Demeter Bildungstage am Wegwartehof: Über den Aufbau von Ätherkräften

Kreieren statt Konsumieren

Die Demeter Bildungstage in Merkenbrechts (Waldviertel/AT) am 18.–19. Jänner 2019 waren den Themen Ätherkräfte und sozialer Prozess gewidmet. Als Referent war der Heilpraktiker und Buchautor Heinz Grill eingeladen, welcher über zeitgemäße Möglichkeiten zur Entfaltung individueller Initiativkraft und sozial wirksamer Ideale berichtete. So wie es bereits im Titel seines Buches „Ernährung und die gebende Kraft des Menschen“ ([1]) anklingt, vermeidet Heinz Grill ganz bewusst ein utilitaristisch-nützlichkeitsbezogenes Herangehen, sondern widmet sich primär der Frage, wie der Mensch selbst durch sein In-Beziehung-Treten zu jeweiligen Lebensfeldern etwas Neues erschaffen und damit eine Gabe ins Leben bringen kann.

Text: Martina Puck

Erschöpfung und Neuschöpfung

Am Beispiel eines Demeter-Hofes wurde die Frage aufgeworfen, wie es unter den vorherrschenden ökonomischen Zwängen noch möglich ist, eine in einem Ideal gegründete Mittenstellung zu wahren und gleichzeitig in produktivem Austausch mit dem gesellschaftlichen Umfeld zu stehen. Denn heute bestünden die Tendenzen, entweder an den Rand gedrängt zu werden oder aber in ein bloßes Leistungssystem mit weitgehender Fremdbestimmung eingespannt zu werden. Beide Szenarien würde der Mensch als unbefriedigend erleben. Um diese Polaritäten zu überwinden und sich in einer authentischen Mitte zu gründen, brauche es einen substanziellen Inhalt, welcher sowohl individuelle als auch universale Gültigkeit habe. Individuell insofern, als man sich aus persönlicher Überzeugung und Liebe einer Aufgabe bzw. einem bestimmten Lebensfeld wie etwa biologisch-dynamischer Landwirtschaft widmen möchte. Allerdings sollte der Inhalt nicht bloß bei subjektiver Neigung stehen bleiben, sondern einer objektiven, in der Welt bestehenden Entwicklungsnotwendigkeit entsprechen und eine geistige Wahrheit als Grundlage haben.

Rudolf Steiner hat viele solcher Notwendigkeiten samt den zu ihrem Verständnis erforderlichen geistigen Grundlagen eröffnet. In einem Vortrag in GA 346 (9. Vortrag vom 13.09.1924) wird etwa darauf hingewiesen, dass „die alte Art, von der Erde aus Ingredienzien zu suchen, um dem Menschenleib ein Haus zu bauen“, weitgehend erschöpft sei. In der Tat wird dieser Rückgang der „Erdingredienzien“ mittlerweile sogar auf populärwissenschaftlicher Ebene konstatiert: Der Vitamin-, Mineral- und Vitalstoffgehalt von Lebensmitteln nimmt mitunter dramatisch ab, einhergehend mit einer zunehmenden Belastung an Pestiziden und Industrieschadstoffen. Gleichzeitig eröffnet Steiner jedoch auch eine hoffnungsvolle Perspektive:  „An die Stelle der alten Ernährung von unten bildet heute die Ernährung von oben die Hauptsache.“ Unter heute vorherrschenden, materialistischen Gesichtspunkten mag diese Aussage recht phantastisch erscheinen. Was unter einer zukünftigen „Ernährung von oben“ zu verstehen ist, mag in mehrfacher Hinsicht zu deuten sein. Obwohl diese Aussage seinerzeit zu angehenden Priestern gesprochen war, kann sie auch für die Landwirtschaft von weitreichender Bedeutung sein. Jedenfalls hat Steiner mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft einen Impuls gegeben, der explizit darauf gerichtet ist, das kosmologische Wirken, also die Dynamik „von oben“ in die Kultivierung von Lebensmitteln miteinzubeziehen.

Methode und Inhalt

Die aus dem landwirtschaftlichen Kurs hervorgegangenen Präparatezubereitungen haben sich mittlerweile bewährt, um im Boden eine bestimmte Konditionierung herbeizuführen und vorgeschädigte Böden in ihrer Qualität aufzuwerten. An dieser Stelle wies der Referent darauf hin, dass die Anwendung einer bestimmten Methode jedoch noch nicht mit dem zugrundeliegenden (Gedanken-)Inhalt gleichzusetzen sei. Der Mensch beschneide sich, wenn er etwas allzu leicht auf die Methode reduziert. Der von Rudolf Steiner zugrunde gelegte Inhalt ist jedoch mehr als die Methode. Und diesen Inhalt gelte es fortwährend und in vertiefter Weise wieder zu entdecken. Dann werde die Methode sogar wirksamer als bisher, denn je mehr man den tieferen Gehalt der Methode erfasst habe, desto besser und sensibler werde die Methodik in der Praxis anwendbar.

Das Ergründen und Realisieren eines geistigen Inhalts führe dabei in progressiver Weise über drei Stufen:

  • Erarbeiten von wahren Gedanken, durchdringendes Denken, Denken in gehobener Form (Imagination, manas)
  • Wahrheitsfühlen, eigentlich Wahrheitsdenken (Inspiration, buddhi)
  • Die ganze Authentizität bis in den Willen, der Wille schon in einer Universalität gegründet (Intuition, atman)

Im Zuge dieser Stufen wird ein Inhalt langsam zur tieferen Grundlage der ganzen Persönlichkeit. Dieser Inhalt kann dann authentisch auf natürliche exoterische Weise ausgedrückt und in allen möglichen Facetten je nach Erfordernis konkreter Lebens- und Gesprächssituationen angewendet werden. Als Beispiel für die umfassende Realisation eines Inhalts (in diesem Fall: der Idee der Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit) wurde in einem früheren Zusammenhang etwa Mahatma Gandhi angeführt, der dadurch  in der Lage war, diesen Gedanken in jeder Situation überzeugend auszudrücken. Gegründet in seinem Ideal, konnte er entgegen aller übermächtig erscheinender Widerstände der britischen Besatzungsmacht letztlich einen moralischen Sieg davontragen und für sein Land die Freiheit erringen.

Der Inhalt, den ein Mensch zu seinem persönlichen Ideal wählt, muss nicht notwendigerweise in offenkundigem Zusammenhang zur beruflichen Tätigkeit stehen, die man ausübt. So könne etwa ein Mathematiklehrer die Vermittlung bestimmter Tugenden oder eines Schönheitsempfindens für Logik und Geometrie zu seinem Inhalt wählen.

An der Schwelle der Lebenskräfte

Indem der Einzelne nicht im Äußeren stehenbleibt, sondern tiefer in die Hintergründe einer Methodik eintaucht, gelangt er in den Bereich des sogenannten Ätherischen, der Lebens- oder Bildekräfteebene. Materie unterliegt der Schwerkraft und ist statisch, sie ist eigentlich nur das Resultat eines bereits Gewordenen und wieder im Verfall begriffen. Äther hingegen ist immer in Bewegung, dynamisiert sich aus dem fortwährenden Wechselspiel zwischen Ersterben und Neuerstehen. Indem wir auch in uns Altes, Routine Gewordenes zurücklassen und auf neue Inhalte zugehen, fördern wir diesen Prozess des Ätheraufbaus, ohne den es auf allen Ebenen des Lebens unweigerlich zu Stagnationen kommen muss. Wenn der Inhalt fehlt, kann die Ätherkraft gar nicht in Bewegung kommen und die äußeren Umstände werden immer drückender. Umgekehrt werden die äußeren Umstände und Verpflichtungen umso leichter handhabbar, je mehr sich der Mensch in eine gesunde, stetig neu belebte Ätherdynamik begibt. Dazu muss er in seinem Leben Raum bzw. Zeit schaffen, um sich fortschreitend in idealen Inhalten zu gründen.

Was uns abhält

Zunehmende bürokratische Verpflichtungen und wirtschaftliche Notwendigkeiten suggerieren dem Menschen heute, dass er geradewegs für das bewusste Erbauen und Kultivieren eines idealen gedanklichen Inhalts samt entsprechender Empfindungsentwicklung keine Zeit mehr habe, sondern sich stattdessen nur noch der Bewältigung des sinnlich Greifbaren widmen solle. Gerade damit unterliege man jedoch den Suggestionen der Zeit und ihren Determinationen in Richtung Fremdbestimmung. Unterlässt man aus vermeintlichem Zeitmangel die innere Aufbauarbeit von Gedanken ([2]) – was immer auch eine Neubildung von Ätherkräften bedeutet, die einem selbst und der Umwelt zugutekommen –, dann läuft man Gefahr, diesen Determinationen zu unterliegen und in einem passiven Konsumentenstatus zu landen. Wenn der Mensch das nicht entwickeln kann, was seiner Kapazität und seinem innersten Anliegen nach Entwicklung entspricht, dann komme allerlei Fremdes und bestimme letztendlich das eigene Zentrum. Man internalisiert dann die Motive des vorherrschenden Wirtschafts-, Polit- und Mediensystems und gibt diese auch wieder auf unbewusste Weise nach außen weiter. Diese heute weit verbreitete Kondition äußere sich in zunehmenden Tendenzen zu Entfremdung, Anspannung und eigentümlicher Schläfrigkeit.

Ätheraufbau als Gegengewicht zu Zeitkrankheiten

Heinz Grill betonte, dass es aus diesem Grunde ein Gebot der Zeit sei, sich bzw. seinen Inhalt selbst zu bestimmen und diesen mit seiner Kapazität und persönlichen Fähigkeiten zum Zentrum zu machen. Bedeutsam sei es hierbei, die gefassten Ideen weiter zu sozialfähigen Idealen auszuarbeiten und auch in die Praxis umzusetzen. Erst bei einer Umsetzung imaginativer bzw. inspirierter Gedanken in die Praxis entstehe der sogenannte Wärmeäther – ein in der anthroposophischen Bildekräfteforschung verwendeter terminus technicus für eine sonnenhafte Dynamik, die als erstes auftritt, wenn ein Wahrheitsgedanke über eine bestimmte Zeitspanne gezielt in der Aufmerksamkeit bewahrt wird. Der Wärmeäther besitzt eine ordnende, verinnerlichende und zentrierende Qualität, welche gleichzeitig eine wache Offenheit zum sozialen Umkreis ermöglicht. Da die Wärmeätherdynamik sich wie in Kreisbewegungen aus einem größeren universalen Raum zum Menschen hin zentriert und ihn bis hinein in sein Organ- und Zellsystem durchdringt, sei die Kultivierung einer guten Wärmeätherqualität auch von entscheidender Bedeutung für die Krebstherapie und –prophylaxe. Erheblich beeinträchtigt würde die Wärmeätherqualität durch hochfrequente elektromagnetische Felder bzw. Mobilfunktechnik. Ein im Auditorium anwesender Baubiologe merkte dazu an, dass diese Belastung wesentlich reduziert werden könne, indem mobile Endgeräte bei Nichtbenutzung auf Flugmodus geschalten und WLAN deaktiviert werde.

Ebenso wie der Lichtäther wirkt der Wärmeäther zentripetal von oben nach unten, während der chemische und der vitale Äther der Materie immanent sind und zentrifugal von unten nach oben wirken (eine ausführliche Beschreibung der vier Ätherarten samt jeweils zugeordneter Organprozesse von Herz, Nieren, Leber und Lunge mit ihrer Bedeutung für die menschliche Entwicklung und Gesundheit findet sich im Buch „Das Wesensgeheimnis der Seele“ ([3]) ). Die vier Äther bezeichnen miteinander eine metaphysische Lebenssphäre, deren Kräfte sich erst dann neu organisieren, wenn der Mensch fähig wird, geeignete Inhalte in sein Leben hineinzuführen. Solange der Mensch nur in einer Art Imitation reproduziert und einfach nur bisherig erworbenes Wissen schnell wiedergibt, kommen die Äther nicht zum Eingreifen. Erst bei einer aus dem Ideal geschöpften geistigen Form, die wir eigenaktiv gedacht und bis ins Soziale umgesetzt haben, kommt es zur Neubildung zunächst von Wärmeäther, welcher in der Folge auch alle weiteren Ätherarten heranzieht.

Ausblick auf die Zukunft

Die diesbezüglichen Möglichkeiten des einzelnen Individuums wurden ungeachtet aller Zeitumstände als sehr groß beschrieben. In diesem Sinne formulierte es Heinz Grill als durchaus realistische Perspektive für die Zukunft, dass Demeter nicht eine Randerscheinung sein, sondern zum regelrechten Mittelpunkt bzw. zum Idealbild einer nachhaltigen und zukunftsweisenden Landwirtschaftsweise werde. Diesbezüglich brauche man keine falsche Bescheidenheit zeigen und sich zur Seite drängen lassen.  Die heute noch zur Regel erklärte „konventionelle“ Land- und Viehwirtschaft mit intensivem Pestizid-, Treibdünger- und Medikamenteneinsatz, die jeder Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit entbehrt und in Wirklichkeit keine Zukunft hat, solle da keinesfalls ein Maßstab sein. Hingegen solle man denken, dass die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise einmal zum Zentrum des landwirtschaftlichen Geschehens wird.

Aber auch auf allen anderen Gebieten des Lebens wie Medizin, Pädagogik und Wirtschaft brauche es den Mut des einzelnen Individuums, das unabhängig von vorherrschenden Meinungen, Gruppen und äußeren Autoritäten ein freies, authentisches Ideal vertritt und damit zu einem leuchtenden Stern in einer sich vielfach verschattenden Welt wird. Die Voraussetzungen zu einer solchen individuellen Positionierung sieht der Referent entgegen allen sich abzeichnenden globalen Krisenzuständen als außerordentlich günstig an.

[1] Grill, Heinz (2013). Ernährung und die gebende Kraft des Menschen – Die geistige Bedeutung der Nahrung. Stephan Wunderlich Verlag

[2] Grill, Heinz (2017). Übungen für die Seele – Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse. Synergia Verlag

[3] Grill, Heinz (2014). Das Wesensgeheimnis der Seele. Stephan Wunderlich Verlag

April 2019

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