Das Neue in der Kunst des 20. Jahrhunderts

Text: Rudolf Leopold

Rudolf Steiner hat den Ausdruck Geschichtssympto­matologie geprägt, um die tieferen geistigen Beweg­gründe historischen Geschehens zu erfassen. So kann sich etwas Neues lange vorher ankündigen, aber es gibt auch plötzliche Begebenheiten, durch die der Lauf der Geschichte einschneidend verändert wird.

So prägen drei ganz verschiedenartige Ereignisse den Beginn der Neuzeit: der Fall Konstantinopels (1453), der Entdeckung Amerikas (1492) und Luthers An­schlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Witten­berg (1517). Im Bereich der Musik könnte man als eines der größten Ereignisse den Beginn des Tristan-Vorspiels von Richard Wagner nennen (1857), denn bei völlig tonalen Akkorden wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen, es gibt plötzlich keine Grundtonart mehr… Ich möchte mich nun speziell der Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts widmen, einer Zeit, in der es durch den Beginn des Michaeli­schen Zeitalters gewaltige geistige Impulse gab und vieles im Umbruch war. Schon In den letzten Jahr­zehnten des 19. Jahrhunderts versuchte man sich in der Malerei und später auch in der Musik, sich vom romantischen Ballast zu befreien, indem man sich auf Naturstimmungen und das dahinter liegende Elemen­tare besann. Ein Kritiker verwendete zur Charakteri­sierung des ersten Monet-Bildes dieser Art (Impressi­on – soleil levant, 1872) den abwertenden Ausdruck „Impressionismus“, der dann später die Bezeichnung der gesamten Kunstrichtung werden sollte.

1894 wurde das erste impressionistische Orchester­werk „Prélude à l´Après-midi d´un faune“ von Clau­de Debussy uraufgeführt, ein Wendepunkt der Musik­geschichte! Debussy verwendet traditionelle Akkorde, aber nicht mehr ausschließlich in ihrer Funktion (To­nika, Dominante usw.), sondern als Farbwerte, in sei­ner Jugend hatte er auch überlegt, Maler zu werden… Ähnlich versuchte Rainer Maria Rilke in der Dicht­kunst die Worte von ihrer engen Bedeutung zu befrei­en und sie mit ihren Farb- und Klangwerten einzu­setzen (Ernst Krenek erzählte mir, dass es Rilke nicht mochte, als Krenek vorhatte, einige seiner Gedichte zu vertonen, denn er empfand sie selbst schon als Musik).

Ganz anders Arnold Schönberg, der als hochroman­tischer Komponist seine Laufbahn begonnen hatte (Ein berühmtes Stück dieser ersten Periode ist das Streichsextett „Verklärte Nacht“, 1899). Schönberg war zudem hellsichtig und hat seine Visionen so­wohl schriftlich als auch in mehreren seiner Bilder festzuhalten versucht. Er war sehr in der tonalen Mu­sik verwurzelt, aber ihn beschäftigte die Frage: Wie kann ich musikalisch ebenso wie in meinen Visionen aus den Fesseln von Raum und Zeit herausgelangen? Er ahnte, dass sein Weg in eine neue Richtung füh­ren musste. In einem schmerzhaften Prozess löste er sich allmählich von der herkömmlichen Harmo­nik, dem „Raum“ sozusagen, gleichzeitig von tradi­tionellen rhythmischen Mustern, sodass kein regel­mäßiger Takt mehr erkennbar ist, das Verlassen des herkömmlichen Zeitgefühls… In dieser Zeit, die um 1908 begann und als Schönbergs „Atonale Phase“ bezeichnet wird, entstanden Schlüsselwerke der Mu­sik des 20. Jahrhunderts wie z. B. „Pierrot Lunaire“.

An dieser Stelle denke ich an eine Bemerkung Rudolf Steiners, der meinte, dass in Zukunft nicht ein Zu­sammenklang mehrerer Töne (Akkord), sondern der Einzelton selbst Bedeutung erlangen wird.

Der Weg Schönbergs führt in diese Richtung.

In der Malerei könnte man einen ähnlichen Pro­zess in der Aufgabe der gegenständlichen Darstel­lung, den Beginn der abstrakten Malerei erblicken. Es ist interessant, dass Wassily Kandinsky, mit dem Schönberg einen ausführlichen Briefwechsel über das Geistige in der Kunst führte, zur selben Zeit Bil­der malte, bei denen die Farben selbst eine unglaub­liche Ausdruckskraft erlangten, konkrete Gegenstän­de aber kaum mehr wahrnehmbar sind.

Nun war Schönberg diese Art der Komposition aber nicht konkret genug, er sehnte sich nach irgendeiner Struktur, an der er sich festhalten konnte und so er­dachte er um 1920 ein System der „Zwölftontechnik“, was sehr vereinfacht bedeutet, dass ein Ton erst dann wiederholt werden kann, wenn die anderen 11 Töne der chromatischen Skala erklungen sind. Auf diese „Erfindung“, wie er es selbst nannte, war er sehr stolz. Nicht nur seine berühmten Schüler Alban Berg und Anton von Webern führten diese Kompositionsweise weiter, kaum jemand späterer Komponistengeneratio­nen ist achtlos an Schönbergs Zwölftontechnik vorü­bergegangen. Bei Schönberg selbst kann man jedoch eine gewisse Erstarrung in seiner Kompositionswei­se feststellen, auch ging der fantasievolle Umgang mit dem Rhythmus etwas verloren. Interessant ist, dass Kandinsky zur selben Zeit plötzlich mit streng geo­metrischen Formen begann, war die neue Freiheit aus sich heraus nicht in der Lage, sich zu halten?

Zur selben Zeit (1919) stellte auch Josef Matthias Hauer sein Zwölftonsystem vor, dem eine ganz an­dere Idee, nämlich ein Abbild der Sphärenharmonie zugrunde liegt.

Rudolf Steiner kannte Hauers Musik womöglich gar nicht, war aber von seiner Schrift „Vom Wesen des Musikalischen“ (1920) begeistert, die sich stark auf Goethes „Farbenlehre“ stützt.

Auch heute stehen wir in jeder Hinsicht vor einem Neubeginn.

Nach 100 Jahren muss die Anthroposophie neu ge­griffen und belebt werden! In der Kunst haben wir so viele Vorbilder und Möglichkeiten wie noch nie zuvor. Die Frage ist überall die gleiche, ob wir fähig sind, die geistigen Impulse unserer Zeit wahrzuneh­men und umzusetzen …

Das Alte muss vergehen, damit Neues kommen kann

Gespräch mit Rudolf Leopold über zeitgenössische Musik

Mit ihm sprachen Biljana Simic und Reinhard Apel.

Ein berühmter Musiker sagte einmal: Jede wahre Kunst muss den Zeitgeist widerspiegeln, sonst gau­kelt sie uns etwas vor.

Wieso würde das Bleiben in den bisher gewohnten Harmonien uns etwas vorgaukeln?

Wenn man beim Komponieren im Stil einer vergan­genen Zeit bleibt, dann ist es schon Epigonismus. Trotzdem kann es bedeutende Werke geben, aber sie haben nicht ganz die Kraft, weil es Epigonentum ist.

Die Popmusik hat ja sehr viel dazugegebenen Rhyth­mus, badet aber in traditionellen Harmonien.

Die Popmusik, hm…. nun, es gibt ja auch neuere klassische Musik, wo man sagen kann, da wird ein­fach „schön“ komponiert. Ich habe selbst Stücke ge­schrieben, die ich in diesem Sinne als nicht wirklich gelungen bezeichnen würde. Mein Kollege Geber sagt dann immer zu mir: „Du bist schon wieder viel zu romantisch“. Das Zukünftige ist das Schwierige. Auch schwierig für die, die zuhören. Das sogenannte Moderne ist ja schon überwunden. Wir leben jetzt im Zeitalter der Postmoderne, wo alles möglich ist, umso schwieriger aber, als schaffender Künstler den eigenen Weg zu finden.

Hier kommt wieder die Frage: Was entspricht un­serer Zeit? Diese ist seelisch gesprochen sicher eine sehr kämpferische. Die Niedergangskräfte, ganz an Altem haftend, sind noch sehr dominierend, aber die neuen Kräfte, die Auferstehungskräfte sozusagen, sind vor allem seit dem Michaelischen Impuls – Stei­ner meint so ab 1879 – auch stark wirksam. Dabei ist viel zu Recht im Umbruch…

Worüber sie jetzt sprechen klingt in dieser Ausgabe auch im Beitrag von Ljubic an. Genau diese dramati­schen Kämpfe, die kämpferischen Auseinandersetzun­gen auch im sozialen Leben, im Sozialen Organismus.

Deshalb spiegeln bedeutende Komponisten auch diese Situation wider, deshalb hat auch Schönberg so sehr nach Neuem gesucht. Die Musik kann nicht mehr so altgewohnt harmonisch bleiben. Die Zeit­stimmung ist nicht so. Es wäre ein Vorgaukeln. Dabei sind es die neueren österreichischen Komponisten, die Neues auf verbindliche Art schaffen wollen: Kurt Schwertsik etwa, der jetzt seinen 90. Geburtstag fei­ert, oder Ivan Eröd. Das sind für mich die besten Komponisten, Gottfried von Einem natürlich auch!. Nur ned zu radikal sein! Man ist mehr österreichisch vermittelnd. Die Deutschen spiegeln mehr die geisti­gen Kämpfe der Zeit wider, z. B. Hans Werner Henze oder Wolfgang Rihm. Diese Stimmung wurde von anderen Komponisten zu einem Extrem geführt, etwa so: Je schräger es klingt, desto besser.

Kann man es so ausdrücken: Das Dissonante ist im Grunde unsere Lebenssituation. Beziehungen, Beruf, Politik … einfach alles wird im Prinzip dissonant er­lebt? Wir müssen damit umgehen lernen.

Unsere heutige Situation ist eher dissonant. Dahinter stehen sicher auch geistige Wesen, die das Neue und Notwendige verhindern wollen. Etwa dass die russi­sche Volksseele von der mitteleuropäischen befruch­tet werden muss, damit von ihr aus der Impuls für die nächste weltweite Kulturepoche kommen kann. Dies hat Prokofieff auf Grundlage von Steiners Vor­trägen wunderbar ausgeführt. Ich meine Sergej O. Prokofieff, den Enkel des Komponisten. Jetzt gerade sehr aktuell.

Das Dirndl geht auf Dauer nicht mehr. Jedenfalls nicht durchschlagend?

Es muss etwas Neues kommen. So wie in der Apoka­lypse des Johannes. Das Alte muss vergehen, damit das Neue kommen kann.

Verstehe ich sie so richtig: Die klassische und romanti­sche Musik pflegt etwas in meiner Seele, was ich schon brauche, aber was mich – nur für sich genommen – noch nicht befähigt voll in der gegenwärtigen Zeit zu stehen, Zeitgenosse zu sein.

Natürlich soll man sich als Interpret oder Zuhörer an traditioneller Musik erfreuen und auch Kraft daraus schöpfen, was uns die großen Genies der abendlän­dischen Musik hinterlassen haben!

Ich spreche aber hier für die schöpferischen Künstler, Komponisten, Maler, Dichter usw.

Wenn man nun ein professioneller Musiker wie Ru­dolf Leopold ist, dann hat man ja alles Bisherige im Erleben präsent. Sie können leicht was Atonales spielen und wenn es Ihnen zu viel wird, setzten Sie sich viel­leicht zu Hause hin und spielen ein wenig Bach oder etwas anderes als Ausgleich. Aber der Mensch, der nur ein modernes dissonantes Stück hört, der tut sich viel­leicht sehr, sehr schwer.

Ja, das mag sein. Bartok hat ja 1929 das atonals­te Stück in seinem Leben geschrieben, das Dritte Streichquartett. Er wollte damit um jeden Preis et­was Revolutionäres schreiben. Weil er aber selbst darunter gelitten hat, schrieb er genau zur selben Zeit zwei Rhapsodien mit ungarischen Volksthe­men, Volksweisen. Weil er seine eigene neues Musik nicht ausgehalten hat! Hier kann man etwas von den Kämpfen in der Seele eines Komponisten erahnen, der vielleicht der bedeutendste des 20 Jahrhunderts war…

Herr Leopold, wir danken für das Gespräch.

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