Musik im Übergang

Interview mit Johann Sonnleitner, Meister des Cembalo und Vertreter der erweiterten Tonalität. Das Interview führte Reinhard Apel

Ich treffe Johann Sonnleitner im Wiener Kaffeehaus Schmied Hansel. Gerade eben hat er an einer Tagung in kleinem aber feinem Rahmen über Goethes Anregungen zu einer Erneuerung der Musik gesprochen und gemeinsam mit Musikern, die mit neuer Musik in erweiterter Tonalität vertraut sind, ein Konzert gestaltet. Cornelia Bitzner-Petriu (Sopran), Lyrico Sonnleitner (Violine), Rudolf Leopold (Cello) und Helene Ringgenberg und Johann Sonnleitner
(Klavier und „24-tönig erweitertes“ Cembalo) spielten Musik von Schubert und „erweiterte“ Musik von Heiner Ruland. Im Nachklang hat sich Johann Sonnleitner bereitgefunden knapp vor Abfahrt seines Zuges dem Wegweiser ein Interview zu geben, in dem er mich freundlich und sehr künstlerisch in die Welt seiner Kenntnisse und Erfahrungen einführt und mich die Übergänge in neue Musikformen miterleben läßt. Das Interview ist aus Platzgründen
leicht gekürzt. Hier Teil Eins, der zweite Teil folgt im nächsten Heft.
Wegweiser: Wie war ihr musikalischer Weg bis zum erweiterten Musikimpuls?
Sonnleitner: Nach meinem Musikstudium in Wien bin ich zunächst ziemlich tief in die klassische und vor allem Barockmusik eingetaucht. Und so hat sich ergeben, daß ich mit Nikolaus Harnoncourt bekannt geworden bin, o im Concentus Musicus mitwirken durfte und dann am Mozarteum sechs Jahre lang sein Assistent war.

Wegweiser: Ihr Hauptinstrument ist das Cembalo?

Sonnleitner: Ja, ich hab‘ Konzertfach Cembalo studiert, dazu auch Orgel, Schulmusik und an der Uni Geschichte für das Lehramt. Vor der persönlichen Begegnung mit Harnoncourt gehörten auch Gustav Leonhardt und Anton Heiller zu meinen Leitfiguren. Bezüglich der Neuen Musik verdanke ich vieles Friedrich Cerha, dessen Geigenschüler ich war und in dessen Ensemble „Die Reihe“ ich mehrmals mitwirken durfte. Von Harnoncourt habe ich auch
für mein eigenes Unterrichten ungemein viel gelernt. Als er dann am Züricher Opernhaus den legendären Zyklus aller Monteverdi-Opern geleitet hat, später auch die Mozart-Opern, war ich am Cembalo seine rechte Hand.
Damals hat man mir an der Zürcher Hochschule eine Stelle angeboten, und so bin ich samt Familie in die Schweiz gezogen. (Für einen der Spontanität und dem Improvisatorischen zugeneigten österreichischen Musiker keine schlechte Sache!).
In der Schweiz bin ich auch bekanntgeworden mit dem für mich so wichtigen anthroposophischen Musikimpuls. In der Lebensmitte stehend, fragte ich mich: bleibt es bei der wunderbaren alten Musik, oder kommt da noch etwas Neues in mein Musiker-Leben, in mein Musik-Erleben?

Wegweiser: Eine Musikerin, mit der Sie gelegentlich zusammenarbeiten, die Geigerin Gudrun Schaumann meint, sie waren da schon auf der Schiene unterwegs – durch Harnoncourt auch – nicht zu Tempo und Lautstärke hin, sondern Klangfarben, reiche Klangfarben der alten Instrumente, dezente Musik, nicht so sehr Virtuosentum und dergleichen.
Sonnleitner: Also diese ganze Bewegung um die Alte Musik, um alte Instrumente, das kann ja für einen Anthroposophen nichts Historisierendes sein. Mir scheint, dass es dabei um die Suche nach einem transparenten, lebendigen … nach einem ätherischen Klang geht. In diese Richtung tendieren die alten, leicht gebauten und einen farbigen Klang produzierenden
historischen Instrumente. Sie haben ein anderes Obertonspektrum, und das ist wesentlich
für einen durchsichtigen Klang. Das erlebe ich beim Stimmen eines Cembalos immer ganz deutlich. Und in diesem reichen Oberton-Bouquet entfalten sich auch jene zauberhaften, geheimnisvollen Töne, die man z.B. in der Alphorn-Skala entdecken kann und die für den Impuls der musikalischen Erweiterung von grösster Bedeutung sind.

Wegweiser: Womit wir wieder bei der anfangs gestellten Frage nach der musikalischen Erweiterung wären. Was hat diese mit Goethe zu tun? Wer ist Heiner Ruland? Wie sind Sie dazu gekommen?
Sonnleitner: Nun, so wie Goethe bei seiner Farbenlehre von der Urpolarität von Licht und Finsternis ausgegangen war, so versuchte er auch, seine Ton lehre auf die Urpolarität von Dur und Moll zu gründen. Dur entsteht aus der Ausdehnung der Tonmonade, des innersten, eigentlich übersinnlichen und unhörbaren Tonwesens, Moll aus der Zusammenziehung.
Dur entspringt dem Steigen, Moll dem Fallen. Mit dieser polaren Anschauung konnte er sich mit den „Musik-Hansen“ seiner Zeit nicht einigen. Sie bestanden darauf, dass Moll nur eine
Variante der Dur-Skala sei.
Heiner Ruland (1934 -2017) ist als Musikforscher, Komponist u.a. dieser Sache nachgegangen. Er hat sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die musikalischen
Anregungen von Rudolf Steiner zu erforschen, auszuarbeiten und für unsere Zeit fruchtbar zu machen. Etwa Angaben Steiners zur Bewusstseinsentwicklung im Laufe der Kulturepochen. Vom frühen Septimen-Erleben über ein Quinten-Erleben zu unserem heutigen Terzen-Erleben. In Rulands Hauptwerk „Ein Weg zur Erweiterung des Tonerlebens“ ist die Entwicklung der Tonsysteme als Spiegel der menschlichen Bewusstseins-Entwicklung sehr gut nachvollziehbar dargestellt und kann am Monochord hörbar gemacht werden. Durch solche Studien bekommt man erstens Verständnis und Respekt vor den verschiedenen exotischen und archaischen
Tonsystemen – Indonesische Tempelmusik, Hopi- Indianer … also Musik in verschiedenen kulturellen Reservaten, man kann zweitens die abendländische Entwicklung einordnen und bekommt vielleicht ein Gefühl für die musikalischen Gegenwartsaufgaben.
Man versteht plötzlich, warum Rudolf Steiner z.B. das Studium der altgriechischen Aulos-Skalen empfohlen hat.

Wegweiser: Als Anregung wohl. Nicht um zu kopieren.
Sonnleitner: Sicherlich als Anregung, ja, einfach zur Verlebendigung unseres Hörens, zur Überwindung unserer stagnierenden Tonwelt, von innen heraus, ohne das Gewachsene zu zerstören. Vielleicht kann man dann sogar Ideen bekommen, wie es in der Musikentwicklung
von heute aus weitergehen könnte. Wie der Übergang in ein erweitertes Musik- und
Tonerleben, ungewohnt zunächst, gefunden werden kann.

Johann Sonnleitner (* 1941 in Trofaiach) ist ein in Zürich
lebender Musikpädagoge und Experte als Interpret Alter
Musik auf historischen Tasteninstrumenten
www.erweiterte-tonalitaet.ch

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