Verwandlung durch Kreativität

Wiener Kunsttherapie-Ausbildung auf anthroposophischer Grundlage in Dornach/Schweiz anerkannt

Ein feines Grüppchen österreichischer Kunsttherapeutinnen machte sich Anfang Jänner 2026 nach Dornach in die Schweiz auf, um ihre Ausbildung zur anthroposophischen Kunsttherapie aus Wien (aktha) in der medizinischen Sektion des Goetheanums vorzustellen – verbunden mit der Hoffnung auf Akkreditierung und um an der dreitägigen internationalen 26. Kunsttherapeut:innen-Tagung „Harmonie des Herzens“ (8.1.-11.1.2026) teilzunehmen.

Glitzer – fühlend: Mit einem kleinen Pfad auf der Südseite hinaufschlängelnd wie zu einer Festung, einer Burg, erlebten wir, glitzernd im zarten Schneefall, von einer feinen Schneedecke bedeckt, sich mächtig erhebend, wie ein Felsen, Flammen trotzend und weiterbestehend für die Ewigkeit, hoch droben am Dornacher Hügel, das Goetheanum. Es zeigt sich mit gutem Fundament, das Halt gibt und Bestand hat. Eingebettet in die umgebende Landschaft wird es getragen von weiteren Gebäuden, die sich aus den Tagen des Anfangs anschließen.

Hinter dem ehemaligen Glashaus beispielsweise, in dem einst Motive in die gefärbten Glasfenster des Goetheanums geschliffen wurden, plätschert ein schmaler Bach. Das Wasser wird in mehreren hintereinanderliegenden sogenannten Flowformen abgestoppt und schwingt sich in handgroßen Doppelbecken in einer Lemniskaten-Form ein. Die Lemniskate bringt als liegende 8er-Schleife die außenliegenden Pole über den Kreuzungspunkt miteinander in Verbindung. Das Glashaus selbst begeistert uns. Aus der Nähe betrachtet, sehen wir die kleinteiligen und genau verarbeiteten Holzschindeln an der Fassade und die zungenförmigen Dachziegel aus norwegischem Schiefer. Wie viele Hände müssen damals wohl gearbeitet haben, um dieses genaue Handwerk umzusetzen? Auch die Stufen zum Eingangstor wurden seitlich hinaufgeschwungen, um mit dem Holzbogen über der Türe eine harmonische ovale Einheit zu bilden. Die Fassade ist zart gearbeitet, aber in den Formen zeigt sich der Holzbau präsent. Er erinnert mit seinen zwei Kuppeln an den Stil des ersten Goetheanums, den wir von Fotos kennen. Wir erahnen, wie das Ursprungsgebäude einst gewirkt haben könnte. Während der Wasserfluss des Baches von unten durch die Doppelkonkavform gehalten wird, treffen wir beim Glashaus auf eine Doppelkonvexform mit seinen beiden Kuppeln. Der Raum wird hier von oben gehalten. Daran anschließend wiederholt sich das Doppelkuppelmotiv noch einmal in der Architektur des nicht unweit gelegenen Heizhauses, allerding in kleinerem Ausmaß. Von hier aus wird das Haupthaus Goetheanum über einen unterirdischen Gang noch immer beheizt. Der Raum, der im Glashaus von den Doppelkuppeln gehalten wird, bricht beim Heizhaus auf und aus der Mitte entspringt ein floraler Spross als Schlot. Beim Weitergehen zum Hauptgebäude des Goetheanums bemerken wir, dass sich dort die architektonische Entwicklung fortsetzt und in den expressiven organischen Formen und Schwüngen über dem massiven Sockel zu ihrem Höhepunkt gelangt. Auch in der Verwendung der Baustoffe zeigt sich eine Veränderung vom Holz zu Beton, ein zur Zeit der Errichtung des zweiten Goetheanums (ab 1924) neues noch unerprobtes Material.

Wir spüren die besondere Sorgfalt, mit der die Gebäude entworfen und umgesetzt wurden. Die einzelnen Teile sind zueinander abgestimmt und komponiert. Viele Gedanken und Planungen lagen wohl der äußeren Gestaltung zugrunde. Die Vermutung ist naheliegend, dass auch dem Inhalt, der hier transportiert wird, große Bedeutung zukommt. Die besondere Architektur macht neugierig, und wir fragen uns, welche Eindrücke uns wohl im Inneren erwarten?

Der große Bau des Goetheanums als Tagungsort zeigt sich massiv und erhaben, und dennoch von der Westseite her einladend. Mit dem schnurgeraden Wandelgang vor dem Westportal gingen wir in Abstand, fühlten den Bau im Rücken, drehten uns im Rondeau um 360 Grad und erblickten nochmals die Größe, die Mächtigkeit und die gewaltige Schönheit. Wir fassten Mut, dann nahmen wir Anlauf, spürten im Takt der Randsteine den eigenen Herzschlag und traten ehrfurchtsvoll durch eines der Portale in das Herzstück der Anthroposophischen Gesellschaft…

den Glanz – fühlend und bedenkend: Fröhliche Stimmen kamen uns bald nach dem Betreten der Eingangshalle entgegen. Der innere Wandelgang mit der offen gestalteten Caféteria bietet bereits den ersten Ort der Begegnung und des Austausches, wo auch Wlan-Empfang möglich ist und manche BesucherInnen eifrig über ihren Laptops gebeugt arbeiten. Ein Wasserspender labt die Durstigen mit warmen und kalten Getränken. In der Mitte des Gebäudes erinnert eine Fotodokumentation anlässlich des 100-jährigen Todestages Rudolf Steiners an sein Wirken in so vielen Lebensbereichen. Auch die daran anschließende Buchhandlung nimmt uns gerne auf, und lässt uns neue Anregungen finden. Die rötliche Wandfarbe der Haupthalle umhüllt und verbreitet warme Atmosphäre. Auch die blau-gelbe Färbung in Pflanzenfarbenlasur in der Südstiege oder der Farbverlauf in Regenbogenfarben entlang der Südoststiege geleitet uns weiter ins Innere. Im Gegensatz zu den kräftigen Formen der Stiegen, wirken die Wände durch die zarte Lasur der Pflanzenfarben transparent. Ein Gefühl der Durchlässigkeit nach Draußen und in den Umraum entsteht. Fenster wurden an besonderen Stellen platziert, sodass das einfallende Licht in Kombination mit der Lasurtechnik besondere Farbstimmungen erzeugt.

Das rote Glasfenster über dem Westportal wirkt auf uns beeindruckend schon allein durch seine Größe. Auch hier werden wir entlang der Stiege mit rotem Licht berührt, äußerlich bestrichen und innerlich aufgeweckt, um anschließend entlang der Farbreflexionen an den unverputzten Betonwänden beim großen Saal anzukommen. Der rötliche Nachklang in uns schwingt noch mit, als wir das Kernstück des Gebäudes betreten. Sogleich empfangen uns weitere intensive Licht-Farb-Stimmungen. Je nach Tageszeit und Stand der Sonne entstehen sie mit dem Lichteinfall durch die hohen Glasfenster in Grün, Blau, Violett und Rosa auf jeder Seite des Raumes. Wer genau hinschaut, entdeckt nicht nur das Licht dieser Farben und ihrer Mischungen, sondern auch farbige Schatten in der entsprechenden Komplementärfarbe. Sie alle leiten uns weiter und führen uns letztendlich zum zentralen Ort des Saales, der Bühne, wo Theater- und Eurythmie-Aufführungen stattfinden. Schon im ersten Goetheanum war gedacht, die 8m-hohe Skulptur des Menschheitsrepräsentanten aus Ulmenholz am hinteren Bühnenende aufzustellen, sodass der Kreisumgang einen besonderen Fokus erhält. (Sie stand in der Silvesternacht 1922/23 im nahegelegenen Hochatelier und entkam daher dem Feuer, das brandstiftend gelegt wurde, um das erste Goetheanum zu vernichten. Auch heute hat der Menschheitsrepräsentant seinen Platz in einem extra Ausstellungsraum des jetzigen zweiten Goetheanums.) Wir erleben diesen Farbenweg nun schon als vierten Wandelgang am heutigen Tag. Mit Licht und Farbe bewegen wir uns zu den Themen der Veränderung und Verwandlung. Inhaltlich zeigen sie sich in den Darstellungen der Glasfenster, der Kapitell- und Architrav-Reliefgestaltung der sieben Säulen in Spritzbeton zwischen den Farbfenstern und ebenso in den Motiven des Deckengemäldes in leuchtenden Pflanzenfarben. Metamorphose steht als Ausdruck für den Entwicklungsweg des Menschen. Wir spürten dieses Hauptthema schon am Weg zum Goetheanum selbst in der sich veränderten Architektur der umliegenden Gebäude.

Im Inneren des Hauptgebäudes des Goetheanums werden dann konkret Entwicklungsgeschichten erzählt, die als Aufforderung an das Publikum verstanden werden können, sich selbst weiterzuentwickeln: Die Veränderung der Reliefgestaltung entlang der sieben Säulen pro Seite symbolisiert die Metamorphose der kosmischen Entwicklung. In der Deckenmalerei wird die Entwicklung der Menschheit von den alten Hochkulturen bis zur Gegenwart erzählt. In den Glasfenstern zeigen sich Szenen jener Entwicklungswege, die jedem einzelnen Menschen möglich sind. Die Skulptur des Menschheitsrepräsentanten gibt letztendlich jenen Menschen als Vorbild wieder, der die höchsten Ziele in seiner Auseinandersetzung mit den verführerischen (luziferischen) und materialistischen (ahrimanischen) Kräften erreicht hat. Eine Orgel an der Westseite verleiht dem Saal zusätzlich sakralen Charakter. Die Musik rundet mit den sprachlichen und tänzerischen Darbietungen auf der Bühne den visuellen Eindruck zu einem Erlebnis aller Sinne ab.

Auf diese Weise wird die Anlage als Gesamtkunstwerk erfahrbar: Die Wege und Wandelgänge aus der umliegenden Landschaft, die an das Hauptgebäude heranführen, innerhalb des Goetheanums zum Zentrum des großen Saales weiterleiten, bis schließlich im Erlebnis der vereinten Künste Wandlung möglich wird, um auf eine höhere Bewusstseinsebene zu gelangen.

Erstaunt stellen wir Übereinstimmungen mit unserer Tätigkeit als Kunsttherapeut:innen fest: Auch wir wollen für unsere Klient:innen Räume schaffen, in denen Entwicklungsprozesse mit verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln und letztendlich Genesung möglich werden. Angeleitet und begleitet im künstlerischen Prozess erfahren und erleben die Klient:innen im gestalterischen Tun – vorweggenommen zu alltäglichen Situationen – die veränderten Gedanken und Gefühle im therapeutischen Setting. Zusätzlich wirken die unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksmittel während des Arbeitsprozesses von sich aus stärkend auf die vier Wesensglieder oder unterstützen die drei Seelenkomponenten im Sinne des anthroposophischen Menschenbildes.

Während der Tagung erlebten wir in der Fülle von unglaublichen 200 weiteren Kunsttherapeut:innen aus verschiedenen Ländern eine internationale Gemeinschaft an Gleichgesinnten. Das Gefühl zu dieser Gruppe zu gehören, war besonders ungewohnt, da wir österreichischen Kunsttherapeut:innen beruflich meist als Einzelpersonen arbeiten – ob freiberuflich im eigenen Atelier, in einer medizinischen oder sozial-pädagogischen Einrichtung.

Wir alle trafen uns zweimal täglich zu einem Vormittags- und Abendvortrag in der ehemaligen Schreinerei nahe dem Haupthaus des Goetheanums. Die Gesamtkonstruktion aus Holz ließ uns die alten Tage vor hundert Jahren erinnern und am Geruch der alten Balken beinahe erschnuppern. Dennoch kann die Schreinerei nun als moderner Seminarraum genutzt werden. Nicht alle Teilnehmer:innen kamen aus deutschsprachigen Ländern wie der Schweiz, Deutschland und Österreich, sondern etliche aus Frankreich, einige aus Übersee wie Kolumbien und Ägypten, und eine große Gruppe aus Italien. Es wurde professionell über Ohrstöpsel in vier Sprachen direktübersetzt. In den Vorträgen erlebten wird Falldokumentationen aus der Praxis von den verschiedenen Kunsttherapiesparten, anschließend wurden die medizinisch-anthroposophischen Zusammenhänge hergestellt. Über Mittag nahmen wir in Kleingruppen an Workshops in den verschiedenen Ateliers des Goetheanums, des Glashauses, des Hauses Schuurman und auch in der Schreinerei teil. Wir erhielten dabei neue Impulse für die Praxis – malend, zeichnend, formend, mit Musik oder durch die Sprache. Es war sehr berührend, auf altem Wissen beruhend neue kunsttherapeutische Erfahrungen zu machen, die ihre Relevanz zur heutigen Zeit zeigen und deutlich machen.

Gloria – fühlend, denkend und wollend: Wir Studierende der österreichischen anthroposophischen Kunsttherapieausbildung aktha aus Wien sind jedoch vor allem hierher nach Dornach gekommen, um eine Aufnahme unserer Schule an der medizinischen Sektion des Goetheanums, dem Zentrum der anthroposophischen Gesellschaft, zu bewirken. Wir strebten das Zertifikat der Akkreditierung nach vier Jahren intensiver berufsbegleitender Ausbildung an, um anerkannter Teil dieser internationalen Bewegung zu werden. Wir zeigten, wer wir sind und was wir können, wie wir tun und was wir weiterzugeben wünschen. Wir hielten eine Präsentation in Worten und Bildern, gestalteten eine Ausstellung der praktischen Arbeiten, zeigten unsere Logbücher und Reflexionsberichte. Die internationalen Juror:innen, physisch anwesend und per Zoom, nahmen uns wahr, stellten Fragen, überlegten und berieten. Schließlich war klar: Die anthroposophische Kunsttherapie-Ausbildung aus Wien, Liesing, am Hasensprung hat es am 8.1.2026 geschafft mit Glitzer, Glanz und Gloria heimzukehren: Die erfolgreiche Akkreditierung mit dabei im kunsttherapeutischen Gepäck!

Wir nahmen wahr, dass das anthroposophisch-kunsttherapeutische Interesse weltweit zunimmt. Denn wir Österreicher:innen stellten in diesem Jahr 2026 unseren Antrag gleichzeitig mit Kunsttherapie-Schulen aus China, Thailand und Kolumbien, die ihrerseits Fortbildungskurse präsentierten. Wir freuen uns riesig über unseren Erfolg, denn mit dieser Auszeichnung wird die Qualität und die Professionalität unserer Ausbildung im Bereich der Kunsttherapie offiziell anerkannt.

von: Elisabeth Gebharter-Edelmann, Studierende des 2. Ausbildungslehrganges

Qualitätsstandard

Besonders hervorzuheben sind dabei unsere Lehrerinnen, Helga Bläuel und Beate-Maria Platz, die den Ausbildungslehrgang aufgebaut haben, sodass heuer Studierende bereits des zweiten Durchganges die vierjährige Ausbildung erfolgreich abschließen können.

Mit der Akkreditierung des Kunsttherapie-Lehrganges entsprechend den Richtlinien der iARTe (international Association of Anthroposophic Arts Therapies Educations) konnte für uns nun ein Qualitätsstandard mit Gütesiegel für unsere berufsbildende Ausbildung geschaffen werden, auf den sich zukünftig Studierende, KlientInnen und ÄrztInnen in der interdisziplinären Zusammenarbeit verlassen können.

Die Kunsttherapie als Weg zur Mitte – wenn das Herz aufwacht

Das Tagungsthema „Harmonien des Herzens“ zeigt uns, wie vielseitig die Möglichkeiten sind, künstlerisch mit Menschen zu arbeiten. Wir glauben daran, dass der Mensch die Fähigkeit zur Selbstheilung in sich trägt, wenn er sich auf den Weg macht und die Entscheidung trifft, aktiv etwas für sich zu tun. Unsere Rolle besteht darin, diesen Prozess zu begleiten und zu unterstützen.

Die Kunsttherapie spricht unsere innere Mitte an und fördert den Rhythmus, der vom Herzen ausgeht. In unserem oft hektischen Alltag vergessen wir häufig, innezuhalten und zu spüren, was wir wirklich brauchen, um mittig wieder in die Balance zu kommen.

  • Selbstwahrnehmung: In Zeiten, in denen wir uns in der Arbeit oder körperlichen Tätigkeiten verlieren, ist es entscheidend, sich Zeit zu nehmen, um zu erkennen, welche Ergänzungen nötig sind, um Körper, Seele und Geist in Einklang zu bringen.
  • Kreative Prozesse: Die Künste bieten idealen Werkzeuge, um diese Balance wieder herzustellen. Es bedarf dabei keiner besonderen Fähigkeiten oder Talente; vielmehr führen wir als Kunsttherapeutinnen die Menschen in einen kreativen Prozess, der es ihnen ermöglicht, ihre inneren Ressourcen zu entdecken und auszudrücken.

von Stefanie Wilhelm: Studierende des 1. Ausbildungslehrganges

 

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