Landwirtschaft wohin?

Text: Reinhard Apel

Triolljo …. kaufts ma an Kuadreck o Triolljo …. kaufts ma an o!

A so a schena Kuadreck, is fia monches guat im Winta fia an Brustfleck, im Summa fia an Huat. (Gstanzl aus dem ländlichen Raum)

Der Beitrag fußt auf Ausführungen von Rudi Enzenberger im Rahmenprogramm der OST-WEST Tagung in Wien. Verarbeitung von Reinhard Apel

Persönliches Fazit

Ich selbst habe die Hoffnung auf eine Renaissance Mitteleuropas noch nicht ganz aufgegeben. Und sehe ich die Aufgabe, den Westmenschen für eine Umwandlung seines Egoismus durch neue Wirtschaftsformen zu gewinnen also ebenso gigantisch an, wie der Versuch sich ausnimmt, dem Westen Mitteleuropa friedlich abzuringen und es im Sinne der klassischen Mitteleuropa-Idee neu erstehen zu lassen. Beides erscheint schwer möglich. Immerhin müsste dann im Falle von „Dreigliederung go west“ assoziatives Wirtschaften, wie es im Beitrag zur Landwirtschaft in diesem Heft anklingt, im Westen in irgendeiner Form das Normale werden. Allerdings sind das Mutige und der mitschwingende Impuls des Manichäismus in den Ideen Fionn Meiers anzuerkennen … Und könnte Meier nicht recht haben? Doch leichter jedoch wäre es mir gefallen, die neue Botschaft zu verinnerlichen, wenn Fionn Meier – sagen wir  – Jim Butler hieße und aus Kalifornien käme. Oder wenn er zumindest am MIT, in Princeton oder Yale schon eine Gastprofessur für soziale Dreigliederung innehätte. Die Kenntnisse dazu hat Fionn Meier jedenfalls und auch die notwendigen dialogischen Fähigkeiten. Er ist sehr sympathisch, jung, redet klar, schaut gut aus und kann begeistern. Allein, er ist Schweizer reinsten Wassers und damit in seiner Wesensart ein typischer Mitteleuropäer.

Dass die Mitteleuropa-Idee ausgerechnet auf der OstWest Tagung von 1922 nicht auftaucht, kann man natürlich so interpretieren, wie Fionn Meier es tut. Aber ich könnte mir auch eine andere Auflösung dieses Rätsels denken. Darüber mehr vielleicht ein Andermal.

Wir erleben ein Bauernsterben, das wenig bemerkt wird und weiter voranschreitet. Die Nachfolger der Altbauern wollen „in die Stod“ – verständlich. Die Hofübernahme kann ins Geld gehen, der Abkauf eines Hofes ist teuer. Weiters endet Arbeit an der Erde nicht um Punkt 16 Uhr 30. Trotz landwirtschaftlicher Fördermittel des Staates springt zu wenig Geld dabei heraus. Das ist die typische Folge der „freien“ Marktwirtschaft wo sich der Preis aus dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage ergibt. Hierbei stehen nicht mehr wie am klassischen Dorfmarkt viele Käufer einer großen Zahl von Konsumenten gegenüber, womit das Ausbalancieren der Preise verschwindet. Der Wettbewerb funktioniert nicht so preisdämpfend, wie sein Befürworter Adam Smith postuliert hat. Der Handel erlangt eine Machtstellung für seinen Einkaufspreis beim Erzeuger ebenso wie für seinen Verkaufspreis bei der Weitergabe der Erzeugnisse an uns alle.  Die berühmte „unsichtbare Hand“ von Adam Smith, die bei laissez – faire alles zum Besten wendet, wirkt wie gelähmt. So können die Handelsketten durch ihre monopolähnliche Stellung die Großhandelspreise landwirtschaftlicher Produkte teils bis zur Aberwitzigkeit herunterhandeln. Dies schmälert die Handlungsfähigkeit der Bauern und führt zu Gewinneinbußen. Somit haben wir das Problem, uns den Bauernstand zu erhalten.

Wir haben ein Problem mit der Nahrungsmittelqualität bei industrieähnlich organisierter Landwirtschaft. Was für die Versorgung mit Möbeln lediglich das narrische Möbelhaus aus dem Norden mit geringerem Beschäftigungspotential zur Folge hat, drückt bei Lebensmitteln die Qualität. Denn Industrialisierung der Landwirtschaft heißt zugleich Abnahme der Bodenfruchtbarkeit, etwa durch Humusschwund, Bodenverdichtung, Insektensterben und weitere Faktoren. Es ist eben doch nicht das gleiche, ob eine Nutzpflanzen die Nährstoffe durch die natürliche Arbeit der kleinen und kleinsten Bodenlebewesen aufnimmt, wie es in der fruchtbaren Humusschicht der Fall ist, oder ob allmählich immer mehr Kunstdünger in den Boden gepumpt werden muss. Dann fährt das natürliche Bodenleben wie gelangweilt seine Arbeit zurück. Die Kleistlebewesen nehmen an Zahl ab. Hat schon einmal jemand bemerkt, wie gut ein einheimisches Müsli in Kroatien schmecken kann? Das kommt daher, dass es dort mehr „echte“ Bauern gibt, die ihren Weizen noch in traditioneller Weise anbauen. Im Boden wird da schon noch einiges kreuchen und fleuchen. Zudem wird Kunstdünger nicht gerade billiger, wenn die Straße von Hormuz geschlossen ist (ein Komposthaufen wird durch die weltpolitische Lage übrigens nicht in Mitleidenschaft gezogen). Da gibt es dann noch Disteln am Feldrand und damit Falter und vieles mehr. Der „echte“ Bauer ist somit auch ein ökologischer Faktor.

Bewirtschaftbarer Boden gilt als Kapital und damit auch als Spekulationsobjekt. Ist das zielführend? Man bedenke, wie westliche Agrarkonzerne die Ukrainekrise dazu nutzen im großen Stil die ausgezeichneten Schwarzerdeböden dort aufzukaufen. Diese halten künstliche Bedüngung noch relativ lange aus, weil dieser Superhumus durch Kunstdüngung nicht so schnell beleidigt werden kann. Andererseits hat er die natürlichen Nährstoffe eben noch und braucht weniger Zusätze, die man durchaus „Humusergänzungsmittel“ nennen könnte. Da kann man verstehen, warum Ungarn antiliberale Maßnahmen ergreifen musste, damit nicht dem Land durch Österreicher zu viel Boden unter den Füßen weggekauft werde. Denn die kleinen aber feinen Landwirtschaften mit der höheren Produktqualität haben meist pekuniäre Probleme durch zu geringe Verkaufspreise der Erzeugnisse. Großproduzenten hingegen können erweitern. Adam Smith würde sagen: „Gut so, das wollte ich ja. Der Bessere möge gewinnen!“ Das ist in der Marktwirtschaft meist der, welcher durch schiere Menge eine Steigerung seines Outputs anstrebt. Wobei man der Denkweise des Schotten zugute halten kann, dass es im 18. Jahrhundert für ein eher simples Gemüt wie Smith (hat nie geheitratet und damit komplexere Systeme kennengelernt) eben wirklich so aussah, als müsse man nur die Produktivität auf Teufel komm raus anspornen, als solle man materielle Weiterentwicklung immer und überall fördern. Seine Lebenssituation legte das nahe, denn von der Dampfmaschine hatte Smith zwar gehört, sie aber nie in Aktion gesehen. Man reiste zu seiner Zeit langatmig mit der Kutsche von Edinburgh nach London. Ob Smith sich eine drückende Umweltproblematik als Folge der herbeigesehnten Industrialisierung vorstellen hätte können, darf bezweifelt werden. Ob er gar gemeint hätte, der Markt würde auch dieses Problem durch den Handel mit CO2 Zertifikaten lösen, man brauche nur Luft zur Ware erklären? Diese Folgerung könnte aus der Luft gegriffen sein.

Zwar wirken Produkte mit der Beifügung „Heumilch“ der industriellen Tendenz in der Landwirtschaft entgegen, denn da darf das Rind den Kuhfladen noch am Wegesrand ablegen. Ein wenig Bewusstsein für solche Fragen gibt es also. Aber im Allgemeinen ist die Entwicklung in vielen bäuerlichen Betrieben Besorgnis erregend und macht Bauchweh – und das zuweilen wortwörtlich.

Solidarische Landwirtschaft wirkt demgegenüber selbst wie ein Samen, der aufgehen kann. Aus diesem Gesichtspunkt soll die landwirtschaftliche Arbeit aus den Nöten des Eigentums und der familiären Verwaltung (Erbproblem) herauslöst und zugleich ökologisch ausgerichtet werden. Dahinter steht die Idee, dass eine Zahl von Konsumenten ein verbindliches Geschäft mit der Hofgemeinschaft abschließt. Es bindet sich eine Zahl von Konsumenten in ihrem Konsum an den Produzenten und gibt die Wahlfreiheit auf. Man bezahlt Anteile der Hofausgaben und erhält demgemäß Produkte in Form eines Biokistls oder holt die Ware selbst ab. Der Gärtnerhof Distelfink bei Wien beispielsweise nennt das den Ernteanteil. So wird die landwirtschaftliche Arbeit ermöglicht, komme was da wolle (Ernteausfälle). Es wird auch der Lebensmittelgroßhandel umgangen und damit dessen Marktmacht. Darin kann man aus Sicht der Dreigliederung des Sozialen Organismus allererste Ansätze erkennen zur friedlichen Marktüberwindung durch assoziatives Verhalten. Es muss nicht mehr alles billiger als billig sein, es soll sich vielmehr für Produzent und Konsument ausgehen. Das bedeutet, beide Seiten denken die Situation der Partnerseite mit bedenken. Nicht die vom Egoismus befeuerten „Mechanismen“ von Angebot und Nachfrage bestimmen allein den Preis, sondern man einigt sich auf etwas, was für alle, die beteiligt sind, plausibel ist. Das ist im Kern nichts anderes, als das, was Rudolf Steiner in dem Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ die „Assoziation“ genannt hat. Im Mitbedenken der Lebensbedingungen der Wirtschaftspartner beginnt dann aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen, was bei Steiner die „Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben“ heißt. Für den Zeitgenossen ist Brüderlichkeit sicherlich ein ungenießbares Wort im Zusammenhang mit Wirtschaft. Hier soll verstanden werden: Brüderlichkeit bedeutet hier nicht Selbstlosigkeit. Sie bedeutet lediglich assoziatives Wirtschaften, also den anderen auch leben lassen. Selbstlos kann das alles irgendwann einmal werden aber es ist ein langer Weg dahin.

Die assoziative Hofkultur strebt noch ein wenig mehr der Zukunft entgegen. Rudi Enzenberger, ein bewährtes Mitglied der Demeter Bewegung, hat am Hochschopf im Mühlviertel eine landwirtschaftliche Arbeitsform initiiert, in der Boden freigekauft werden soll, die ganzheitliches Leben in der Produktionsgemeinschaft fördern möchte und die eine echte und transparente Selbstverwaltung der Hofgemeinschaft anstrebt. Er hat das am Hochschopf als Demeter Landwirt umgesetzt und Norbert Liszt hat in der letzten Ausgabe in Form eines Interviews bereits Eindrücke vermittelt (siehe PDF auf der Homepage).

Soweit ist einmal die Assoziative Hofkultur in den Kontext zu unserer gesellschaftlichen Situation gesetzt. In der nächsten Ausgabe wird auf die Initiative am Hochschopf genauer eingegangen.

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