Text: Hannelore Waldherr
Wozu noch aufstehen am Morgen, es ist doch sowieso alles sinnlos. Solche und ähnliche Aussagen höre ich immer häufiger. Eine gewisse Hoffnungslosigkeit und Lahmheit breitet sich aus, weil immer mehr Menschen die eigene Ohnmacht gegenüber den Geschehnissen empfinden.
Wie wäre es aber, wenn wir gerade in dem Sinnlosen dieser Welt einen Sinn suchen würden? Könnte es nicht sein, dass wir durch die Sinnlosigkeit vollkommen unabhängig sind? Man denke sich nur, es gibt nichts, das einen dazu veranlasst, etwas zu tun. Dann stellt sich doch die Frage, warum veranlasst einem das „Nichts“ dazu, etwas zu tun?
Wer diese Frage ernst nimmt, kommt nicht umhin, sich auf das „Nichts“ einzulassen und sich mit ihm zu verbinden. Das ist ein sehr schmerzhafter Vorgang, denn man ist hier nicht mit dem Edlen, dem Schönen, dem lichten Geistigen konfrontiert, sondern mit dem Hässlichen, Schrecklichen, mit der Finsternis. Aber wer diesen Anblick aushält, kann in sich eine Stimme hören. Es ist das „Nichts“, das in dir zu sprechen beginnt. Es sagt dir, dass es dir alles gegeben hat, dass es für dich gestorben ist, damit du sein kannst. Es hat auch jede Macht über dich geopfert, damit du frei sein kannst.
Du erkennst durch die Vereinigung mit dem „Nichts“, dass die Sinnlosigkeit dieser Welt die höchste Liebestat der Gottheit war, damit der Mensch vollkommen frei wird. Du erkennst aber auch, dass jetzt die Gottheit auf den „guten Willen“ des Menschen angewiesen ist, d.h., dass der Mensch in Freiheit der Gottheit wieder zurückgibt, was sie für ihn geopfert hat.
Wer diesen Weg durchschreitet, wird von einem unendlichen Liebesstrom ergriffen. Dieser Mensch wird nicht mehr handeln, damit er geliebt wird, sondern ER lässt die Liebe in jede Handlung strömen. Er ist bereit, die Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen und kann die Schuld für seine Handlungsunfähigkeit nicht mehr in der Sinnlosigkeit dieser Welt sehen. Er hat erkannt, dass ihn gerade diese Sinnlosigkeit veranlasst, an einer neuen Schöpfung mitarbeiten zu wollen. Mit jeder Handlung, die der Mensch aus Liebe verrichtet, erlöst er einen Teil der Gottheit, die für ihn gestorben ist, der er sein ganzes irdisches Sein verdankt.
Der Mensch gibt in Freiheit und Liebe dem Sinnlosen dieser Welt den Sinn zurück. Weil er es will.
