Text: Reinhard Apel
Wir wolln a Foab kriagn, indem wir die stärkende Kraft der Sonne auf uns wirken lassen. Das ist erholsam und gesund. Aber man darf dazu denken, dass die Sonne – anthroposophisch gesehen – ein Ort ist, an dem hochstehende Wesenheiten intensive Aktivität entfalten. Das erkennen wir äußerlich nicht, aber die wohltuende Wirkung des Sonnenlichtes enthält unmerklich die von dorther kommende positive Energie. In voller Stärke könnten wir Sie nicht ertragen, weshalb Ikarus Probleme bekam.
Wir sind Zug um Zug zu Mitwirkenden der Götter berufen, so deuten die Evangelien an. Also sollten auch wir es im Sommer nicht ganz unterlassen auf Menschenstufe intensive Aktivität zu entfalten und uns quasi innerlich bräunen. Die passive Hingabe an die Sonne tut das Ihre. Das innerliche Bräunen muss man selbst besorgen. Beispielsweise lässt sich der obligate Besuch von Sehenswürdigkeiten so gestalten, dass man dabei seelisch ins Schwitzen kommt. Weil Italien – Florenz – Renaissancekunst eine zu naheliegende Angelegenheit wäre und es „nur“ mehr auf die Echtheit der Beschäftigung (mit lieber nur wenigen) ausgewählten Schaustücken ankäme, wählen wir die Bezugslinie Spanien – Barcelona – Gaudi. Wir besuchen also die Casa Milà, obwohl die Kinder maunzen, weil sie lieber baden wollen. Das Gebäude, ein ikonischer Bau im höchst originellen Jugendstils Antonio Gaudis, wurde 1912 fertiggestellt und befindet sich in Barcelona am bedeutendsten Boulevard der Stadt (oder überhaupt ganz Spaniens) am Passeig de Gràcia 92.
Wir nehmen pro Person einen Block mit, glattes Papier und einen Bleistift nebst Radierzeug. Die Begabteren dürfen natürlich auch Buntstifte oder gar Wachstifte verwenden. Zunächst betrachten wir die eigentümlich geschwungene Fassade des Hauses und versuchen den um uns stattfindenden
Rummel auszublenden. Gut ausgeschlafen, gut gegessen habend und mit genug Trinkbarem versorgt fällt das leichter. Das längere geduldige Betrachten sollte dazugehören, und das Überwinden des „Nichts“: Ich sehe nichts Bemerkenswertes. Die kundigere Person macht auf ein paar Charakteristika aufmerksam ohne aber in eine Belehrung zu verfallen, wie der Führer im Museum. Jahreszahlen, politischer Kontext und alles Weitere, was die bloße Wahrnehmung trübt, wird vermieden. Und dann geht’s ans Zeichnen.
Die, die zögern, soll man ermutigen. Wer „das eigentlich nicht kann“ bekommt Hilfestellung oder es wird eben die Aufgabe angepasst. „Du machts halt mal den Umriss des Hauses und die Fenster in etwa richtig.” Es ist keinesfalls der Moment für gnadenlosen Wettbewerb, wo die könnende Mama alle an die Wand zeichnet. Jeder soll ins „Bräunen“ kommen, egal wie die Fähigkeiten liegen.
Anschließend werden die Blätter gut verwahrt und zu Hause bewundert und geschätzt. „Hansl Du hast es wieder sehr gut gemacht, aber die Liesl .. mein Gott, nein!“ das wäre das absolute No-Go. Denn ein jeder hat ja am Prozess des Bräunens teilgenommen und darauf allein kommt es an. Aber das muss man im Zeitalter der gewaltfreien Kommunikation niemand mehr besonders ans Herz legen. Natürlich wird auch nicht verschwiegen, wenn ein Blatt besonders gelungen ist. Also pure Gleichmacherei ist auch nicht sinnvoll.
Selbstverständlich trägt gleichermaßen gemeinsames Singen zum innerlichen Bräunen bei. Ebenso der Bau einer stolzen Sandburg, die möglichst lange gegen die Flut verteidigt wird. Gemeinsames Fernsehen fällt nicht wirklich so ganz in diese Kategorie. Dabei sind die Sinne erwiesenermaßen passiv und man selbst nicht schöpferisch tätig. Die Seele bleibt blass, auch wenn es natürlich viele gute oder unterhaltsame Filme in der weiten Welt des TV gibt.
Schon viel mehr Leben atmet die Gutenachtgeschichte oder überhaupt das Vorlesen eines guten Buches, das die Familienmitglieder oder die Freunde schätzen. Dabei ist es die Stimme eines vertrauten Menschen die etwas weitergibt und nicht ein kaltes Gerät, lebendiges Wort anstelle der Sprachkonserve.
Also auf in den Sommer mit seelischem Schwitzen als Ergänzung zum körperlichen Transpirieren. Beides entfernt auf seine Art Giftiges und gleicht den Stress des Alltags aus.
