Evolution – von der Materie zum Geist?

Text: Günter Schlicker, Lehrer der Rudolf Steiner-Schule Wien-Pötzleinsdorf

Es steht hinter der heutigen Wissenschaft eine auf die materielle Welt bezogene Sicht, man könnte es eine Idee nennen. Diese Idee besagt, dass alles was wir kennen nur deswegen existiert, weil es Materie gibt und durch diese ist alles in der Welt entstanden und nichts ist ohne sie entstanden. Und im Urbeginn des Ganzen war ein großer Knall.

Im Prolog des Johannes Evangeliums steht es etwas anders: Hier ist vom Logos oder Wort oder Geist die Rede: „Im Urbeginne war das Wort und alles ist durch das Wort geworden und nichts ist geworden, denn durch das Wort.“

In diesem Dilemma stehen wir nun gerade. So weit haben sich unsere Ansichten, ja Grundsätze, die sich aus der Wissenschaft ergeben haben, von dem entfernt, was als eine unserer Kulturgrundlagen gilt. Es ist die denkbar größte Kluft, die sich uns stellt.

Evolution hat stattgefunden. Das ist Faktum. Sonst gäbe es die jetzigen Tiere und Menschen nicht und auch keine Fossilien von ausgestorbenen Tieren und Menschenvorformen. Aber kein lebender Mensch hat je einen Übergang von einer Art zur anderen je selbst bewusst erlebt oder miterlebt. Es ging also eine für unsere Augen unsichtbare Entwicklung vonstatten, die aus der Veränderung der gleichen Art (Microevolution), z.B. der verschiedenen Darwinfinken auf Galapagos, den gedanklichen Anstoß zu der umwälzenden Idee gab: Es entwickelte sich Evolution von einem primitiveren Organismus zu einem immer komplexeren in einer gedachten Linie bis heute fort. Soweit der jetzige Stand der Wissenschaft.

Dass man heute keine Metamorphosen mehr von einer Tierart zur anderen beobachten kann, erklärt man sich mit anderen damaligen Lebensverhältnissen und den langen Zeiten, die die Veränderungen im Physischen benötigen. Eine neue Tierart ist seit der wissenschaftlichen Forschung nirgends gesichtet worden oder entstanden. Es wurden also am lebendigen, lebensfähigen Tier immer nur verschiedene kleine Veränderungen bei einer und derselben Tierart im schon aktuellen Zustand konstatiert. Bei den Darwinfinken z.B. die Veränderung der Schnäbel durch andere Ernährung. Auch bei Züchtungen oder Genexperimenten fanden sich keine Sprünge von einer Art zur anderen, sondern nur Veränderungen innerhalb einer Art.

Man könnte ebenso für die Fossilien fragen: Fand man immer nur die Sprünge zu einer neuen Art und keine Mischform oder keine Übergänge? Wie wäre zum Beispiel die Verwandlung vom Reptil oder Vogel und Dinosaurier zum Säugetier? Welche Organe des Körpers müssen sich alle verändern? Das ist gut erforscht: von den Gehörknöchelchen bis zur Haut, das „Innenbrüten“ statt im Ei draußen, also eine Plazenta, ein inneres Organ musste sich gänzlich neu bilden und die dazugehörigen Milchdrüsen zum Säugen, die Distanzierung vom Erdboden: vier Füße, die die Kraft haben den Körper ständig zu tragen und ihn nicht am Boden zu schleifen, wie bei den Kriechtieren. Eine Unzahl von Körperteilen müssten sich umbilden und das Tier sollte trotzdem in jedem Stadium überlebensfähig sein. Und wenn es nicht lebensfähig ist, dann stirbt es (natürliche Auslese), pflanzt sich also auch nicht fort und die Entwicklung geht nicht weiter. Sofort erkennen wir die Komplexität der notwendigen Metamorphosen und in uns tauchen die bisherigen oft gehörten Aussagen Begründung als eingelernte auf: Es dauerte ja Millionen von Jahren, es gab veränderte Erdenverhältnisse und einen Evolutionsdruck u. ä. .

So wurde uns gesagt: Wenn wir uns unvorstellbar lange Zeiten denken, können sich einfachste Lebewesen (Einzeller) zu der Komplexität der Organismen entwickeln, wie wir sie heute kennen. Unglaublich viel Zeit ist die eine Komponente dieses Kochrezeptes zur Evolution. Die zweite Komponente ist der Zufall. Dieser Zufall setzt voraus, dass während dieser uns ewig erscheinenden Zeit der chemisch-biologische Cocktail des Lebens fortwährend im Zusammenhang mit den Veränderungen der Erden-Umwelt experimentierte – Versuch und Irrtum. Wobei wir feststellen, dass der Zufall eine erstaunliche Kontinuität beweist und an den Tag legt, an einen vier Milliarden-Jahres-Tag (einem Tag, dessen Zeitspanne vier Milliarden Jahre währt). Über diese Zeit hin wird abermilliarden Mal experimentiert. Eine gewaltige, nie endende Intention des Zufalles. Beeindruckend! diese Erklärung.

Die zugehörige Selektion erscheint uns natürlich und logisch. Also das Sterben und der Missversuch sind einleuchtend. Was einen aber wundern kann, ist das Überleben in dieser Zufalls-Versuch und Irrtum-Technik. Es ist verwunderlich, dass das Leben überhaupt überlebt hat und zweitens, dass es sich in einer unglaublichen Vielfalt des Tierreichtums entfaltete.

Und die Linie vom Einzeller zum Mehrzeller?

Wie viele Organismen haben sich vom ersten größeren mehrzelligen Lebewesen abgespalten, dem das Leben zu gebären und das (Über)-Leben soweit gelungen ist? Wie verliefen die Wege der nun mehrzelligen Wesen bezüglich der Menge, Größe, der Vielfalt und der Verteilung auf der Erde? Wie gelang der Übergang von der Zellteilung zur geschlechtlichen Vermehrung? Ganz viele ungeklärte Fragen machen uns Staunen, dass wir sie mit nur zwei grundsätzlichen Zutaten beantworten können: Große Zeitspannen, Zufälle und unendlich viele Versuche verschiedener anfänglicher Lebensexemplare und ein unglaubliches Durchhaltevermögen scheinen dem Leben immanent zu sein. Von wie vielen einzelnen lebendigen Exemplaren ging das Leben aus? Und ist es nicht erstaunlich, dass so unzählige Differenzierungen der Lebensformen überlebten und sich das Leben derart differenzierte? Laut Stammbaum verlief die Entwicklung vom Einzeller zu den Weichtieren und von dort zu den Insekten auf der einen Seite und auf der anderen zu den Amphibien, den Kriechtieren, Vögeln Dinosauriern (siehe Grafik) und dann plötzlich: die Säugetiere. Schon vom Weichtier zum Insekt kann einem beim Versuch des konkreten Vorstellens dieser Umwandlung allein schwindelig werden. Es ist nicht wirklich zu schaffen sich die unzähligen Veränderungen hin zu der Gliederung des Körpers, zu den Beinen und zum Außenskelett (Chitinpanzer) und den Flügeln vor die inneren Augen zu stellen. Eine im Wasser kriechende Nacktschnecke wird zum fliegenden Tier. Eine erstaunlich erfindungsreiche Verwandlung bloß durch zufällige Versuche. Noch mehr mutet uns die zweite Entwicklung als unfassbar an, vom Weichtier das ein Innenskelett mit Knochen als Gerüst bildet und zu der Entstehung von Federn oder Körperhaar und einer atmenden Haut führt, mit all ihren nötigen inneren Organe. Oder wie wäre der Übergang der körperlichen Erscheinungsform von einem Vorvogelwesen zu einer Fledermaus und auf der anderen Seite zu einem Huhn oder die Aufspaltung in Katzen und Nagetiere von einem ihrer Vorgängerwesen? Was für eine wundersame Verwandlung! So ein Kochrezept mit nur zwei Hauptzutaten möchten wir gerne auch für unsere täglichen Mahlzeiten haben, wo die verschiedensten Speisen sich wie von selbst ausdifferenzieren und jede Menge Menüs entstehen.

Wie kann nun eine solche gewaltige Geschichte des Lebens verständlicher werden? Wir glauben sie ja alle, obwohl sie eigentlich unglaublich ist.

Wenn Biologen einen lebendigen Organismus beschreiben, verwenden sie unter anderem folgende Zuschreibungen: selbsterhaltend, selbstregulierend, selbstorganisierend. Man geht von einer Ganzheit aus, die sich durch Stoffwechsel, Fortpflanzung, Wachstum und den Austausch mit seiner Umwelt auszeichnet. Also liegt hier etwas ganz Anderes in der Sprache der Wissenschaftler, als die Vorstellung vom Zufall es einen aufnötigen würde. Goethe würde wie bei seiner Reise in Italien ausrufen: Hier ist Notwendigkeit, hier ist Gott! Er meinte die Kunstwerke und antiken Tempel, die aus dem Geiste der Römer entstanden, welche noch mehr als wir, aber weniger als die Griechen mit dem wirkenden Geist der Natur verbunden waren. Aber gilt es nicht auch für die Natur?

Die Wissenschaft postuliert ihr Dogma: Es war der Zufall am Werk, über Jahrmilliarden. Andererseits spricht man den Lebewesen, selbständige, kluge und erfolgsträchtige Lebenserhaltung und Zielgerichtetheit zu. Um es aber mehr dem wissenschaftlichen Dogma entsprechend auszudrücken, wirft man des Öfteren „Mechanismus“ und „chemische Prozesse“ in die Beschreibung. Wo das Selbstgestaltende, Weisheitsvolle im Organismus bis zur Selbstheilung von Wunden urständet, das Pflanze und Tier, jedem Lebewesen eigen ist, fragt man nicht. In der Evolution bleibt Zufall Zufall immerwährend, oder zumindest während der letzte 4 Milliarden von Jahren. Eine Entität, die dahintersteht ist nicht zu denken erlaubt und deswegen nicht denkbar.

Die Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, hat sich fast ausschließlich darauf geeinigt, nur empirisch gefundene Ergebnisse gelten zu lassen. Und ihre Beobachtungen betreffen fast (es gibt zumindest noch die Psychologie, wenn auch als ein Ausfluss des Leiblichen behandelt) alle nur die materielle Welt. Dass die materielle Weltsicht eine geistige ausschließt, obwohl sie durch Gedanken und Ideen hervorgebracht wurde und wird, ist eine Paradoxie für sich. Jene Weisheit, die in der Natur wirkt und all diese Lebewesen hervorbrachte, ist die gleiche, die im Menschen als Gedanken und Ideenwelt lebt. Man kann sie Geist nennen.

Wie viele Beispiele vom weisheitsvollen Wirken in Lebewesen und deren Zusammenleben in Ökosystemen könnten wir nicht aufzeigen? Die Savanne mit einer hohen Anzahl von verschiedenen Tierarten sei nur als eine Form aufgezählt. Sie leben dort seit Jahrtausenden im gegenseitigen Gleichgewicht mit dem Ablauf der Regenzeiten und der Trockenzeiten in Wanderungen von abertausenden Exemplaren. Zebras, Gnus und Antilopen, zum Beispiel, kommen in einer Reihenfolge bei den frisch gewachsenen Gräsern an, dass ihre bevorzugte Nahrung Blüte, Blätter, Stängel sinnvoll nacheinander äsend aufgenommen werden kann. Erst kommt das Zebra, das die Blüte liebt, dann das Gnu, das den Stängel bevorzugt und zuletzt die Antilope, die die Reste abfrisst. Das sei alles nur dem Zufall geschuldet? Und der geringe Anteil von unter einem Prozent von Raubtieren genügt, um alles im natürlichen Gleichgewicht von Gesundheit und Krankheit zu halten! Bloß der Mensch brachte es zum Kippen, trotzdem und weil er seiner Geistesfunktionen als einziger unter den Lebewesen mächtig ist. Dies geschah durch unausgereifte Anwendung seines noch (immer) unvollständig entwickelten Geisteszugriffes und der Nicht-Beherrschung seiner Triebe wie Gier und Lust.

Im Lebewesen wie der Pflanze und dem Tier wirkt das Leben weisheitsvoll. Hat diese Weisheit das Leben am Leben erhalten? Und ist es nicht auch dieses „Selbst“, wie die Wissenschaft es dem Leben zuschreibt und bis in die Biochemie und Medizin immer noch erforscht, dass es zur Evolution gebracht hat und diese immerwährende Entwicklung ermöglichte? Warum könnte eine solche Weisheit, wie sie in lebendigen Organismen, in ganzen Ökosystemen zusammenwirkt, nicht auch die Evolution bewirkt haben?

Im Menschen ist im Gegensatz zum Tier der organisierende Geist selbst-bewusst und zu einem großen Teil im Denken handhandbar geworden, beim Tier hingegen ergoss er sich gänzlich in seine Physis, seinen Körperbau und seine Funktionen. Deswegen ist es für seine Art zu leben perfekt ausgerüstet und lebt, ohne viel lernen zu müssen vollkommen aus dem Instinkt. Beim Menschen ist dieser Geist zur Selbstanschauung gekommen, weil er außer dem fühlenden Leben, das auch dem Tier eigen ist, den Geist individualisiert hat. Die hohe Weisheit, die die Organismen aufbaute und somit auch des Menschen Körper, brachte diesen so weit, dass sich als höchste Stufe in ihm ein Denkwerkzeug entwickelte, mit dem er reflektieren kann – die Welt und sich selbst. Die Selbstorganisation seines Körpers wurde so gesteigert, dass er sich selbst, seinem Ich und des in ihm und dem in der Natur lebenden Geistes ansichtig wurde. Der Geist erschöpfte sich nicht in ihm, in seiner Art, in seinem Körper, wie beim Tier. Im Gegenteil, der Körper des Menschen ist eine Schöpfung aus dem Geiste zum Geiste, zum Gebrauch des Geistes. Und so wurde jeder Mensch Kreator, Weiterbildner der Welt durch seinen Verstand und seine Einsicht. Jeder Mensch ist für sich ein Individuum eine eigene Art, mit einem zum Bewusstsein gekommenen Geist.

Evolutionstheorie

Bildbeschreibung: Bild der bisherigen Forschung: welch große Sprünge und unvorstellbare Vielfalt aus so wenigen Vorformen!

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