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Text und Foto: Norbert Liszt

Die Pflanzen machen es uns vor. Der Jahreslauf der Natur stellt sich uns dar als ein Ablauf des Entstehens und Vergehens. In den Böden unserer Erde herrscht die größte Lebendigkeit. Unzählige Lebewesen bereiten den Boden so zu, dass er zur Grundlage alles sichtbaren Lebens werden kann. Mensch, Tier und Pflanze verdanken ihre Existenz der Vitalität des Erdreichs. Man kann annehmen: Hier in diesem Reich wirkt im keimenden Samen schon die ganze Pflanze. Das Nachfolgende wirkt schon im Vorhergehenden.

Erreicht die Pflanze das Licht der Welt, teilen sich Boden und besonnte Atmosphäre deren Ernährung. Als Vermittler fungieren Blatt und Wurzel. Das Blatt lebt vom Licht. Was es von diesem empfängt, wirkt auch bis in die Dunkelheit des Bodens. Dort lebt die Wurzel in Symbiose mit dessen Organismen und bringt die Stoffe in Bewegung. In Säften gelöst streben sie nach oben und geben der Pflanze Lebenskraft zur Entwicklung ihrer Organe.

Die Blüte ist das schönste Ergebnis des Pflanzenwuchses. Im Verein mit den Wesenheiten der Luft und des Himmels erfolgt die Befruchtung. Damit nimmt das Pflanzensein einen anderen Verlauf. Die Fruchtbildung ist ein umgekehrter Prozess. Das Wachstum kehrt sich nach innen. Es stülpt sich um. Die Früchte bilden eine Schale und in ihrem Inneren entstehen die Keime für das neue Leben. Dann beginnt das Absterben. Auch die Samen scheinen tote Materie zu sein. Meines Erachtens ist es wichtig, daran zu erkennen, dass in diesem Moment ein Prozess aufhört, damit ein „neuer“ beginnen kann.

Unsichtbar für unser Auge verweilt die zukünftige Lebensform als schlafendes Kraftgebilde in ruhiger Lage, um sich im nächsten Frühling wieder in eine sichtbare Form zu kleiden. Jedoch nicht alle Keime entwickeln sich zu einer neuen Pflanze. Entweder finden sie keinen lebendigen Boden oder sie werden Nahrung für Mensch und Tier. Dabei stellt sich die Frage, in welche Sphäre ihre Lebensbildekraft entschwindet.

Verwelkte Pflanzenteile, die zum Boden fallen, bleiben nicht erhalten, sondern werden von zahlreichen Organismen erfasst, die einen Umwandlungsprozess in Gang setzen. Sie bilden die Lebensgrundlage zahlloser Wesen, die sie im Zeitverlauf in Humus umsetzen und Basis neuen Wachstums werden. Blieben sie erhalten, wären sie ein Hindernis für die Bildung neuer Pflanzenformen.

Kann man ähnliche Prozesse auch am Menschen finden?

Auch der Mensch ist den Entstehens- und Vergehens-Prozessen unterworfen. Auch im Menschen lebt, wie in der Pflanze, eine Lebenskraft, die sein Wachstum bewirkt, seine Organe versorgt, seine Bewegungsfähigkeit ermöglicht und anderes mehr. Das äußerlich Nährende wird von der besagten Kraft erfasst und im Menscheninneren, seinem Wesen entsprechend, verlebendigt. Es ist genau betrachtet ein Wunder, wie weisheitsvoll diese Prozesse verlaufen. Unsere am Sinnlichen geschulten Vorstellungen kommen an dieses Wunder nicht heran. Man kann aber mit der Frage leben, aus welchen Sphären diese, in uns sich vollziehenden Wirkungen, genährt werden.

Die menschliche Entwicklung kann als ein Herauswachsen aus dem Boden einer geistigen Welt empfunden werden, als ein Entwachsen aus einem großen Zusammenhang. Viele Mythologien erzählen von den menschlichen Ursprüngen und dem weiteren Weg des Menschwerdens. Sie erzählen von Schöpfergottheiten und von geistigen Wesenheiten, die sich um das Gedeihen des Menschen kümmern. Dieser Entwicklungsweg führt durch viele Kulturepochen, die einem wechselnden Zeitgeist folgen. Der Mensch ist Kunstwerk der Götter und ihr Kunstwerk soll zur Blüte gebracht werden. Aber Blühen bedeutet, wie bei der Pflanze, einen Wendepunkt. Jetzt heißt es, sich nach innen zu wenden. Der „Götterbaum“ führt nun eine Umwendung herbei. Aus ihm wachsen nun Früchte heraus. Der Mensch wird zur Götterfrucht, die sich mit der Reife vom Baum löst. Die ihn nährende Götterwelt zieht sich zurück und stirbt für ihn ab.

Vom erstorbenen Alten bleibt der Mensch als Götterfrucht mit ihren Samen zurück. Abgeschlossen in seinem Eigensein sucht er nun eine neue Verbindung mit der Welt seines Ursprungs. Die hat ihn in die Freiheit entlassen. Er steht jetzt auf dem Boden seines eigenen Wesens. Kann er sich mit freier Willenskraft wieder mit dem Urgrund seines Seins verbinden?

Die dreifache Wesenheit des Menschen

Der Mensch trägt im Gegensatz zur Pflanze eine dreifache Natur in sich. Neben der physischen sind ihm auch eine seelische und geistige Wesenheit eigen. Mit seinem dreigegliederten Wesen tritt er in Beziehung mit der ihn umgebenden Natur, und ist somit in dreifacher Art mit der Welt verwoben.

Die erste Art ist das Wahrnehmen dessen, was er vorfindet. Das sind die sinnlich erfahrbaren Tatsachen. Mit der zweiten Art baut er eine eigene Welt in seinem Inneren auf, in die er das in sich hineinnimmt, was für ihn Bedeutung hat. Durch die dritte Art wächst der Mensch über sein Eigenwesen hinaus und strebt nach Erkenntnis dessen, was nicht nur für ihn, sondern für das allgemeine Weltensein von Bedeutung ist. Dabei wird klar, dass diese dritte Art der Weltbeziehung ein hohes Ziel ist. Diese Weltbeziehung muss der Mensch selbst herstellen und seinem Inneren neue Werkzeuge einprägen. Werkzeuge, die in der Lage sind, „geistige“ Dinge zu handhaben. Wenn er diese Herausforderung annimmt, wird er dabei auf viele äußere und innere Widerstände stoßen. Auch viele Rätsel werden sich auftun und er wird bemerken, dass sie in der sinnlich erlebbaren Welt allein nicht zu lösen sind. Er wird sich, wie die Hauptfigur in Goethes Faust, vor die Erkenntnisfrage gestellt finden, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, was also das (Be)Wirkende hinter den Dingen und Tatsachen ist.

Das menschliche Bewusstsein

Der Mensch stellt sich den Dingen der Welt als Ich gegenüber und sagt sich: „Da bin ich und dort ist die Welt. Vieles in ihr ist mir fremd. Will ich eine Verbindung zu ihr, muss ich sie selbst herstellen.“ Diese genuine Unverbundenheit hat nichts mit den Objekten zu tun, die wir wahrnehmen, sondern mit unserer geistigen Organisation.

Die Art unserer Organisation ist der Entwicklung zur Freiheit geschuldet. Aus einem Wesen, das im Naturzusammenhang lebt und von diesem genährt und erhalten wird, soll ein Wesen werden, das sich aus sich selbst heraus begründet. Wir sollen uns selbst bildende und in der Folge die Welt mit und neu schaffende Wesen werden. Das werden wir dadurch können, dass wir uns, auf unser eigenes Wesen besinnen, auf die Gefahr hin, dass wir allen Weltzusammenhang verlieren. Von außen kommt uns dabei wenig Hilfe zu. Wir stehen auf unsicherem Terrain. Ohnmacht, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit sind die Nöte dieser neuen Ausrichtung unseres Wesens.

Wir sehen uns vor die Frage gestellt, welche Möglichkeiten wir haben, uns durch diese seelischen Unwetter durchzuringen. Können wir, als auf uns selbst zurückgeworfene Wesen, Mitgestalter einer neuen Weltkultur werden? Die Kunst wird sein, aus alten, sterbenden gesellschaftlichen Strukturen herauszufinden, um für die Impulse des Zeitgeistes der Gegenwart offen zu sein und neue Tatsachen schaffen zu können. Eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Ich denke, wenn wir auf die „Trotzmacht des Geistes“¹, die Kraft der Liebe und die Solidarität unserer Mitmenschen vertrauen, kann es gelingen, trotz aller Hoffnungs- und Sinnlosigkeiten das uns Mögliche zu verwirklichen. Das mitunter Unmöglich-Mögliche, was soll das sein? Vielleicht das Erwecken eines zweiten Menschen in uns, eines Menschen, in dem sich die ganze Menschheit spiegelt.

¹ Ein Begriff, den Viktor Frankl geprägt hat

In schönen, bildhaften Worten bringt es Christian Morgenstern zum Ausdruck

Die zur Wahrheit wandern,
wandern allein,
keiner kann dem andern
Wegbruder sein.

Eine Spanne gehn wir,
scheint es, im Chor …
bis zuletzt sich, sehn wir,
jeder verlor.

Selbst der Liebste ringet
irgendwo fern;
doch wer’s ganz vollbringet,
siegt sich zum Stern,

schafft, sein selbst Durchchrister,
Neugottesgrund –
und ihn grüßt Geschwister
Ewiger Bund.

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