Haben wir seit 1989 eine wahre Friedensordnung?

Text Reinhard Apel, Wien

Wenn jetzt die Waffen in der Ukraine sprechen, fallen unsere Politiker und unsere Medien aus allen Wolken. Allein die Geheimdienste hätten etwas gewusst, so heißt es. James Bond war also informiert.

Der Eiserne Vorhang hebt sich

Will man nun die Ursachenlinie des Ukraine Konflikts rekonstruieren, so kann in einer Version mit dem Verschwinden des Eisernen Vorhanges begonnen werden. Für Jedermann überraschend – außer vielleicht für James Bond – hebt sich 1989 der eiserne Vorhang. Nach dem Rücktritt des letzten Präsidenten der Sowjetunion am 25. Dezember 1991, Michail Gorbatschow, endet die Existenz der UDSSR. Man darf dabei nicht vergessen, dass damit auch die Untergundexistenz der Anthroposophie im Osten ihr Ende findet. Was immer man zu Herrn Putin anmerken möchte: Es gibt eine Anthroposophische Gesellschaft in Russland und es gibt Waldorfschulen im Land. Es besteht auch grundsätzlich die Möglichkeit zur politischen Veränderung.

Nach 1991 tritt ein was vorher undenkbar schien:

  • Die russischen Armeen ziehen sich also ab 1989 weit in den Osten zurück und nehmen ihre Atomwaffen mit. Mitteleuropa droht nicht mehr zum atomaren Schlachtfeld zu werden.
  • Die gesamte europäische Staatenlandschaft östlich der Bundesrepublik Deutschland entsteht neu.
  • Zusätzlich gibt es nun Weißrussland und die Ukraine, was ganz und gar keine Selbstverständlichkeit ist.

Natürlich gibt es auch allerlei Zwänge, die eine Weiterführung des Sowjetimperiums erschwert hätten. Aber ebenso klar sollte sein, dass Russland bei diesem Rückzug bis zum Äußersten freilassend agierte, jedenfalls was den Territorialeinfluss betrifft. Man hoffte überhaupt im Osten, jetzt zu einer wahrhaft friedlichen Koexistenz zu kommen, sodass allgemeine Prosperität eine Folge der neuen Freiheit wird. Denn so hatten westliche Sender ja während Zeit des Kommunismus die Ziele des Westens beworben.

Ein anderer Ansatz

An dieser Stelle wechseln wir probeweise zu einer anderen Abzweigung, die die Zeitgeschichte hätte wählen können. Wir stellen uns vor, dass in England und USA die dortigen imperialen Think Tanks nicht mit ihren Ideen durchdringen. Wir imaginieren, dass sich Amerika von seiner besten Seite zeigt und den dort durchaus vorhandenen Zug der Fairness in die internationale Politik einführt. Man betont auf einmal, dass im Kürzel „NATO“ ja der Nordatlantik steckt und zieht als Antwort auf die Entspannungsgeste der Russen, die eigenen Armeen bis an den Atlantik zurück. Natürlich bekommt Polen gewisse Garantien, aber allgemein erklärt man den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes, dass keine Notwendigkeit vorliegt, Russland wie die ehemalige Sowjetunion zu behandeln. James Bond habe genaue Informationen darüber, dass Russland keine Supermacht mehr ist, und dass schon zu Sowjetzeiten die Panzer rostiger waren als angenommen. Und man findet, dass die Rolle des Weltpolizisten teuer und entbehrlich ist. Man glaubt im Westen an die eigene Fähigkeit im globalen wirtschaftlichen Wettbewerb zu bestehen und braucht nicht mehr die überall herumschwimmenden Flugzeugträger, die durch ihre bloße Präsenz eine Wettbewerbsverzerrung darstellen. Man möchte unter fairen Bedingungen Erster sein! Als einmal ukrainische Politiker anklopfen und die Nutzung der Basis in Sewastopol gegen Russland anbieten, um dafür Investitionen und Wirtschaftshilfe zu bekommen, antwortet man mit gewissen beschränkten Unterstützungen und dem guten Rat sich mit dem größeren Nachbarn zu arrangieren. In diesem Bild sagt der US-Botschafter in Kiew wörtlich: Eure Entwicklung dauert noch ein bisschen, geht aber mit Russland dafür nachhaltig. Außerdem wird doch Österreich auch nicht wirklich 100%ig auf seiner territorialen Souveränität bestehen und deutsche LKWs tatsächlich an der Durchfahrt hindern, nur weil Tirol dann ein bisschen streng riecht.  In solchen Fällen muss jedes Land die Interessen größerer Nachbarn mitbedenken und man soll Russland sein Gas friedlich durch die Ukraine leiten lassen.

Das BUS

In diesem Geschichtsverlauf ist Deutschland kein Mitglied der NATO mehr. Die NATO beginnt erst am Nordatlantik, also frühestens in Frankreich. Damit entsteht ein Band Unabhängiger Staaten (BUS) von Skandinavien über Mitteleuropa bis Jugoslawien, mit dem sich einige Länder des ehemaligen Warschauer Paktes locker assoziieren. Es handelt sich aber nicht um eine Union, die kaum mehr verlassen werden kann. In diesem Gebiet gibt es keine Atomwaffen und keine Superarmeen. Bevor noch in Russland neo-imperiales Denken wirklich aufkommt, hat man bereits von jenem neutralen Band aus begonnen, lebensfähige Strukturen im Osten aufzubauen. Der Wehrersatzdienst kann im BUS in den „Tolstoi Camps“ abgeleistet werden. Man lernt eine östliche Sprache, es werden Straßen gebaut und landeseigene Firmen gegründet. Heutige kroatische Zustände mit lauter deutschen oder österreichischen Firmen im Land will ja dann niemand, weil es nicht ausgeglichen zugeht, wenn der eine Alles, der Andere aber nichts produziert. Ohne eine gewisse Protegierung der slawischen Gebiete durch das BUS würde der Wohlstand wie auf einer schiefen Ebene in Richtung Mitteleuropa rutschen, weshalb diese zusätzliche Förderung fix eingeplant ist. Demokratieversuche werden begleitet, sowie noch unverfälschte Böden direkt in ökologische Landwirtschaft übergeführt. Aus alledem ergibt sich das Projekt „Sanfte Seidenstraße“ durch das statt marktwirtschaftlicher eben kooperative Prinzipien im neu entstehenden östlichen Wirtschaftsraum zur Anwendung kommen.

Brauchen wir die Pax Americana?

Die Leser mögen sich abschließend noch einmal vor Augen führen, welche ungemein entspannende Wirkung es gehabt hätte, auf die Auflösung der Sowjetunion mit dem Rückbau der NATO zu antworten. Stattdessen hat man sich im Westen natürlich gesagt: „Warum etwas freigeben und ein Risiko eingehen, wenn in Europa so viel wertvolles Territorium zu haben ist und man noch dazu händeringend um den NATO-Beitritt gebeten wird?“ Stattdessen wird nun Russland durch die NATO-Osterweiterung immer stärker eingeschnürt, ohne dass eine ernsthafte russische Bedrohung vorliegt. Dann erst entlädt sich alles in der Ukraine.

Die Alten Hebräer haben die Römer ins Land gerufen, um sich gegen Invasoren aus dem Osten zu wappnen. Anschießend sind die Römer nie mehr abgezogen und Israel war nicht frei, wie es zur Ehre des Jüdischen Gottes hätte sein sollen. Das möge man nicht vergessen, wenn man heute in der Pax Americana sein Heil sucht. Diese ähnelt doch sehr der Pax Romana der Antike. Wer einmal drin ist, gibt Ruhe, weil er beherrscht wird. Wär‘s nicht besser, sich selbst zu beherrschen.

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