Vom Sinn für die Sprache

Text und Bild: Norbert Liszt

 – Sprache offenbart, bewegt, ist Mitteilung, ist Gedankenaustausch, Gefühlsausdruck, Willensäußerung, ist Alltag, Information, Diskussion, ist Liebesbezeugung, Streit, Wahrheit und Lüge. Sprache kann begeistern, beglücken, kann verletzen, gewaltsam, nichtssagend, fremd und vertraut sein. Sprache ist kostbar, ist Kunst, ist Poesie.

Wir haben einen Sinn für die Sprache und unterscheiden spontan zwischen Geräuschen, Musik und eben Sprache. Die Lautsprache wird oft begleitet von Gebärden und Mimik. Das deutet darauf hin, dass es eine Verwandtschaft gibt zwischen unseren Körperbewegungen und den Bewegungen unserer Sprachorgane.

Das Hirnareal, das die Sprachmotorik repräsentiert, das Broca-Zentrum, liegt unmittelbar im Anschluss an den sogenannten Motorischen Cortex, der für die Steuerung der willkürlichen Bewegungen verantwortlich ist. Schlaganfall-Patienten, bei denen die linke Gehirnhemisphäre betroffen ist, leiden häufig an spastischen Lähmungen der rechtsseitigen Willkürmuskulatur und einer massiven Aphasie, also Sprachstörung.

Die betroffenen Patienten sind unfähig, sich sprachlich zu äußern. Sie sind auch unfähig, in Schriftform zu kommunizieren und artikuliert zu lesen. Die Sprechorgane sind funktionsfähig und doch können sie nicht sprechen. Sie können sich auch nicht durch diverse Arten der Zeichensetzung verständlich machen. Das heißt, jede Art der Sprach-Gestaltung ist unmöglich. Es können zwar einzelne Worte geäußert werden, aber die sinnvolle Satzkomposition funktioniert nicht mehr.

Sie denken wie gesunde Menschen, können jedoch ihre Gedanken, Gefühle und Willensimpulse nicht zum Ausdruck bringen. Sie nehmen wahr und verstehen, was andere ihnen mitteilen. Was ihnen fehlt, ist die Wahrnehmung ihres eigenen Sprechens. Das Sprechen funktioniert nicht, da sie nicht fähig sind, ihr Sprechen wahrzunehmen. Das soziale Leben erfährt durch diese Dialog-Unfähigkeit eine massive Einschränkung. Sie leben in seelischer Isolation.

Das Wahrnehmen des Sprechens

Interessanterweise können Menschen mit derartiger Sprachstörung früher gelernte Gedichte und Sinnsprüche artikuliert sprechen und auch Lieder singen. Denn das ist nicht mehr Sprache im eigentlichen Sinne, sondern dem Gebiet des Musikalischen zuzuordnen. Ein Patient, den ich physiotherapeutisch behandelt habe, konnte zum Beispiel fließend sagen: „Auf, auf, ihr Hasen, hört ihr nicht den Jäger blasen!“,  obwohl er sonst keinen einzigen kompletten Satz hervorbrachte.

Unser Sprechen erfordert ein Wahrnehmen während des Sprechens. Es käme sehr bald ins Stocken, könnten wir das Gesprochene im Sprachprozess nicht wahrnehmen. Das trifft auch auf unsere Körperbewegungen zu. Wir könnten z. B. keine koordinierten Armbewegungen ausführten, gäbe es den Wechsel von Betätigung und Wahrnehmung nicht. Armbewegung und Sprachbewegung, sowie deren Wahrnehmung zeigen eine eindeutige Verwandtschaft. Aktion und Sensation müssen Hand in Hand gehen. Den genannten Aphasie-Patienten fehlt die Spiegelung ihrer Sprache im Körperlichen. Das heißt, die Seele spricht, doch der Körper kann ihrem Sprechen kein Echo geben. Der Gedanke bleibt im Seelisch-Geistigen und findet seinen Weg in die sinnliche Welt nicht.

Ein anderes Phänomen ist die sensorische Aphasie. Bei Menschen, die an einer derartigen Sprachstörung leiden, ist das Sprachverständnis gestört. Im Gegensatz zur Broca-Aphasie ist auch das Leseverständnis beeinträchtigt. Sie sprechen flüssig, aber inhaltsarm bis inhaltsleer. Es kommt zu Paraphasien (Wortverwechslungen) und Neologismen (ungewollten Wortneubildungen), während Sprachmelodie und Betonung erhalten bleiben. Das Sprechen funktioniert nicht richtig, da das Verständnis für das Gesprochene fehlt.

Bei der motorischen Aphasie kann der Betroffene also nicht sprechen, da er sich beim Sprechen nicht spürt. Er will sprechen, aber sein Sprechen kommt nicht in Gang. Er versteht jedoch die Sprache seiner Mitmenschen. Bei der sensorischen Aphasie gelingt das Sprechen wiederum durch das fehlende Sprachverständnis nicht. Diese Tatsachen machen deutlich, dass sowohl das Sprechen, als auch das Sprachverständnis einen spezifischen Sinn erfordern.

„Sinn ist das, wodurch wir uns eine Erkenntnis verschaffen ohne Mitwirken des Verstandes“.¹ Wir erhalten durch unsere Sinne Erkenntnisse von der physisch-sinnlichen Welt. Das erfordert physisch-körperliche Sinnesorgane. Auch der “Sprach- oder Wortesinn” benötigt ein solches Organ. Dass es für die Sprachwahrnehmung einen eigenen Sinn gibt, wird bezweifelt, da ein eindeutiges Sinnesorgan nicht zu lokalisieren ist. Rudolf Steiner verortet den Sprachsinn so: Das Sinnesorgan des Sprachsinnes ist der „in sich bewegbare Mensch“.² Ich fasse das als Erklärung für die Nähe der oben beschriebenen Repräsentanzen in Gehirn auf.

Wie die anderen Sinne, kooperiert auch der Sprachsinn mit anderen Sinnen. Gehörsinn und Bewegungssinn spielen eine wesentliche Rolle und doch ist jeder einzelne Sinn ein Spezialist, der mit keinem anderen verglichen werden kann. Der Sprachsinn ermöglicht Laute wahrzunehmen und sie eindeutig abzugrenzen von Geräusch oder Musik.

Sprache offenbart

Sprache ist die Trägersubstanz, auf der unsere Gedanken offenbart werden. Wir begeben uns beim Zuhören ins Innere der Sätze und Worte. Töne verwandeln sich in Worte, Worte werden zu Sätzen und die Sprachsubstanz wird wieder in Sinn zurückverwandelt. Als Sprechende verpacken wir unsere Gedanken in Schrift, Lautsprache, Zeichen, Gebärden und Mimik, der Inhalt sind die Begriffe, die Ideen, das Bedeutende, Zusammenhang schaffende. Als Zuhörer legen wir den Inhalt wieder frei und gelangen so zum Verständnis.

Der Sprache muss aber etwas mitgegeben werden, damit man zu einem besseren Verstehen kommt. Unser Sprechen wird eigentlich immer von Gefühlen begleitet. Das drückt sich in der Stimmlage, in der Lautstärke, im Sprachrhythmus, in der Mimik und Gestik aus. So erfährt man etwas vom Wesen des Sprechenden. Wir erkennen unsere Mitmenschen an der Art, wie sie sprechen. Durch diese Mitgift können wir das Mitgeteilte besser aufnehmen. Das Gefühl wird zu einer Stütze des Verstehens. Wir entwickeln ein Empfinden dafür, ob etwas wahr oder falsch, authentisch oder gekünstelt ist. Doch das Gefühl, das sich in Sympathie und Antipathie kleidet, wird von vielen Faktoren beeinflusst. Unsere Seele hat viele Schlupflöcher, durch die Unterschiedliches auf unsere Gefühle einwirkt und ihr Wünsche, Begierden und Leidenschaften entlockt. Sie können die menschliche Seele ins Wanken bringen.

Mit sprachlichen Mitteln verstehen es so Manche, Einfluss auf die menschliche Seele auszuüben. Indem man Gefühle in den Menschen hervorruft, können Botschaften leichter ihren Weg in das Menscheninnere finden und dort den Willen der schwankenden Seele ergreifen und sie zu allem Möglichen verführen. Schützen kann man sich dagegen nur, wenn man bereit ist, sein Gefühlsleben so zu pflegen, dass es ein sicherer Boden wird, auf dem sich Wahrheitswege eröffnen.

Die Dichtkunst

Ein spezielles Gepräge erhält die Sprache in der Dichtkunst. Sie will die Sprache besonders schön kleiden. Der erdichtete Inhalt soll vor allem tief erlebt werden können. Durch kunstvolle Wort- und Satzgestaltung wird aus der Mitteilung etwas, das die Seele des Aufnehmenden in Bewegung bringt. Auf diese Weise kann die Literatur, die sich als Kunst versteht, reiche Gefühlswelten schaffen, die den Gedanken Flügel verleihen. In ihr gibt sich ein schöpferischer Geist zu erkennen. Sie will Quelle sein, aus der neues Leben quillt. Auch wenn sie Vergangenes zum Inhalt hat, gibt sie den Blick in die Zukunft frei und bahnt der Phantasie die Wege zu den Mitmenschen.

¹ Rudolf Steiner, Zur Sinneslehre, ² Steiner, Rudolf (1916): Das Rätsel des Menschen. (GA 170) 3. Auflage Dornach 1992

Sprachsinn – eine Definition:

Der Sprachsinn, auch Wortsinn oder Lautsinn genannt, ist einer der zwölf physischen Sinne, von denen Rudolf Steiner in seiner Sinneslehre gesprochen hat. Durch den Sprachsinn nehmen wir gesprochene oder geschriebene Laute als Sprache wahr. Er unterscheidet sich dadurch vom Gehörsinn, durch den wir zwar Töne, aber nicht unmittelbar Laute wahrnehmen.

„Sprachsinn: Der hat wiederum nichts zu tun mit der Bildung unserer eigenen Sprache, nichts zu tun zunächst mit der Fähigkeit, die dem eigenen Sprechen zugrunde liegt, sondern er ist der Sinn für das Verständnis dessen, was zu uns gesprochen wird von dem anderen Menschen.“ (Lit.: GA 170, S. 240).

Ein Laut wird nicht bloß seinem Tonwert nach empfunden, sondern es wird mit ihm etwas viel Innerlicheres aufgefaßt, als es der Ton ist. Wenn man sagt, im Tone lebt die Seele eines Körpers, so kann man auch sagen, im Laut offenbart sich dieses Seelische so, dass es losgelöst, befreit vom Körperlichen, mit einer gewissen Selbständigkeit in die Erscheinung tritt. Weil die Lautempfindung vor dem Urteilen liegt, darum lernt das Kind früher die Lautbedeutungen der Worte empfinden, als es zum Gebrauche des Urteils kommt. An der Sprache lernt das Kind urteilen. (Lit.:GA 45, S. 27f)

Quelle: Anthrowiki.at

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