Das Weite suchen

Text und Bild: Wolfgang Schaffer

Wo die Welt an ihre Grenzen stößt, kommt uns der wahre Mensch entgegen

Sonne, Mond und Sterne

Das Weiteste, was wir uns als Menschen vorstellen können, ist das Licht der Sterne, das uns aus dem tiefschwarzen Weltraum, den wir als Nacht erleben, entgegenkommt. Das Gefühl für die unmittelbare Nachbarschaft eines Himmelskörpers, der sich mit der Erde vergleichen lässt, entsteht erst beim Blick auf den die Erde umkreisenden Mond. Die Entfernung des sonnenlichtbeleuchteten Vollmondes von der Erde wird als eine weiteste Ferne erlebt, der wir einmal im Monat bei unbewölktem Himmel gegenüberstehen. Es ist dabei nicht nur der Mond selbst, der diesen Eindruck vermittelt. Es ist vielmehr die gähnend leere Finsternis, die sich zwischen unserem gewahrenden Auge und dem lichtbestrahlten Himmelskörper auftut. Mit diesem Blick verbindet sich eine Dimension des Daseins, das uns als Menschen in den sichtbaren Zusammenhang mit dem Weltall bringt. Vieles von dem, was uns im Alltag beschäftigt und umgibt ,verliert im Vergleich mit den Größenverhältnissen des uns umgebenden Planetensystems und des darin strahlenden Sonnensternes völlig die Bedeutung. Der Wunsch nach einer weiteren Perspektive für unser irdisches Dasein und die Sehnsucht nach einem größeren Ausblick in die Zusammenhänge und Rätselfragen unseres Lebens tritt in den sogenannten Krisenzeiten unserer Biographie besonders stark hervor. Gerade wenn eine Situation ausweglos erscheint, kann sich oft in Anbetracht der Majestät von fernen Gebirgsgipfeln oder im Aufblick zum funkelnden Sternenhimmel die Weite zeigen, die unserer Seele einen Ausweg weist.

Wie ganz anders als beim Mond ist das räumliche Empfinden der Sonne gegenüber! Obwohl sie rein verstandesmäßig betrachtet viel größer und im Vergleich mit dem Mond unendlich viel weiter von uns entfernt am Himmel strahlt, scheint sie uns so nah wie nichts sonst auf dieser Welt. Ihrem direkten Anblick gegenüber versagen unsere Augen schon nach kurzer Zeit. Der zwischen uns und ihr liegende Weltenraum wird nicht als Abstand oder Abgrund empfunden, sondern im Gegenteil als Überfülle und Verbindung. Würde man von einem anderen Planeten aus auf diesen Zwischenraum von Erde und Sonne blicken, wäre sofort der gewaltige Abstand anschaulich zu erleben. Es ist das Licht, das Nähe und Verbindung schafft zwischen uns und der durch die Sonnenstrahlen ringsum erhellten Welt.

Über den so unterschiedlich als Weltenweite erfahrbaren Anblick von Sonne und Mond hinaus ergibt die Wahrnehmung der unendlich vielen Lichtpunkte am nächtlichen Sternenhimmel ein mehr einheitliches Gesamterleben der Weiten des Weltenalls. So wie sich die einzelnen Objekte am Rand des Blickfeldes eines Beobachters zur einheitlichen Horizontlinie verdichten, vermitteln die unzähligen Sterne den Eindruck eines einzigen unendlich großen Ganzen. Darin sind die verschiedenen Himmelskörper und Sternengruppen gut unterscheidbar eingebettet.

Weltgedanken

ANTHROPOSOPHIE KONKRET

Wenn wir nun auf einen kleinen Lichtpunkt in irgendeiner Sternengruppe des sommerlichen Nachthimmels blicken, gehen wir davon aus, dass dieses Licht tatsächlich existiert und dass ihm in einer unermesslich weiten Ferne ein materielles Dasein als lichtstrahlender Stern zukommt. Vielleicht überprüfen wir unsere Wahrnehmung noch durch das Urteil eines anderen Menschen, ob er denn an derselben Stelle ebenfalls diesen Lichtpunkt erblicken kann. Wir gehen dabei immer davon aus, dass „Etwas” da sein muss, wo wir etwas wahrnehmen. Um dieses „Etwas” näher zu bestimmen, müssen wir uns darüber entsprechende Gedanken machen. Die reale Existenz der beschriebenen Wahrnehmung liegt offensichtlich weit außerhalb unseres physischen Leibes, durch dessen Augen wir auf die Erscheinung blicken. Der Gedanke, den wir uns zu dieser Wahrnehmung bilden, taucht in unserem Bewusstsein auf. Wo befinden wir uns als denkende Menschen dann eigentlich im Raum? Solange wir von der Annahme ausgehen, dass die Gedanken von unserem Gehirn erzeugt werden, ist die Antwort klar. Wenn wir über einen Stern nachdenken, sind wir an dem Ort, wo sich unser physisches Gehirn befindet. Tatsächlich sind auch messbare Veränderungen in bestimmten Bereichen unseres Gehirnes nachzuweisen, wenn Gedanken im Bewusstsein aufrechterhalten werden. Diese messbaren Aktivitäten in unserem Gehirn sind aber mit Sicherheit nicht die in weiter Ferne existierende Realität des in unserem Auge als Lichtpunkt aufleuchtenden Sternes. Es sind die einem Denkvorgang zugrunde liegenden, durch Messinstrumente wahrnehmbar gemachte Stoffwechselvorgänge in unserem Körper. Was hat also der in uns auftauchende Gedanke mit der Wirklichkeit des so weit entfernten Himmelskörpers tatsächlich zu tun?

Perspektive wechseln

Diese Frage löst sich in dem Augenblick, wo wir die Perspektive einfach von Grund auf wechseln. Wir gehen dann nicht mehr weiter davon aus, dass der Gedanke, den wir uns zu einem in der Welt wahrnehmbaren Objekt bilden, in unserem Gehirn erst irgendwie erzeugt werden müsste. Der Gedanke eines Sternes in uns macht vielmehr schon die eigentliche Realität des Sternes aus! Dieser Gedanke in uns ist mit der wahrnehmbaren materiellen Existenz des Sternes draußen ganz real und untrennbar verbunden. Es gibt nichts mehr durch eine angebliche Gedankenerzeugung hinzuzufügen – Wir erfahren in uns Weltgedanken! In dem Gedanken an den Stern ergreifen wir von innen her dieselbe Existenz, die uns von außen als Lichtstrahl in das Auge dringt. Wir sind dann nicht der Erzeuger von Idee und Wahrnehmung, sondern der Schauplatz, auf dem sich diese beiden unterschiedlichen Aspekte ein und derselben Sache in uns begegnen und vereinen.

Mit dieser Einsicht in den Zusammenhang von Wahrnehmung und Denken kann sich nach und nach das Gefühl einer Erlösung von dem Alptraum des naturwissenschaftlich bestimmten, rein materiellen Weltbildes verbinden. Wir sehen uns dann selbst nicht mehr als die rein zufällig in das All hinausgeworfene Mannschaft eines Raumschiffes mit dem Namen Erde, die weder den Kurs noch Sinn der Reise kennen. Wir glauben dann auch nicht mehr an unser angeblich naturgesetzlich vorbestimmtes Geschick, auf ewig abgesondert von der Einsicht in die Gründe unserer Existenz nur da zu sein, um gegeneinander um das Überleben zu kämpfen. Die Erlösung aus diesem Missverständnis liegt darin, sich denkend als eins mit dem Strome des Weltgeschehens zu empfinden. Es ist das Erleben, sich gerade als eigenständig denkender Mensch nicht abgesondert von der Welt, sondern wiederum vereint zu fühlen mit dem ursprünglichen geistigen Zusammenhang der ganzen Schöpfung. Indem wir wahrhaft denken, sind wir bedingungslos in den gesamten Weltzusammenhang eingebunden. Aus dieser freiwilligen Verbundenheit mit der Welt kann sich der Mensch dazu entschließen, der Welt aus sich heraus etwas ganz Neues hinzuzufügen. Dazu ist jeder Mensch begabt! Was genau zu tun ihm dann als richtig und wichtig erscheint, entspringt der Einsicht in den Zusammenhang, in dem er sich als Einzelwesen mit der Welt erkennt. Die beschriebene Erfassung von Weltgedanken in seinem Denken eröffnet ihm den geistgemäßen Weg zu dieser Einsicht.

„Das Weite suchen” im Sinne menschlichen Forschungsdranges führt uns bis an die äußersten Grenzen der materiell sichtbaren Welt. An dieser Grenze angekommen, finden wir uns derzeit – vermeintlich wissenschaftlich angesehen – als Einzelwesen wieder, die jeweils ihre eigenen Gedanken erzeugen und zu der wahrgenommenen Welt im materiellen Sinn hinzufügen. Versteht man hingegen diese „Zeugenschaft” im Sinne eines Miterlebens von Weltereignissen im Bereich der eigenen Erkenntnistätigkeit, beginnt ein neuer Schöpfungsvorgang. Menschen, die beginnen aus freier Einsicht für die Welt zu handeln, arbeiten an der Befreiung der Menschheit aus der Notwendigkeit, die sich rein aus dem Naturzusammenhang ergibt. Darin besteht die eigentliche Mission der Menschheit. Den Geist in sich und in der Welt aus der Gebundenheit in die geschaffene Natur zu einem neuen Schöpfungsakt aus Liebe aufzurufen.

Die Weltgedanken zu erfassen, entreißt dem Leib die Seele und löst in ihr den Geist. Den Seelenwillen am Weltgedanken entzünden und im Wollen zur Welt zurückzuwenden, was sie dem Denken geben mag: Befreit in Liebesschöpferkraft den Menschen durch die Welten, die Welten durch den Menschen.

Rudolf Steiner

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