Gezeiten der Geschichte

Deutschland und die Soziale Dreigliederung.     Text: Reinhard Apel. April 2019

Geistesleben historisch  
Diejenige alte Kultur, von der wir archäologisch wirklich etwas wissen, ist das pharaonische Ägypten. Es zeigt sich als ganz theokratisch strukturiert, der Gottkönig und Pharao ist seinem Volk der große heilige Führer, von Göttern erleuchtet. Sein Geist überstrahlt den ganzen Nilbereich. Die strenge Hierarchie mit Ihm als Spitze wird auf dieser Stufe der Entwicklung noch als wohltuend empfunden. Wenn der Ajatollah Ruhollah Khomeini das selbe Prinzip im späten 20. Jahrhundert wiedererweckt, eine Theokratie in Persien einrichtet, so wirkt das, gelinde gesagt, anachronistisch. Das Beispiel schlechthin der im 20. Jahrhundert versuchten absoluten und autoritären Theokratie mit perfekter Hierarchie ist mit dem Sohn von Alois Schicklgruber, Adolf Hitler, verbunden. Ein guter, gerechter Führer? Die einst leuchtende Theokratie erscheint derart verspätet als dämonisches Zerrbild. Es ist nur mehr Unterdrückung und Staatsterror da.
Rechtsleben historisch
Als das Geistesleben in Alt-Ägypten seine Dominanz eine ganze Ära lang ausgelebt hat, rückt es, ab den antiken Griechen, deutlich in den Hintergrund. Es entsteht Raum für ein kämpferisches Rechtsleben, in dem Brust an Brust, Schild an Schild, im Atem des Gegners die Dinge ausgefochten werden. Obwohl zunächst noch Halbgötter in der griechischen Sage auftreten, ist es bald schon der Mensch, der dem Menschen auf gleicher Ebene gegenübertritt. Sei es König David gegenüber Goliath, sei es König Leonidas an den Thermopylen, seien es Hannibal, Cäsar oder Dietrich von Bern… der große Krieger ist das Bild einer ganzen Zeitepoche. Heute soll das Recht in friedlicher Form gefunden werden. Doch wo der Eine sich aus geistiger Autorität nicht über den Anderen stellen darf: Das ist die Rechtssphäre im Sin-
ne sozialer Dreigliederung. Niemand sage übrigens, Schwerter und Schlachten hätten keine Anziehungskraft mehr. Game of Thrones ist der Gegenbeweis. Diese Saga war bis heuer 10 Jahre lang kulturprägend in den USA. Nur fehlt in der amerikanischen Erfolgsserie des Kabelsenders HBO alles Idealistische der echten Helden. Es ist ein Fantasy-Mittelalter ohne dessen Innigkeit und ohne Christentum. Alles ist unerlöst. Die Darsteller sind Menschen der Gegenwart, die Zwängen, Leidenschaften und Loyalitäten früherer Zeiten unterworfen sind. Könnten nicht die Menschen des echten Mittelalters von Innen her in die Formen ihrer Zeit gepasst haben?
Wirtschaftsleben ab 1500
Autoritäres Geistesleben und kämpferisches Rechtsleben (das nicht immer gerecht war) hat die Menschheit somit ausgiebig und in aller Farbigkeit durchlebt – mit dem Ergebnis, dass der individuelle Mensch heute sowohl die Freiheit für sein Geistiges sucht als auch die Begegnung mit dem Anderen in gleichberechtigter und friedvoller Form. Wie in der Artikelserie zum Kolonialismus (siehe die Ausgeben des Wegweiser ab Frühling 2018) dargestellt, ist unsere Ära aber bestimmt von einem neuen Gestaltungsprinzip, dem wirtschaftlichen Tun. Um 1500 herum leben die frühen Portugiesen und Holländer zunächst den Entdeckergeist aus. Spanier und Franzosen hingegen prägen ihrem Kolonialismus ein reichsgründendes und ritterliches Ideal auf (selbst Hernando Cortez sah sich so!). Sie erobern ganze Länder. Der Imperialismus zwecks Herrschaft ist aber Nacherleben von Früherem. Erst die Holländer und dann vor allem die Briten richten Ihre Bestrebungen zur See völlig nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus. „Rule Britannia, Britannia rule the Waves“ meint nicht Territorien oder eine möglichst große Menge von Wellen, sondern die Haupthandelsroute der Welt. Diese Route verläuft noch heute vom Atlantik an Arabien vorbei nach Indien und Fernost per Schiff. Im 19. Jahrhundert und als Ergebnis langen Ringens wird England zur alleinigen kolonialen Supermacht. Seine Marine ist omnipräsent. Sein Staat (Rechtsleben) und seine Wirtschaft sind zu einem Machtgebilde verschweißt.
Deutschland
Good Old Germany ist zur Goethezeit in viele Staaten aufgeteilt. Gar nicht so übel, denn als Friedrich Schiller bei einem Landesfürsten (wegen „Die Räuber“) in Ungnade fällt, wechselt er einfach das Fürstentum (1782 von Württemberg nach Thüringen). Das sind günstige Bedingungen für ein freieres geistiges Leben. Als sich Deutschland dann erst 1871 unter preußischer Führung und mit Ausschluss der Habsburger Monarchie als Großstaat etabliert,  findet dies à la Heldenzeit statt: Durch Sieg auf dem Schlachtfeld, also nicht unbedingt innovativ. Die besiegten Franzosen, bis dahin Soldatennation Nummer eins (Arc de Triomphe!), finden das gar nicht schön. So entsteht in Frankreich die Stimmung der Revanche, wichtig für den späteren Weltkrieg Eins und damit ordentlich grabschaufelnder Natur. Was die Wilhelminische Deutsche Politik wirklich beeindruckt, ist aber der britische Kolonialismus. Deutschland ist wirtschaftlich aufstrebend und eine Industrienation geworden, gleichwohl unter anderen Bedingungen als England, weil die Kapitalmasse aus dem internationalen Handel fehlt. Zur Absicherung des Exports scheint eine Kriegsflotte sinnvoll, und man will nicht verpassen, mit Stützpunkten und dann gleich auch Kolonien am internationalen Handel teilzuhaben. Das aber erregt Sorge in England, denn man meint es dort nicht ganz so ernst mit der freien Konkurrenz und dem liberalen Welthandel, wiewohl man ständig davon spricht. Je erfolgreicher die Deutschen eine späte (und damit eigentlich unnötige) Kolonialpolitik verfolgen, je schlagkräftiger die Kriegsflotte wird, desto mehr Gründe hat England, die Angelegenheit eventuell in einem Krieg zu klären. So war‘s ja bis dahin immer gewesen, so wurde die Dominanz im Handel gesichert. Was zum Ersten Weltkrieg trieb, war von Frankreich her das Motiv eines klassischen Krieges. Es ging mehr um Territorien und um die Vormachtstellung am Kontinent. Es bedeutete eine ungeheure Ernüchterung, wenn die Schützengräben ab 1914 kein Platz für klassische Helden mehr waren (dazu war das Maschinengewehr aus industrieller Produktion zu effizient). England aber – modern eingestellt – führte den Krieg aus wirtschaftlichen Gründen. Man verstand dort genau: Das Herrschaftsmittel der Gegenwart ist das Wirtschaftsleben. Niemand war übrigens verblüffter als der Deutsche Kaiser Willhelm II, dass England nicht neutral blieb. So hätten also die Deutschen aus einem erneuerten Rechtsleben heraus die Frankreich-Frage zu lösen gehabt. Ob die heutige Verbindung der Deutschen und Franzosen im Rahmen der EU dies bereits verkörpert, kann man sich fragen. Das englischsprachige Element verlangt zu seiner Befriedung unbedingt eine Umwandlung der dominanten Wirkkraft unserer Tage, also ein neu gegriffenes Wirtschaftsleben. Der slawische Osten (und vor allem Russland) will geistig ein Verhältnis haben zu dem, was Deutsch spricht. Und er hat auch wirklich etwas zu schenken, wie Rainer Jesenberger uns kenntnisreich darlegt (siehe Buchbesprechung von Norbert Liszt). Alle drei Faktoren drängten am Vorabend des ersten Weltkrieges an Deutschland heran. Das Wilhelminische Deutschland wollte den Franzosen das stärkere Frankreich, den Briten das erfolgreichere England sein. Und dem erwartungsvollen Slawentum wusste man nichts Geistiges zu geben. Ein wirklich freies Geistesleben, ein konfliktauflösendes Rechtsleben, ein assoziatives Wirtschaftsleben, sie hätten den Weltenbrand durchaus vermeiden können. Denn sie hätten das Potenzial gehabt (und sie hätten es auch heute…), fatale historische Kräfte zu metamorphosieren, also in Lebbares umzuwandeln.

Permalink