Johann Gottlieb Fichte – Ein Ich und seine Wandlungen

Autor: Felix Gründer, Buchbesprechung: Norbert Liszt

Felix Gründer geht anfangs der Frage nach, was Fichtes besondere Wesensart ist, um zu zeigen, welche Bedeutung er innerhalb der geisteswissenschaftlichen Landschaft hat.

Als Hochschullehrer und Vortragender war es Fichte wichtig, dass sich eine gemeinsame Atmosphäre über seine Zuhörer ausbreitet. Selbstschöpferisches Tun wollte er aus den Seelen seiner Zuhörer herauslocken. Er legte Wert darauf, dass jeder ein Selbstdenker werde und wollte in den Menschen einen Ich-Erzeugungsprozess anregen. Doch dieses Ich wollte er nicht so verstehen, dass es nur in sich selbst kreist und nur an der eigenen Persönlichkeit baut. Es soll mit der Außenwelt zusammenwachsen und als Weltenwille über sich hinauswirken.

Befeuernd wirkte, dass er schon in jungen Jahren seinen Vorlesungen nicht irgendein Lehrbuch eines anerkannten Autors zugrunde legte, sondern seine eigenen Gedanken vortrug. Was ihn besonders auszeichnete, war die Stärke seines Willens. Es wird erzählt, dass sich das auch an seinem forschen Gang zeigte. Dem Willenselement gibt er in seinen Werken viel Bedeutung. Seine Überzeugung war, dass der Mensch sich zu freien Gedanken durchringen kann. Er soll nicht einem blinden Mechanismus der Ideenassoziation folgen, sondern durch eigene Kraft, seiner Ideen-Reihe eine bestimmte Richtung geben. Dieses Vermögen ist Vorzug des Menschen, und je mehr jemand diesen Vorzug behauptet, desto mehr ist er Mensch. Der Mensch darf sich sagen: Ich bin dazu veranlagt, ein selbständiges Wesen zu sein. Dazu gehört die Möglichkeit zur Freiheit im Denken und deren Äußerung im Wollen. Liegt es doch in der Natur des Menschen, dass er souverän seine Vorstellungen lenken und formen kann, und nicht nur passiv notwendigen Gesetzmäßigkeiten unhinterfragt Folge leistet.

Sehr eindrücklich stellt der Autor dar, wie J.G. Fichte und auch Rudolf Steiner ihre Ideen im Sinne der Jetztzeit entwickelt haben. Beide erkannten, dass der Fortgang der Menschheitsentwicklung einem göttlichen Plan folgt, der sich in Kulturzeiträumen entfaltet. Von der urindischen Kultur bis zur griechisch-römischen Kultur ist es der Götterwille, der die Menschheit schrittweise zur Reife führt. Dieser Entwicklungsstrom kommt mit dem Römertum zum Abschluss. und ein weiterer schließt an.  Einen Kulturzeitraum kann man sich bildhaft  als Bildhaft kann diese Kulturentwicklung wie eine sich nach innen drehende Spirale vorgestellt werden. Dort im Inneren kommt die Spiralbewegung zum Stillstand. Dieser Stillstand bezieht sich jedoch nicht auf technische Entwicklungen, sondern auf die Art und Weise, wie sich der Mensch ins Leben hineinstellt. Soll es eine Weiterentwicklung geben, gibt es kein Zurück. Es muss ein Sprung in das noch Unbekannte – eine neue Entwicklungsstufe gewagt werden. Jedes Zurückwollen ist ein Anachronismus und schadet der Weltentwicklung.

Mittlerweile ist ein chaotischer Zustand  entstanden. Der Weltenlauf hat den heutigen Menschen vor ein Nichts gestellt. Das Alte trägt nicht mehr und das Neue kann jetzt nur aus seinem Inneren kommen. Der Mensch muss sich neu erfinden, um seiner Aufgabe im Weltgeschehen gerecht zu werden. Das kann er aber nur, wenn er seinen eigenen Willen in Bewegung setzt. „Das Ich des Menschen ist willensartiger Natur.“¹ Aus dieser Beschaffenheit seiner Persönlichkeit heraus hat der Mensch die Möglichkeit eine neue Kultur zu schaffen, die die Menschengemeinschaft in die Zukunft führt

Das folgende Zitat kann als Quintessenz des Buches gelten: “Nicht bloß zurückschauen auf die schon vorliegende Entwicklung darf der Mensch und das, was sich in seinem Geiste über diese Entwicklung nachbildet, als das Höchste ansprechen; sondern vorschauen muss er auf Ungeschaffenes; ein Anfang eines neuen Inhalts muss seine Erkenntnis sein, nicht ein Ende des ihr vorliegenden Entwicklungsinhalts“².

Das Buch macht Mut, nicht nur das Gewohnte zu pflegen und sich mit Bestehendem zu beschäftigen, sondern wagen sich Neues vorzunehmen.

Ich möchte mich herzlich bei dem Künstler Hubert Radauer bedanken, dass er mir dieses Büchlein hat zukommen lassen. Es birgt eine Fülle von Erkenntnis-Schätzen, die uns die Philosophie Johann Gottlieb Fichtes und seiner karmischen Vorläufer Philon von Alexandria und Baruch Spinoza in sehr lebendiger Art vermitteln. Der Wechsel von eigenen und zitierten Texten gelingt Felix Gründer so gut, dass es dem Lesefluss nicht hinderlich ist. Viele dieser Zitate entstammen Rudolf Steiners Forschungen über die Individualität Fichtes und dessen Verdienste für ein neues, heute noch gültiges, Verständnis vom Menschsein.

Für mich liegt der Wert dieses Buches nicht allein darin, was Fichte gedacht hat, sondern was wir heute aus seinen Erkenntnissen schöpfen, aber auch den Anforderungen der heutigen Zeitverhältnisse entsprechend weiterdenken können.

¹ Rudolf Steiner, GA 179, „Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit“

² Rudolf Steiner, GA 7, „Die Mystik“

Verlag: BOD – Books on Demand GmbH, ISBN: 978-3-8192-3109-4, € 13,-

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