ausgestrahlt am 21. Okt. 2025
Der ORF hat zum 100. Todesjahr Rudolf Steiners eine Dokumentation mit dem Titel „Rudolf Steiner. Apostel der Esoterik“ ausgestrahlt. Die 45 Minuten dauernde Produktion ist leider sehr einseitig geraten und verrät in vielen Passagen die Absicht, Rudolf Steiner und die Anthroposophie zu diffamieren und in ein dubioses Licht zu rücken.
Die aus der Sicht der Anthroposophischen Landesgesellschaft wichtigsten Kritikpunkte:
- Eine sachliche und wertschätzende Würdigung des Lebenswerkes Rudolf Steiners wird schon in den ersten zwei Minuten der Dokumentation unmöglich gemacht, indem durch Schlagworte und Bilder („ ein Fall für die „Psychiatrie“, „wissenschaftlicher Blödsinn“, „pseudowissenschaftliche Lehre“, ja sogar „Zersplitterung der Gesellschaft“ plus Bildern von Corona-Demonstrationen) die Einschätzung des Publikums negativ beeinflusst wird.
- Insgesamt wurden, anders als in vergleichbaren Dokumentationen im deutschen Sprachraum, insgesamt sieben Kritiker, mit zum Teil fragwürdiger Kompetenz, eingeladen. Der bekannte Anthroposophie-Kritiker Helmut Zander wurde vom ORF als „Fachberater“ hinzugezogen.
- Obwohl die Redakteurin ausführlich über die historischen Zusammenhänge informiert wurde, versuchte man, gestützt auf eine Detail-Forschung zu Weleda in der NS-Zeit, Rudolf Steiner und die Anthroposophen als Mittäter darzustellen und eine Nähe zu Rassismus und Nationalismus zu unterstellen.
- Wiederholt wurde versucht, die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Medizin und die biologisch-dynamische Landwirtschaft lächerlich zu machen und als unwissenschaftlich darzustellen. (Nachstehend finden sich einige Hinweise zu agrarwissenschaftlichen und medizinischen Forschungen, die dies widerlegen. Wir danken DI Florian Amlinger und Thomas Meisermann sehr her
- zlich für die kommentierte Zusammenstellung dieser Forschungsergebnisse!)
Der ORF hat es – anders als andere Rundfunkanstalten und Medien im Gedenkjahr 2025 – mit dieser Produktion leider verabsäumt, das Lebenswerk des Österreichers Rudolf Steiner objektiv zu würdigen. Auch die Proteste und Argumentationen von Seiten der Landesgesellschaft im Nachfeld der Ausstrahlung stießen bei der ORF-Redaktion auf keinerlei Verständnis.
Forschungen zur Biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise (zusammengestellt von DI Florian Amlinger):
Meta Studien bzw. Reviews, in denen zwischen 86 und 147 peer reviewed Publikationen mit ‚impact factor‘ untersucht wurden:
- Amélie Christel, · Pierre‑Alain Maron, · Lionel Ranjard (2021): Impact of farming systems on soil ecological quality: a meta‑analysis. Environmental Chemistry Letters (2021) 19:4603–4625
- Santoni, M., Ferretti, L., Migliorini, P. et al.A review of scientific research on biodynamic agriculture. Agr. 12, 373–396 (2022). https://doi.org/10.1007/s13165-022-00394-2
- Brock, Chr., Geier, U., Greiner, R., Olbrich-Majer, M., Fritz, J.: Research in biodynamic food and farming – a review. Open Agriculture. 2019; 4: 743-757, De Gruyter.
Zusammenfassend kann ein evidenter positiver Effekt der biologisch-dynamischen Bewirtschaftung auf das Agroecosystem, insbesondere auf Boden-Qualitätsmerkmale, und auch auf die Lebensmittelqualität konstatiert werden. Mehr spezifisch zeigt sich:
1) effizientere Erhaltung und Anreicherung des organischen Kohlenstoffs (Humus) im Boden, hier insbesondere der biologisch stabileren Humuspools („Dauerhumus“)
2) Erhöhung bodenbiologischer / bodenenzymatischer Parameter in bio-dynamischen Systemen gegenüber organischer Landwirtschaft als Indikatoren eines intensiveren/erhöhten und effizienteren Metabolismus der umsetzbaren organischen Substanz (bio-indicators), sprich Lebenstätigkeit im Boden. Damit wird der bio-dynamischen Landwirtschaft die höchste bodenökologische Qualität (synonym für „Bodenfruchtbarkeit) attestiert.
3) Die Förderung der Boden-Biodiversität und der synergistischen Clusterbildung des Bodenmikrobioms insbesondere jener Artengruppen, die spezifisch das Pflanzenwachstum fördern. Darüber hinaus wurde die Anreicherung von Wachstumsfördernden Substanzen (zB Auxinen) in biologisch-dynamischen Präparaten gefunden.
Drei spezifische Publikationen seien hier zur Untermauerung der aktuellen evidenzbasierten Forschung angeführt:
Ergebnisse des Langzeitvergleichsversuches (42 Jahre DOK-Versuch) des FibL, CH:
Krause, HM., Mäder, P., Fliessbach, A. et al. Organic cropping systems balance environmental impacts and agricultural production. Sci Rep 14, 25537 (2024). https://doi.org/10.1038/s41598-024-76776-1
Fliessbach A., Krause H-M., Jarosch K., Mayer J., Oberson A., & Mäder P. (2024).
Der DOK-Versuch: Vergleich von biologischen und konventionellen Anbausystemen über 45 Jahre.
Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL, Frick. https://www.fibl.org/de/shop/1260-DOK-Dossier
Ergebnisse aus diesem Langzeitversuch, die besondere Effekte der biologisch-dynamischen Bewirtschaftungsvariante aufzeigten:
- Von den verschiedenen Anbausystemen speicherte ausschließlich das biodynamische Verfahren mit praxisüblicher Düngung zusätzlichen organischen Kohlenstoff im Boden. Im BIODYN-System wurden außerdem die geringsten Lachgasemissionen
- Die Masse der in Symbiose mit den Kulturpflanzenwurzeln lebenden Mykorrhiza-Pilze stieg unter Trockenstress am stärksten in BIODYN Parzellen an.
- Mit der Mistkompostanwendung erreichte das BIODYN-2-Verfahren (entsprechend 1,4 Großvieheinheiten pro Hektar) signifikant höhere organische Kohlenstoffgehaltegegenüber allen anderen Verfahren. Alle Indikatoren für Bodenfruchtbarkeit zeigten in den Biosystemen und besonders im BIODYN-System bessere Werte. Die Bodenfruchtbarkeit von BIODYN bei reduzierter Düngung erreichte oder überstieg die von CONFYM bei praxisüblicher Düngung. (CONFYM = konventionelle Bewirtschaftung mit Rindermistdüngung)
- Der Stickstoffvorrat in den oberen 20 cm des Bodens nahm, ähnlich wie der organische Kohlenstoffvorrat, ausschließlich im BIODYN-2-Verfahren zu.
Zwei Studien zum positiven Effekt der bio-dynamischen Präparate auf das Bodenmikrobiom in Symbiose mit dem Pflanzenwachstum:
Ortiz-Álvarez, R., Ortega-Arranz, H., Ontiveros, V. J., de Celis, M., Ravarani, C., Acedo, A., Belda, I.: Network Properties of Local Fungal Communities Reveal the Anthropogenic Disturbance Consequences of Farming Practices in Vineyard Soils. Journal: mSystems, Vol. 6, No. 3. 6:e00344-21 (2021). https://doi.org/10.1128/mSystems.00344-21
- Die Studie untersucht, wie verschiedene landwirtschaftliche Praktiken die Struktur und Funktion von Pilzgemeinschaften in Weinbergsböden beeinflussen. Dabei wurden 350 Bodenproben aus den USA und Spanien analysiert, die unter konventioneller, biologischer und bio-dynamischer Bewirtschaftung stehen.
Die Ergebnisse zeigen, dass biodynamische Praktiken zu dichter vernetzten Pilzgemeinschaften führen, die widerstandsfähiger gegenüber Umweltveränderungen sind. Konventionelle Bewirtschaftung hingegen begünstigt stärker spezialisierte Pilzgemeinschaften mit weniger Vernetzung und höherem Wettbewerb. Biodynamische Böden weisen eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Temperaturänderungen auf und fördern die Bodenfruchtbarkeit sowie die Qualität der Trauben.
Felix Milke, Heberto Rodas-Gaitan, Georg Meissner, Vincent Masson, Meike Oltmanns, Morten Möller, Yvette Wohlfahrt, Boris Kulig, Alberto Acedo, Miriam Athmann, Jürgen Fritz, Enrichment of putative plant growth promoting microorganisms in biodynamic compared with organic agriculture soils, ISME Communications, Volume 4, Issue 1, January 2024, ycae021, https://doi.org/10.1093/ismeco/ycae021
- Zusammenfassende Conclusio hier: „… Altogether, our results indicate that biodynamic preparations can act as biofertilizers that promote soil health by increasing the abundance of plant growth promoting microorganisms.“
Zwei Untersuchungen über den Zusammenhang des Mikrobioms in biologisch-dynamischen Präparaten und in der Rhizosphäre von Apfelbäumen sowie der Biodiversität des Mikrobioms in und auf den Äpfeln
Diese Arbeiten entstanden unter der der Federführung von Prof. Dr. Gabriele Berg von der TU Graz, Wissenschaftlerin des Jahres 2025
- Olimi E, Bickel S, Wicaksono WA, Kusstatscher P, Matzer R, Cernava T and Berg G (2022) : Deciphering the microbial composition of biodynamic preparations and their effects on the
apple rhizosphere microbiome. Soil Sci. 2:1020869. doi: 10.3389/fsoil.2022.1020869
Hier sei nur ein Satz aus dem Abstrakt zitiert: „Our study paves way for the science-based adaptation of empirically developed biodynamic formulations under different farming practices to restore the vitality of agricultural soils.“
- Wassermann B, Müller H and Berg G (2019): An Apple a Day: Which Bacteria Do We Eat With Organic and Conventional Apples? Microbiol. 10:1629. doi: 10.3389/fmicb.2019.01629
Untersucht und verglichen wurden vor allem Äpfel. Hier hat sich gezeigt, dass sich biodynamische Landwirtschaft nicht nur auf den Boden auswirkt, sondern über das Mikrobiom im Boden einen Einfluss auf das Mikrobiom in den verschiedenen Teilen der Äpfel hat: Samen, Stängel, Schale, Kelch und natürlich auch das Fruchtfleisch.
Pflanzenmikrobiota spielen eine wesentliche Rolle für die Entwicklung, Widerstandsfähigkeit und Gesundheit von Pflanzen. Die Art der Bewirtschaftung verändert nicht die Menge und Dichte an Organismen, aber deren Zusammensetzung. Biodynamische Landwirtschaft führt zu einer größeren
Varianz und Vielfalt im Mikrobiom und zu einer anderen Gewichtung. Unter anderem konnte auch nachgewiesen werden, dass manche für den Menschen potenziell gesundheitsschädliche Organismen in einer viel kleineren Anzahl vorhanden sind. Die Ergebnisse der Forschung zeigen, dass wir mit einem Apfel rund 100 Millionen Bakterienzellen zu uns nehmen – und obwohl die Menge gleich war, unterschied
sich die bakterielle Zusammensetzung zwischen konventionell und biodynamisch kultivierten Äpfeln signifikant.
Forschungen zur Anthroposophischen Medizin insbesondere zur Misteltherapie (zusammengestellt von Dr. Thomas Meisermann mit dem Hinweis, dass auf der Website der Medizinischen Sektion am Goetheanum noch weitere Hinweise zu finden sind):
Wie auf mistel-therapie.de angeführt , gibt es eine Reihe von Wissenschaftlichen Publikationen zur Misteltherapie (aus klinischer Sicht – zur Heilpflanze etc, gibt es eine Überfülle an Publikationen, über 1000…)
Metaanalysen (derzeit die höchstbewertete Form von Publikationen, fassen mehrere Einzelstudien zusammen, daher Ergebnisse „belastbar“ )
- Hofinger at al. 2024:Systematische Bewertung des Einflusses der Qualität von Studien zur Misteltherapie bei Krebs auf die Ergebnisse einer Metaanalyse zur Gesamtüberlebenszeit
- Loef et al. 2023: Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen, die mit Mistelextrakten behandelt wurden: Eine systematische Übersicht und Metaanalyse
- Loef und Wallach 2022: Überleben von Tumorpatient*innen, die mit nicht-fermentierten Mistelextrakten behandelt wurden: Eine systematische Übersicht und Metaanalyse
- Pelzer et al. 2022: Tumorbedingte Fatigue bei Patient*innen, die mit Mistelextrakten behandelt wurden: eine systematische Übersicht und Metaanalyse
- Loef und Walach 2020: Lebensqualität von Tumorpatient*innen, die mit Mistelpräparaten behandelt wurden: ein systematisches Review und eine Metaanalyse
- Ostermann et al. 2020: Eine systematische Übersicht und Metaanalyse zum Überleben von Tumorpatient*innen, die mit einem Mistelpräparate (Iscador) behandelt wurden: eine Aktualisierung der Ergebnisse
- Freuding et al. 2019: Die Mistel in der onkologischen Behandlung: eine systematische Übersicht; Teil 1: Überleben und Sicherheit
- Freuding et al. 2019: Die Mistel in der onkologischen Behandlung: eine systematische Übersicht; Teil 2: Lebensqualität und Toxizität der Tumortherapien
- Kröz et al. 2016: Besteht eine Indikation für die Misteltherapie in der Behandlung von Cancer-related Fatigue und Insomnie bei Tumorpatient*innen? Ein Review
- Büssing et al. 2012: Lebensqualität und damit verwandte Parameter bei Tumorpatient*innen, die mit Mistelextrakt (Iscador) behandelt wurden: eine Metaanalyse
- Kienle und Kiene 2010: Einfluss von Viscum album-Extrakten (Europäische Mistel) auf die Lebensqualität von Tumorpatient*innen: Eine systematische Übersicht über kontrollierte klinische Studien
- Ostermann et al. 2009: Überleben von Tumorpatient*innen, die mit Mistelextrakt (Iscador) behandelt wurden: eine systematische Literaturübersicht
- Kienle et al. 2009: Viscum album-Extrakte beim Mammakarzinom und anderen gynäkologischen Tumorerkrankungen: ein systematischer Überblick über die klinische und präklinische Forschung
- Horneber et al. 2008:Misteltherapie in der Onkologie – Ein Cochrane-Review
- Kienle und Kiene 2007:Komplementäre Tumortherapie: Eine systematische Übersicht über prospektive klinische Studien mit anthroposophischen Mistelextrakten
- Lange-Lindberg et al. 2006:Misteltherapie als begleitende Behandlung zur Reduktion der Toxizität der Chemotherapie maligner Erkrankungen (HTA-Bericht)
Klinische Studien als Einzelstudien:
. Schad F, Thronicke A, Steele M L, Merkle A, Matthes B, Grah C and Matthes H. Overall survival of stage IV non-small cell lung cancer patients treated with Viscum album L. in addition to chemotherapy, a real-world observational multicenter analysis. PloS one, 2018;13:e0203058. DOI:10.1371/journal.pone.0203058
. Axtner J, Steele M, Kroz M, Spahn G, Matthes H and Schad F. Health services research of integrative oncology in palliative care of patients with advanced pancreatic cancer. BMC Cancer, 2016;16:579. DOI:10.1186/s12885-016-2594-5
.Tröger et al. 2013, 2014 [81, 127] Einfluss einer Misteltherapie auf die Überlebenszeit und Lebensqualität von Patient*innen mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Pankreaskarzinom – eine randomisierte klinische Phase-III-Studie
ORF III – was denkst du dir dabei?
Text: Reinhard Apel
Zum Film Rudolf Steiner – Apostel der Esoterik ORF III 21.10. 20:15 Uhr
Das allgemeine Bild
Ein Film war zu sehen, im Rahmen der Reihe „Erbe Österreich“ auf ORF III. Thema: Rudolf Steiner. Es beginnt mit einer in seltsames Blau getauchten Figur, die ein untergründiges Grollen ertönen lässt. Der Klang ist abgründig, schräg. Weißer Rauch steigt auf. Das könnte darstellen:
Den Seelenzustand der Filmemacher angesichts einer ungeliebten Themenstellung, die angenommene Verfassung des Anthroposophen vor der Meditation, das Rudolf Steiner-Gespenst vor seiner Eliminierung durch die Ghost Busters.
Man möchte jetzt sagen: Zutreffendes bitte ankreuzen. Denn Gott allein weiß, was diese Darstellung meint. So geht es dann leider im ganzen Film weiter. Immer wieder sind seltsamste grafische Komponenten quasi wild hineinmontiert, verwirrend und verstörend. So der Stift, der hektisch über nur schemenhaft erkennbare Symbole zuckt, so die dünne blaue Gestalt, vermutlich weiblich diesmal, die somnambul durchs Bild tappst. Sind das Kommentare, die man nicht klar auszudrücken weiß? Sind es Assoziationen des Regisseurs? Ist das irgendwo anthroposophische Praxis? Am ehesten untermalt die allererste Sequenz mit dem gruselblauen Steiner Verschnitt die bald darauf folgenden Aussage einer interviewten Dame:
„Ich glaube aber, wenn er heutzutage leben würde und seine Ansichten veröffentlichen würde, dann würde man ihn eher als Patient in einer Psychiatrie wiederfinden, als als Führer einer religiösen, okkulten, medizinischen Bewegung.“
Eine seelenkundliche Begründung wird nicht mitgeliefert. Welche Diagnose wäre zu stellen? So bleibt der Grundtenor in dem was nachfolgt. Das macht einen inneren Dialog mit den Filmemachern unglaublich schwer, gerade wie ein Verstehen, was nun eigentlich den lieben Leuten so sehr aufgestoßen ist, dass sie Steiner und seine Anthroposophie als etwas irgendwie Schräges und unsagbar Verwunschenes darstellen. Das geschieht wie gesagt nicht durch klare Aussagen, durch abgefilmte Fakten, sondern durch die Machart des Films. In der zweiten Beitragshälfte ist es etwas besser, doch erfährt man insgesamt wenig Sachliches über Steiner Leben, was er gesagt und gewollt hat. Konkretes kritisiert zu sehen wäre geradezu eine Erlösung. Es entspräche dies der Normalität im intellektuellen Diskurs. Die Macher des Films scheinen lediglich sagen zu wollen: Steiner und seine Ideen sind eine einzige seelische Blähung. Diese bewirkt das Schräge an diesen rund 45 Minuten.
„Welchen Anteil hat das Anthroposophische Ideengut an dem Zerfall des Wahrheitsbegriffs und an der Zersplitterung der Gesellschaft, insbesondere seit den Coronajahren?“
Diese Grundsatzfrage wird in den ersten Minuten gestellt. Ja bitte, welchen Anteil denn nun? Wie zersplittert da jemand irgendetwas? Seit wann entfernen sich Anthroposophen von demokratischen Prozessen? Immerhin hat der Anthroposoph Gerald Häfner die Partei Die Grünen in Deutschland mitbegründet. Dass eine ehemalige Waldorfschülerin eine Zeichnung in ihrem Heft gefunden hat, die ich in meinem nicht auffinden kann, besagt noch nichts Weltbewegendes. Das ganze Heft müsste doch voller Blödsinn sein, warum wird der nicht gezeigt? Sei es Waldorfpädagogik, sei es anthroposophische Medizin, immer werden ein paar Versatzstücke hervorgehoben, es werden Fetzen von Interviews gebracht, die ohne Zusammenhang dastehen. So wird in keiner Weise dokumentiert wie ein anthroposophischer Arzt zu seiner Anamnese kommt oder wie er seine Therapie auswählt. Irgendwie schwurbelig halt. Die Filmemacher haben da offenbar einen Verdacht, das ist klar. Aber was sie genau vermuten, das bleibt ein Rätsel.
Dialogversuch zu einem Argument
Ich habe dennoch versucht in dem Film einen Ausgangspunkt zum diskurs zu finden.
Denn im Zusammenhang mit der Gestaltung des zweiten Goetheanums, welches kurz eingeblendet wird, wird gesagt, Steiner habe behauptet:
Die Natur kennt keine rechten Winkel
Anschließend kommt ein Physiker zu Wort, der im Tonfall des Selbstverständlichen erklärt, dass jedes mal, wenn ein Stein auf eine spiegelglatte Wasserfläche fällt, dies rechtwinkelig geschieht. Und da wäre auch noch das Salz Natriumchlorid, das in rechtwinkligen Kristallen auskristallisiert. Beides soll Steiner, seinerzeit Student an der TU Wien nicht gewusst haben? Steiners Aussage bezieht sich natürlich auf Architektur, auf ästhetische Fragestellungen und darauf, welche Formensprache er für den Zentralbau der Anthroposophie heranzieht. Sie zielt darauf ab, was das Auge sieht, wenn man durch den Wald geht und bemerkt, wie in den Eindrücken der umgebenden Natur keine rechten Winkel vorkommen. Die bekannten 90 Grad zeigen sich erst, wenn man, etwa vom Leopoldsberg zum Kahlenberg bei Wien wandernd, die Tafel für den Fahrplan des öffentlichen Busses erblickt, oder an einem Wegweiser unterwegs, oder an etwas anderem, was Menschen gemacht haben. Sodass der Satz richtig verstanden bedeutet:
Die belebte Natur zeigt keine rechten Winkel
Steiner hat im Gefolge der goetheschen Naturbetrachtung interessiert, wieso der so praktische rechte Winkel von allem was lebt und wächst praktisch überhaupt nicht verwendet wird. Die Natur bildet viele kurvige Formen aus, gekrümmte Flächen, Verquirlungen, Drehungen, Verästelungen. Doch kein Baum wächst wirklich kerzengerade wie ein Telefonmast. Das lässt sich erstaunlicher Weise nachweisen. Und, lieber Leser, wenn Du nach dem Duschen in den Spiegel blickst: Wo in deiner Gestalt und sei sie noch so blitzsauber, schön und durchtrainiert anzusehen, wo siehst Du eine rechtwinkelige Form? Es handelt sich bei dem steinerschen Satz um eine Aussage zur Ästhetik und nicht darum, zu behaupten, nirgendwo in der physischen Natur erscheinen rechte Winkel.
Natriumchlorid ist eben tot, ein Salzkristall, also eindeutig nicht organischer Natur. Der fallende Stein ist ein interessant zu verfolgendes Argument. Ludwig Wittgenstein, der Philosoph, würde sehr bezweifeln, dass ein rechter Winkel in diesem Falle physisch vorhanden ist. Anders, als beim Kristall, ist er nicht mit Händen zu greifen. Inwiefern ist er also da? Der rechte Winkel ist eine Bewusstseinsleistung, die der Mensch vollzieht, die er aufzeichnen und nach der er letzendlich Konstruktionen ausführen kann. Was unsere Gegenwartskultur so groß macht, ist die technische Konstruktion. Steiner ist mit Gaudi und anderen ein Inaugurator der organischen Architektur geworden, die dem Bauhausstil etwas radikal anderes gegenüberstellt. Jenem Stil, der die Funktionalität der modernen Baustoffe (Stahlbeton)zur Ästhetik erhebt, möglichst ohne Bogen, Erker und Zierrat.
Im Pflanzenreich gibt es nichts, was nur Beiwerk wäre: Alles ist notwendig. Ein interessanter Dialog wäre zu Stande gekommen, hätte der ORF mit Vertretern der organischen Architektur das Gespräch gesucht. Aber es ging ja leider nicht um Dialog. Es sind die pulsierenden Flüssigkeiten ein wesentlicher Grund dafür, dass die belebte Natur so wenig Ecken und Kanten zeigt. Die belebte Natur wohlgemerkt, nicht die gesamte umgebende Welt.
„Es gibt keine geraden Linien oder scharfen Ecken in der Natur. Deshalb müssen auch Gebäude keine geraden Linien oder scharfen Ecken haben.“ Antoni Gaudí
Der ganze Erzählstrang des Films ist viel zu erratisch und hektisch um überhaupt zu verdeutlichen, was da eigentlich beschrieben wird, was die Filmemacher als Ausgangspunkt nehmen oder was ihre Perspektive sein könnte. Es bleibt vor allem dieser geisterbahnartige Eindruck, den der Film eben zu machen versteht. Alles wird schräg dargestellt und als für einen Dialog der Vernunft ungeeignet.
In Teilen mutet der Beitrag wirklich an, wie eine Materialsammlung für einen Hexenprozess. Es wird ein „Anthroposophisches“ konstruiert, das es gar nicht gibt. Hat man schier übersehen, dass Steiner die Krishnamurti Verehrung der Theosophen deshalb nicht mitmachte, weil er nicht einen spirituell begabten Inderjungen zu einer Art wiedererstandenem Christus ausgerufen sehen wollte? Oder versteht jemand die durchs Bild tapsende blaue Gestalt? Schätzte Steiner Schlafwandler besonders? Wie aber reagieren, wenn man in die Rolle einer mehr außerkirchlichen Frau des Mittelalters kommt und mit dem Finger auf einen gezeigt wird mit dem Impetus: Die da ist keine harmlose Kräutersammlerin, die reitet auf einem Besen! Gegen Schluss fällt eine wie zusammenfassende Bemerkung, hier sinngemäß wiedergegeben:
Im Weinbau? Na prost Mahlzeit! Jetzt wird man sogar schon beim Heurigen anthroposophisiert.
Da ist doch Gefahr im Verzug. Das muss aufhören, sofort!
Man fragt sich eben: „ORF III, was denkst Du Dir dabei?“
p.s.: Auf die im Film laut vermutete Andeutung, dass in der Waldorfschule mit Anthroposphie indoktriniert werde, sei im Folgenden geantwortet durch einen Ausschnitt aus der Ansprache von Rudolf Steiner anlässlich der Gründung der ersten Waldorfschule anno 1919.
„ Wir wollen hier in der Waldorfschule keine Weltanschauungsschule einrichten.“
Auszug aus der Ansprache gehalten am Beginn des grundlegenden pädagogischen Kurses für die Waldorfpädagogik in Stuttgart, 20. August 1919. Hervorhebungen, Anmerkungen und Auswahl der Textteile von Reinhard Apel.
Heute abend soll nur etwas Präliminarisches gesagt werden. Die Waldorfschule muß eine wirkliche Kulturtat sein … und die Schulfrage ist ein Unterglied der großen geistigen brennenden Fragen der Gegenwart.
… Die Politik, die politische Tätigkeit von jetzt wird sich dadurch äußern, daß sie den Menschen schablonenhaft behandeln wird, dass sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Menschen in Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behandeln wie einen Gegenstand, der an Drähten gezogen werden muß, und wird sich einbilden, dass das einen denkbar größten Fortschritt bedeutet … Ein Beispiel und Vorgeschmack davon ist die Konstruktion der russischen bolschewistischen Schulen, die eine wahre Begräbnisstätte sind für alles wirkliche Unterrichtswesen.
… Jeder muß seine volle Persönlichkeit einsetzen von Anfang an. Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemäß, sondern verwaltungsgemäß einrichten und sie republikanisch verwalten. In einer wirklichen Lehrer-Republik werden wir nicht hinter uns haben Ruhekissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern wir müssen hineintragen [in uns tragen] dasjenige, was uns die Möglichkeit gibt, was jedem von uns die volle Verantwortung gibt für das, was wir zu tun haben. Jeder muß selbst voll verantwortlich sein.
Wir müssen uns voll bewußt sein, daß eine große Kulturtat nach jeder Richtung hin getan werden soll. Wir wollen hier in der Waldorfschule keine Weltanschauungsschule einrichten. Die Waldorfschule soll keine Weltanschauungsschule sein, in der wir die Kinder möglichst mit anthroposophischen Dogmen vollstopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik lehren, Anthroposophie ist kein Lehrinhalt, aber wir streben hin auf praktische Handhabung der Anthroposophie. (Anm. Um die pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer zu steigern.)
Wir werden nur dann gute Lehrer sein, wenn wir lebendiges Interesse haben für alles, was in der Welt vorgeht. Durch das Interesse für die Welt müssen wir erst den Enthusiasmus gewinnen, den wir gebrauchen für die Schule und für unsere Arbeitsaufgaben. Dazu sind nötig Elastizität des Geistigen und Hingabe an unsere Aufgabe.
