Text: Wolfgang Schaffer, Foto: Neues Leben – Gemälde von Rudolf Steiner
Mit jedem Menschen, der auf Erden geboren wird, beginnt das Neue in der Welt. Durch die physische Geburt tritt ein neuer Mensch aus der schützenden und nährenden Hülle eines mütterlichen Körpers in die Welt hinaus. Es gibt keine einzige Sekunde, in dem nicht an irgendeinem Ort auf unserem Planeten Kinder die Welt betreten. Mit dem ersten Atemzug beginnt die Berührung des in seinem Inneren strömenden Blutes mit der äußeren irdischen Luft. Ein menschliches Leben nimmt nun seinen Lauf. Diese fortwährende allgemeine Geburt der Menschheit verläuft für das damit verbundene neue Dasein auf der Welt völlig unbewusst.
Ein neugeborener Mensch weiß noch nichts von seinem Daseinszustand. Doch ist in ihm alles vorbereitet, sein Leben zu entfalten und seinen Schicksalsweg zu gehen. Das Neue will durch diesen Menschen für die Welt geschehen. Allein sein körperliches Dasein verändert den Zustand der gesamten Erde, denn er ist durch die Elemente, die seinen Körper aufbauen, untrennbar mit der Erde verbunden. In leiblicher Hinsicht sind wir Menschen – einer Aussage Rudolf Steiners in seinem Buch Theosophie zufolge – ein eigenes «Reich» über die Mineralien, Pflanzen und Tiere hinaus. Die in der Natur wirksame, artbildende Kraft ist bei jedem Menschen individuell auf seinen Geist hin orientiert. So bildet jeder Mensch geistig gesehen auch eine Art für sich! Nimmt man diese Aussage ernst, ergibt sich daraus ein erstaunliches Bild. Wenn wir zum Beispiel ein Pferd und einen Igel als Vertreter verschiedener Tierarten betrachten, sind sie zwar als Tiere gleich und doch sehr unterschiedlich als Vertreter ihrer Art. Ein Mensch unterscheidet sich anthroposophisch gesehen in geistiger Hinsicht von einem Mitmenschen nicht wie ein Igel von einem anderen Igel, sondern wie eine ganze Tierart von einer anderen. In unserem Beispiel eben wie ein Igel von einem Pferd! Warum kann dieser Vergleich so erhellend sein für die Frage nach dem Neuen in der Welt? Stellen Sie sich vor, es würde jede Sekunde eine neue, bisher unbekannte Tier- oder Pflanzenart geboren werden.
Die Ähnlichkeit von Mensch zu Mensch lässt uns den offensichtlich bestehenden Unterschied viel unbedeutender erscheinen als er tatsächlich ist. Er lässt sich nicht mit der Ähnlichkeit von zwei Exemplaren derselben Tierart vergleichen. Menschen unterscheiden sich trotz ihrer genetischen Gemeinsamkeiten grundlegend voneinander. Das körpereigene Immunsystem zeugt davon ganz unmissverständlich. Es reagiert auf jede körperfremde Substanz mit einer Abwehrreaktion. Dabei handelt es sich um einen existentiellen Kampf des körpereigenen Ich gegen alles, was Nicht – Ich ist. Sein physischer Leib ist Ausdruck seiner einzigartigen Individualität. Haben sie darüber schon einmal so gestaunt, wie wenn man eine Tierart zum ersten Mal in seinem Leben wahrnimmt? Ist es angebracht, das Wunder einer menschlichen Individualität so anzustaunen wie es Kinder tun, die zum ersten Mal einen Zoo besuchen? Bei manchen kleinen Kindern kann man dieses Staunen ganz genau bemerken. Ein unbekannter Mensch tritt unversehens in den familiären Raum und in die jähe Stille schaut und lauscht das Kind minutenlang auf diesen für ihn neuen Menschen hin.
Schuldlos im Erbstrom?
Die Einzigartigkeit des menschlichen Körpers ergibt sich aus der Verschmelzung jeweils einer Körperzelle eines weiblichen und eines männlichen menschlichen Wesens. Mutter und Vater werden diese Menschen dann aus der Sicht des neu gezeugten Menschenkindes genannt. Die beiden Elternteile und ihr Kind sind auf diese Weise miteinander im Erbstrom unwiderruflich vereint. Dass wir uns von unseren Eltern trotz vieler von ihnen geerbten Merkmale körperlich so eindeutig unterscheiden, ist der herrschenden wissenschaftlichen Theorie zufolge dem Zufall zu verdanken. In früheren Zeiten hatte man dazu die Ansicht, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit eine Imagination Gottes darstellt. So gesehen sind wir also gar nicht selbst schuld an den Besonderheiten unserer leiblichen Existenz. Wir haben – salopp gesagt – einfach Pech oder Glück gehabt bei dem göttlich vorgesehenen oder zufälligen Würfelspiel der Erbanlagen! Im Sinne der jüdisch – christlich – moslemischen Tradition wurde Adam als der erste Mensch von Gott geschaffen. Als Ebenbild der Gottheit war er ausgestattet mit Vollkommenheit und seinesgleichen war im ganzen Schöpfungskreis nicht zu finden. Allen Lebewesen hatte Adam im Auftrag Gottes einen Namen gegeben, ohne aber unter ihnen einen Menschen wie sich selbst zu finden. Mit der Erzeugung einer «Männin» aus seinem eigenen Leib wird für Adam Abhilfe geschaffen. Er fällt zum ersten Mal in einen tiefen Schlaf. Während dieser Zeit wird aus seiner Rippe eine passende Gefährtin für ihn gebaut. Aufgewacht entdeckt er an ihr nun endlich «Gebein von seinem Gebein» und «Fleisch von seinem Fleisch» zu einem Lebewesen neben ihm erweckt! Er benennt sie nach der Vertreibung aus dem Paradies auch mit einem Namen. Eva soll sie für ihn heißen als die Mutter aller Lebenden. Mit Adam und Eva beginnt der eigentliche Erbstrom, der die Menschheit bis auf den heutigen Tag als Bewohner der Erde am Leben erhält. Allerdings hat der Lauf der Generationen eine besondere Stelle, die das Überleben auch unter den sich wandelnden äußeren Bedingungen auf der Erde sichern kann. Die Nachkommen weichen dieser Besonderheit entsprechend von dem Urbild der Eltern jeweils unvorhersehbar ein Stück weit ab! Kinder sehen den Eltern zwar grundsätzlich ähnlich, sie haben jedoch auch ganz neue, individuelle Eigenschaften mitgebracht. Wer trägt daran die Schuld? Theologisch wird diese Abweichung «Erbschuld» genannt, die uns seit der Vertreibung aus dem Paradies als Menschen begleitet. Vieles haben wir durch diese Individualisierung jedes einzelnen Menschenwesen dazugewonnen an persönlicher Freiheit. Noch mehr ist uns verlorengegangen an der ursprünglichen Verbundenheit mit Gott, der uns geschaffen hat. Kurz gesagt, wir haben das Paradies der göttlichen Geborgenheit verlassen, um in einer Wüste menschlicher Fehlerhaftigkeit und Schwächen den Weg zurück auf eigene Faust wiederzufinden. Seit unserem Auszug aus dem Paradies hat sich der Mensch in jeder Hinsicht stark gewandelt. Unter Schmerzen werden wir seitdem geboren. Wir lernen gehen, sprechen, denken in den ersten Jahren unseres Lebens. Unser Denken, Fühlen und Wollen sind als Einheit in uns wirksam. Schmerzliche Zustände versuchen wir nach einer ersten leidvollen Erfahrung möglichst zu vermeiden, lustvolle Erlebnisse trachten wir zu wiederholen. Durch geordnetes Nachdenken über die Ursachen von Lust und Leid lernen wir unser Leben möglichst angenehm und frei von Angst und Schmerzen zu gestalten. Wir leben mit unserer Seele in einem physischen Körper und sind doch unserm Ursprung nach das Ebenbild eines göttlich – geistigen Schöpfungswesens. Unser Dasein findet seinen Mittelpunkt im selbstbewussten Ich. Der naturwissenschaftlichen Evolutionstheorie entsprechend überleben auf Dauer jene Lebewesen, die sich lernend am besten an ihre jeweiligen Lebensbedingungen anpassen können. Diese Auslese wirkt sich direkt auf den Erbstrom aus. Trotz aller bisherigen Errungenschaften der menschlichen Zivilisation bleibt doch weiterhin die Tatsache bestehen, dass wir dem Körper nach sterblich sind. Damit verbunden bleibt die Furcht, mit unserem leiblichen Tod auch die Seele zu verlieren. Das führt dazu, uns im Geist zu stark mit dem groben Irrtum des rein sinnenfälligen Materialismus zu verbinden.
Der neue Adam
Wie also ist es möglich, dem aus lichten Höhen des ursprünglichen Paradieses unaufhaltsam in die dunkle Tiefe menschlicher Bedürftigkeit hinabfließenden Erbstrom zu entkommen? Woher kann es Rettung geben für die wieder zur Vollkommenheit strebende Menschheit? Die Erlösung aus dieser scheinbar ausweglosen Situation wird in den Schriften des Neuen Testaments beispielhaft beschrieben. War es dem ersten Menschen Adam und seiner Gefährtin Eva widerfahren, der Versuchung durch die Schlange zu erliegen, so musste es eben am Ende der Zeiten, auf dem Tiefpunkt aller Entwicklungsmöglichkeiten einen neuen Anfang geben. Der Versuch, durch das Kosten vom Baum der Erkenntnis zu früh und ohne eigenes Bemühen «wie Gott zu sein», war hoffnungslos gescheitert. Es musste sich nun am Ende der Zeiten ein «neuer Adam» in den Erbstrom hineinstellen. Dies geschah durch die Empfängnis und Geburt einer Seele, die sich noch nie zuvor auf der Erde verkörpert hatte. Sie war bis zu diesem Zeitpunkt in dem geistigen Ursprungsort der Menschheit zurückbehalten worden. Wie sich dieses Geschehen vollziehen konnte, ist in den Evangelien des Matthäus und Lukas ausführlich beschrieben. Mit dem dreiunddreißig Jahre später folgenden Erdentod des Jesus von Nazareth und dessen Auferstehung ist die Erlösung der gesamten ersten Schöpfung in der Tat vollendet. Seit dieser Zeit wird die frohe Botschaft von der unaufhaltsamen Entfaltung einer neuen Schöpfung durch den «Neuen Adam» Jesus Christus – beginnend mit dem Apostel Paulus – von Generation zu Generation weitergegeben. Diese neue Schöpfung ereignet sich nicht durch die körperliche Zeugung in Fleisch und Blut, sondern im innersten Heiligtum der einzelnen Menschenseele. Sie vollzieht sich in der Erweiterung der durch tiefste Einsamkeit und Ohnmacht gewonnenen Bewusstheit des ICH BIN als einzelner Mensch zu der Gewissheit des ICH BIN in meiner Einzigartigkeit seit Urbeginn in Gott.
Leib, Seele und Geist
Die durch Rudolf Steiner entwickelte Anthroposophie versteht sich als zeitgemäße Geisteswissenschaft. Sie steht nicht im Widerspruch zu der modernen Naturwissenschaft, sondern stützt sich auf die an der Erforschung der Materie gewonnene Erkenntnismethodik. Das Ziel der Anthroposophie liegt aber in der Forschung auf seelischem und geistigem Gebiet. Sie will ein Erkenntnisweg sein, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte. Dabei werden drei grundverschiedene Arten beschrieben, auf die wir mit der Welt um uns verbunden sind. Körper, Seele und Geist des Menschen bilden eine Ganzheit, die aber in ihrer Gliederung in diese drei Bereiche jeweils ganz unterschiedlich zu betrachten ist. Unser physischer Körper erfüllt sich mit materieller Substanz und ist nach dem Gesetz der Vererbung mit der Welt verbunden. Die Seele steht in ihrem Empfinden von Lust und Schmerz der Welt mit Sympathie oder Antipathie gegenüber. Unsere Gefühle bilden eine Seelenwelt, die primär für uns selbst Bedeutung hat. Durch die Verursachung und das Empfinden von Lust und Leid ist diese Welt beherrscht von dem Gesetz des selbstgeschaffenen Schicksals oder Karma. Was wir rein im Geist erfassen, steht außerhalb von Raum und Zeit. Sobald wir uns mit der zeitlosen Gültigkeit einer Wahrheit und Erkenntnis geistig vereinen, stehen wir mit dem Gesetz der wiederholten Erdenleben in Verbindung. Wir finden uns im Geiste wieder, da wir dieser Einsicht zufolge als Geisteswesen im Laufe der Generationen immer wieder nur von uns selbst abstammen!
Neues Werden kann nur durch uns selbst geschehen. Sobald sich eine Seele auf den Weg zur Selbsterkenntnis begibt, verändert sich mit ihr die ganze Welt ringsum. Dieser Weg beginnt mit dem Erleben einer geistigen Geburt mitten im Alltag der Notwendigkeiten, die das ganz normale Leben mit sich bringt. Um diese Geburt als etwas Neues und als eine Wirklichkeit zu erleben, braucht es ein wachsames Bewusstsein auf ein anfänglich unscheinbares Gefühl. Achtung, Bewunderung und Verehrung der Wahrheit und der Erkenntnis gegenüber sind das Tor zum Erfassen des Geistigen im Menschenwesen! Wie die Sonne alles Lebendige mit ihren Strahlen ringsum belebt, soll das Gefühl von Achtung, Bewunderung und Verehrung alle Empfindungen der Seele beleben und durchdringen. So einfach soll das sein? Wann hat sich der dichte Nebel andauernder Kritik an sich selbst und aller Welt zuletzt dem Licht der ungetrübten Verehrung und Bewunderung einem Höheren gegenüber geöffnet? Echtes Staunen kann in diesem Sinne das bisher ganz Gewöhnliche Erleben mit dem Glanz des unerwartet Neuen versehen. Diese Neuheit ergibt sich nicht durch Spekulation oder Selbstüberlistung, es ist Ausdruck eines ehrlichen Bemühens um die liebevolle Annahme des bisher Unbekannten in unserem Wesen. Für einen Augenblick lang muss es etwas Wahrnehmbares in uns geben, das sich nicht sofort mit einem schon bekannten Begriff in Einklang bringen lässt. Dieses Etwas ist in Wahrheit und Erkenntnis das Höhere in uns. Wie die Kinder müssen wir es wieder lernen, unserem Selbst als dem noch Unerkannten, Zukunftsfrohen, dem Höheren in unserem Alltagsmenschen gegenüberzutreten. Wie staunen manchmal Kinder, wenn sie zu Weihnachten genau das Geschenk bekommen, das sie sich von Herzen wünschen! Wir sind als Werdende das Christuskind in unserer eigenen Seele, das uns am besten kennt und das uns immer mehr die Selbsterkenntnis schenkt von dem, was in uns neu geboren werden will.
«Zu tragen Geisteslicht
in Weltenwinternacht
erstrebet selig meines Herzens Trieb,
dass leuchtend Seelenkeime
in Weltengründen wurzeln
und Gotteswort im Sinnesdunkel
verklärend alles Sein durchtönt.»
Rudolf Steiner,
Wochenspruch zur Wintersonnenwende
