein Ausspruch, den du oft betont hast lautet: «Es ist nicht alles, wie es scheint!» Mit deiner Fähigkeit, die Herzen zu durchschauen, war auch das Los verbunden, in Gegnerschaft zu geraten. Dann hieß es standhaft, duldsam und verschwiegen den Weg zu wandeln bis zum Ziel. Die Liebe zu der Sprache war auch die Grundlage der Gestaltung deiner Rollen in den Mysteriendramen Rudolf Steiners. Du konntest darin unter Anderen Theodosius – die Weltenkraft der Liebe, den 1. Zeremonienmeister des mittelalterlichen Ritterordens, die «Andere Philia» und den «Baum» im Märchen von Gut und Böse darstellen. Ein an dich gerichtetes Zitat aus dem Zusammenhang des Ritterbundes lautet: «…und wer nicht schuldig durch die eignen Taten die Dornenwege wandeln muss, die aus dem Bundeskarma stammen, dem wird der Schmerz die Kraft verleihen, zum höhern Leben aufzusteigen.»

Wenn es einen Laut gibt, der dein besonderes Wesen zum Ausdruck bringen kann, so ist es über den Laut A hinaus der unhörbarste, geheimnisvollste und unscheinbarste aller Laute, der nichts für sich und alles für die mit ihm Verbundenen zum Ausdruck bringen kann. Es ist das «H», der heilende Laut, der alle anderen Laute als Atemhauch durchdringt. Du hattest dir das Ziel gesetzt, bis zu deinem 51. Geburtstag am 10. März 2018 ein Buch zu schreiben, das dem Geheimnis dieses Lautes «H» gewidmet war. In Anbetracht der unglaublichen Umstände deines Übertrittes in die geistige Welt, bekommt der von dir gewählte Titel diese Buches eine ungeahnte Aktualität: «Spühren mit «h» Verstehen kann das nur, wer keine Ahnung hat»

Du wolltest damit zum Ausdruck bringen, wie weit sich in unserer Zeit auch das Spüren schon verhärtet hat und selbst sprachlich abgetrennt ist von dem lebendigen «Durchwehtwerden» der geistigen Welt. «Durchhörigkeit» war für dich das Wort, das du in diesem Zusammenhang sehr gerne gebrauchtest.

Mit der Geburt deines Sohnes Tobias im Jahr 1998 trat die Waldorfpädagogik und die damit verbundene Geisteswissenschaft der Anthroposophie wesentlich in dein Leben. Du hattest dich schon mit Energetik und Homöopathie eingehend beschäftigt. Für deine damalige Umgebung war mit diesem neuen Lebensinhalt etwas Unbekanntes und damit auch Trennendes verbunden. Das bisher gewohnte Leben wurde grundlegend verändert. Du musstest dich nun ganz auf deine eigene Intuition verlassen und um die Wahrung deiner Persönlichkeit kämpfen. Dazu gehörte auch ein Ortswechsel nach Neusiedl im Burgenland. Mit der Möglichkeit der Mitarbeit im Waldorfkindergarten Bad Vöslau rückte im Jahr 2012 deine alte Heimat wieder in die Nähe. Du hast es gewagt, das Haus deiner Großeltern gemeinsam mit mir als deinem Lebensgefährten neu mit Leben und Liebe zu füllen. Von Baden aus wurde deinem Sohn Tobias eine Ausbildung in der HTL Malerschule Leesdorf ermöglicht, du konntest im Lauf der Zeit deine Ausbildung in der Eurythmieschule Wien bis zu einem gewissen Abschluss bringen, die Studienberechtigungsprüfung bestehen und 2016 berufsbegleitend die öffentliche Kindergartenausbildung an der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik Maria Regina In Wien beginnen.

Mit der Christengemeinschaft hast du dich als Helferin auf den Ferienlagern im Sommer tatkräftig verbunden. Sie wurde deine religiöse Heimat, die es dir aber im Zeichen der Freiheit auch ermöglichte, Kontakte zu vielen anderen religiösen Gruppen und Impulsen aufrechtzuerhalten. Du warst auch Mitglied in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der damit verbundenen freien Hochschule für Geisteswissenschaft. An den Arbeitskreisen zur «Pädagogischen Sektion», «Initiative Sterbekultur», «Das Tonerlebnis im Menschen», die Vorbereitung des Kongresses «Ost-West Wien 2022», und an der Entwicklung des «Hauses der Anthroposophie» in Wien hast du aktiv und kreativ mitgestaltet.

Liebe Andrea, es bleibt die große Rätselfrage deines so furchtbar unerwarteten Schwellenüberganges vorläufig ungelöst bestehen!

«Liebe das Böse gut!» und «Wie es kommt, so ist es recht» wäre vielleicht deine eigene Antwort darauf gewesen.

Wir durften uns «mit dir» von Menschenkreis zu Menschenkreis verabschieden durch eine Zusammenkunft von Freunden gleich am ersten Abend nach dem Unfall im «Haus der Anthroposophie», die Eurythmieaufführung des Ensembles  «Aglais» drei Tage später war dir gewidmet. Dein Begräbnis am Aschermittwoch in Baden bei Wien hatte die Größe und Weite eines himmlischen Festes! Wir haben in den Arbeitsgruppen Deiner gedacht. Die heilige Seelenmesse in der Kirche St. Stephan in Baden wurde im Kreise deiner Familie und Freunde gefeiert, wie auch die Totenweihehandlung in den Räumen der Christengemeinschaft in Wien. Es wird einen künstlerischen Abend mit Beiträgen aus dem Kreis deiner Freunde im Gedenken an Dich am 12. Mai 2018 um 19h im «Haus der Anthroposophie» in der Tilgnerstraße 3, 1040 Wien geben.

Das letzte wie das erste Wort sei «mit dir» aus deinem Munde gesprochen: «Ich liebe dich – Die Liebe wird leben – Halleluiah!»

Oben am Gipfel

„ Der Mensch, er braucht
das Himmelslicht
als auch das Erdendunkel,
erst wenn er beides achtet,
in sich liebevoll erlöst,
wird er als Sonne leuchten
in der Mitte wie ein Stern”

Andrea Nutz, August 2014

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