Der Widerspruch als Vorbereiter des Neuen

Text: Branko Ljubic, CH -Itingen

Es gibt ein Kindheitserlebnis, das sich mir tief in die Seele eingeschrieben hat. Vielleicht darf ich es im Zusammenhang mit diesem Thema erzählen, weil es zu einem objektiven Entwicklungsschritt führte.

Eines schon Jahrzehnte zurückliegenden Tages, als ich als Kind mit meinem Vater zuhause war, sollte ich mit ihm lesen üben. Ich konnte schon die Buchstaben unterscheiden und nahm an, dass wir das wieder üben würden.  Doch nach einer Weile merkte ich, dass er damit nicht zufrieden war, sondern mochte, dass ich ihm laut und fließend vorlese. Das war also, mindestens was das Lesen anbelangt, mein «Tag D». Der Vater war ernst und unerbittlich, die Mutter gerade nicht da. Ich spürte seine gebeugte Präsenz über meine Rückenlehne und die Anspannung, las dann den ersten Buchstaben: M. Es war natürlich nicht genug. Ich las den anderen: A. Auch das war nicht alles. Der dritte war wieder ein M. Und der vierte? Ich las: A. «Und was steht also da?», fragte mich der Vater mit spürbarer Erwartung. Ich wusste es nicht. Eigentlich war ich mit dem Buchstabenlesen ganz zufrieden. Aber seine unterschwellige Unruhe verriet, dass mein Schweigen eine falsche Antwort war. «Was steht denn da?», fragte er nun mit einem Unterton, den man nur als eine letzte Chance deuten konnte.

Es ist der Augenblick, von dem ich eigentlich berichten wollte. Von dem Moment des Nichtwissens und der Ratlosigkeit, mit keiner Hilfe von rechts oder links, sondern nur mit der Gewissheit des eigenen armen Selbst in der Hand. Die Erde war unten, eine gewisse Bedrohung dort oben.

In diesem Moment, vielleicht nur wenige Sekunden vor dem «Donner», den ich erwartete, kam es aus meinem Innern wie ein Blitz: Mama! Durch nichts Äußeres, nur aus einem intuitiven Erfassen des Buchstaben-Zusammenhanges sah ich vor mir die Buchstaben als WORT, als dasjenige, wovon ich bis dahin nur eine verschleierte Ahnung hatte. Von da an konnte ich lesen. Das traumhafte, unschuldige Bewusstsein des Unwissenden war zwar verschollen, doch mein Lese-Wortsinn aus dem Kindheitsschlaf geweckt.

Rückblickend kann ich feststellen, dass ich meinem Vater sein Vorgehen nie vorgeworfen habe. Warum denn auch? Auf mich wirkte es eher als ein Schubs gegen die Trägheit des Geistes. Der Gewinn war doch immens. Auch später im Leben musste ich oft daran denken, dass die Erwartungen immer da sind und der äußere Druck als «Schubs» uns nie erspart bleibt. Auch die Angst nicht. Sind sie nicht schließlich doch auch große Beweger unseres Geistes?

Nun ist die Kindheitsstube entschwunden und das Weltgeschehen im Bewusstsein des Erwachsenen angekommen. Doch was ist es, was diese unsere Wirklichkeit kennzeichnet? Ist sie von Weisheit und Güte geleitet? Getragen durch neue Ideen vielleicht, welche von alten Irrtümern befreit sind?

Nein: Es ist der Widerspruch, der Geist aller Spannung, der aus allen Ritzen unserer Gesellschaft heraustritt! Er ist die Überschrift unseres Alltags. Die Gegenwartsmenschen begeistern sich ja für vieles Belanglose, auch wenn sie eher zum wirklich Relevanten berufen sind. Sie lehnen sich gegen alte Kulturwerte und Gewohnheiten auf, ohne ihren tatsächlichen Wert zu kennen. Sie himmeln neue Modetrends an (mit oder ohne Kleider?) oder verhöhnen alles Heilige von «anno dazumal», ohne die Empfindung der Ehrfurcht von innen zu kennen. In unserer Welt von heute sind Lügen und Entzug der Tatsachen eine systemisch unterstützte Praxis, auch wenn möglichst alles standardisiert, faktenbasiert oder datengeschützt aussieht. Unsere Kinder werden weniger draussen in der physischen Welt erzogen, dafür zunehmend in virtueller «Wirklichkeit», in phantastischen Welten, die unzählige neue Verirrungen bieten. Die Versuchungen von heute übertreffen alles, was man geschichtlich kennt.

Auch diejenigen, die in unserer Gesellschaft auf oberster Stufe der Exekutive stehen und weitreichende Verantwortung tragen, zeigen ein kontroverses Verhalten. Sie sprechen mit ruhig und bestimmt klingenden Stimme oft Dinge aus, welche mit wenig Sinn und mittlerweile vernunftfrei daherkommen. Doch wir reagieren nicht, wir setzen uns nicht für Vernunft und Freiheit voll ein. Denn wir haben Respekt, zuweilen auch Furcht vor der bürokratischen Macht des gesichtslosen Staates, vor den dunklen Labyrinthen der Judikative, die jedem «Helden» das Fürchten lehren. Wir resignieren vor dem Moloch des modernen Staatsapparates und opfern ihm den letzten Rest unserer Ideale auf seinen sterilen, öden Fluren dahin. Fast jeder Mensch, den ich treffe, sagt (genau wie ich selbst), dass sich etwas ändern müsse und dass es so weiter nicht ginge. Doch wo liegt denn der Stein für den Goliath?

Nicht alle empfinden eine höhere Instanz über sich, wie es der alte König David tat. Aber mir kommt es vor, als ob es gar viele unterbewusst fühlen, dass sich etwas wie ein Antlitz eines himmlischen Wesens (ich nenne es «Vater») ernst und besorgt über uns beugt. Die Spannung, die durch die europäischen Völker geht, ist unübersehbar, wie auch die Unruhe, Angst und Verzweiflung. Alles, was wir hören in den Medien, was unaufhörlich um den Planeten flimmert, sind schon seit Jahrzehnten vergammelte Begrifflichkeiten, abgedroschene Phrasen und alte, nur mit neuem Anstrich kaschierte sozialpolitische Dogmen. Sie kommen nicht an diese Wirklichkeit heran. Wie kommt aber Neues in die Welt, was diese Wirklichkeit achtet und sie als einzigartig erkennt?

Wie denn anders als dieses Neue – zuerst zu denken? Doch denke ich das Neue – verabschiede ich damit zugleich auch alles Alte, was ich tradiert oder unreflektiert aufgenommen habe. Dieses verdient ja, gesittet zu Grabe getragen zu werden. Das Neue ist nicht ohne Schmerz der Verlust von allerlei Gewohntem. Auch die bisherige eigene Person ist in diesem Sterben einbezogen. War denn nicht ein Universalprinzip dahinter, als die ersten Christen ihre gewohnte Existenz vollständig lassen mussten, bevor sie Nachfolger Christi wurden? Wie könnten sie sonst das damals Neue begründen? Sie würden es ihnen niemals einfallen lassen, ihren alten Daseinsmodus samt ihren Habseligkeiten irgendwo in Sicherheit zu deponieren (einer Bank? einem unterirdischen Tresor?) und zugleich Neues in der Welt zu predigen. Dieses Neue, was seine Relevanz noch bis in die weite Zukunft behält, hat also mit dem Tod von vielem zu tun, was ihnen, den Aposteln des Neuen, vorher lieb und gewohnt gewesen war. Da ist nichts von der moralischen Schizophrenie des heutigen Menschen zu sichten, welcher sich als einen Lebensrealisten dünkt, wenn er eines predigt und privat das Gegenteil davon tut. Auch wenn diese Diskrepanz im öffentlichen Leben als irdische Geschicklichkeit gewertet wird – kann man mit ihr keine neue Welt bauen! Das Neue braucht eine Dreieinigkeit von Gedanken, Empfindung und Tat. Das ist der Stein für den Goliath von heute.

Wenn wir bis auf die Ebene der Legislative Neues schaffen wollen und dabei hören, wie unsere Politiker den Krieg predigen und ihn in unseren Köpfen etablieren wollen, weil er angeblich der bessere Frieden sei, – dann gilt es zuerst den Kriegsgedanken aus unseren Köpfen auszumerzen und mit gesundem Verstand neue Gedanken zu entwickeln, die auf Respekt vor allen Menschen beruhen und keine Sanktionen gegenüber Einzelnen und Völkern aus Partikularinteressen zulassen. Außerdem: Wenn es richtig wäre, dass Krieg der bessere Frieden sei, dann müsste auch das Gegenteil, dass Frieden der bessere Krieg sei,- einen Sinn haben.

Es ist unabdingbar, eine unparteiische, alle Menschen einschließende Wahrheit zu denken, falls man nicht ein Sklave von fremdem Gedankengut werden möchte. Doch dafür muss man die Zeichen der Zeit lesen können bzw. in klare Gedanken fassen, was die Ereignisse offenbaren. Dieses Lesen impliziert jedoch auch spirituelles Wissen und Erleben, um die richtigen Schlüsse aus dem Gelesenen zu ziehen. So wie z. B. die Dreigliederung des sozialen Lebens eine schreiend notwendige Ziehung der Konsequenzen in Bezug auf jede Verwirtschaftlichung und Verbürokratisierung des sozialen Lebens ist. Ferner das futuristische Beispiel des Transhumanismus, welches Wissenschaft und Pädagogik schleichend kontaminiert – das angeblich neue Fortschrittsideal des Menschen als Cyborg, als eine Maschine, die ihre biologisch-organische Provenienz der digitalen Vernetzung unterordnet. Für den, der mit wachem Verstand «liest», besagen die biologisch-organischen Prozesse etwas anderes – dass man sein Denken feiner aktvieren muss, um die Metamorphosen der menschlichen Biologie im scharfen Unterschied zur anorganischen und schließlich maschinellen Welt zu verstehen. Das Neue läge eigentlich im Dynamisieren des Denkens, in der aus solchem Denken errungenen Erfassung allen Lebens, aus dem wir entstanden sind. Anders können wir die für die Zukunft notwendige Gestaltung der Gemeinschaften nicht erfassen.

Doch diese innere Dynamik geschieht ja weit und breit nicht. Vielmehr ist es so, dass ganze Gemeinschaften im Zustand der Lähmung und Erwartung einer Änderung verharren. Will aber einer wirklich etwas tun und dabei seinem wachen Herzen lauschen, dann kann es ihm scheinen, als ob ihm dieses zuraunt:  Das Dasein fühle sich so an, wie wenn sich eine höhere Daseinsinstanz ob unseres Tuns und Trägheit zunehmend empört und diese Empörung wie eine dunkle Wolke über uns hängt, auf unserer Antwort beharrend. Wir wollen aber die Buchstaben der Ereignisse nicht wirklich lesen! Und doch – wenn wir die jetzige europäische Desorientierung aus eigener Aktivität nicht gründlich beenden, dann könnte ja noch viel mehr, als nur ein «Schubs» über uns kommen, ein gewaltiger Sturm vielleicht, der die ganze Misere der heutigen «Kultur» wie ein Kartenhaus zum Einsturz bringt.

Doch selbst dann sollten wir die Kraft zum Selbstgeständnis haben, dass wir dieses Los mitgetragen haben. In keiner Menschheitsepoche hat das Weltenschicksal Toleranz gegenüber der Trägheit oder Verirrung des Menschengeistes gezeigt. Somit ist die daraus gewonnene Erkenntnis, dass das wirklich Neue europaweit – dennoch aus der Asche der pervertierten Kultur der Gegenwart erstehen vermag – wahrscheinlich der beste Trost, den wir haben können.

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