Text: Reinhard Apel
Die gemeinsame Aufgabe von Europa und Amerika, dargelegt von Fionn Meier auf der Ost – West Tagung, „verdaut” von Reinhard Apel
Was heißt hier Osten und was Westen?
Ost und West stehen sich als Gegensätze gegenüber. Das muss man dem Zeitgenossen nicht näher darlegen. Denn sowohl der aktuelle Konflikt zwischen dem Iran und dem Westen als auch die Auseinandersetzungen in der Ukraine haben hier einen erkennbaren Hintergrund. Immer steht auf der einen Seite der liberal und marktwirtschaftlich orientierte Westen den Staaten des Ostens gegenüber, die sich aus gemeinsamen Interessen und Werten in der Organisation BRICS zusammengetan haben.
Wir nennen hierzulande viele Staatsgebilde im Osten Autokratien. Dort sieht man das, was man den kollektiven Westen nennt, als chaotische, zum Nihilismus tendierende Gesellschaften.
Die von uns so bezeichneten Autokratien haben eine überraschende Akzeptanz unter der Bevölkerung gegenüber einem Staat, der von einer zentralen Macht bestimmt wird. Es herrscht das Prinzip der Hierarchie. Egal ob Ajatollah, ein Präsident als gefühlt heiliger Zar oder ein chinesischer Kaiser, der als kommunistischer Führer herrscht, an der Spitze der Pyramide steht eine Person, die Ordnung, Sicherheit und in einer Art auch höhere Werte vermittelt. Der Einzelne ordnet sich der Gemeinschaft unter, besteht nicht übermäßig auf seinem Individualismus, stützt das große Ganze. Man sieht diejenigen, die in den eigenen Reihen dem Westen zuneigen, als verlorene Söhne, als Menschen, die der Dekadenz des Westens erlegen sind und Ihre Seele aufs Spiel setzen. Da schimmert ein Grundlebensgefühl durch, das seine goldene Zeit in den großen Theokratien des Ostens hatte.
Im pharaonischen Ägypten, von dem wir heute noch nicht wissen, wie es die Pyramiden erbauen konnte, oder im chinesischen Reich der Mitte, in dem der göttliche Kaiser wie eine Sonne strahlte, sehen wir diese Glanzzeit verwirklicht. Der Leser sollte dabei in Rechnung stellen, wie viele Anhänger der Dalai Lama bei uns hat. Also auch in unseren Breiten gibt es ein Gefühl dafür, dass eine hochstehende spirituelle Person durchaus über einem selbst steht. Aus der Anthroposophie kann eine Sichtweise entwickelt werden, die besagt, dass es sich hier um eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität handelt, die einstmals in jenen glanzvollen Reichen von hervorragenden Personen gestillt wurde. Damals war das gut und recht. Aber trotz aller Bekenntnisse zur Moderne und zur individuellen Freiheit … haben nicht unglaublich viele von uns gerne die prachtvolle Krönung von König Charles verfolgt ? … Und siehe da: Manch einer hat ein gutes Verhältnis zur Einrichtung des Stuhles Petri und der Figur in Weiß im Petersdom.
Sind wir dann echte Demokraten, wenn solche Empfindungen in uns spielen? Also sollte man sich nicht zu schnell über die rückständig denkenden und demokratiefernen Ostmenschen alterieren. Laut Anthroposophie sind sie sozusagen dem Himmel noch näher als wir und leben nach wie vor (und wohl noch lange) in dieser ehrwürdigen Grundtendenz, die aus der Geschichte hereinklingt. Der Mensch im Osten fühlt sich – verallgemeinernd gesagt – gut gegründet im Bewusstsein des geistigen Grundes der Welt im Aufblick zu den Sternen und zum Geist. Der Sündenfall wurde hier im Inneren nicht voll mitgemacht.
Anders im Westen. Der „Pursuit of Happiness“ steht sogar in der Verfassung der USA. Man ist selbst seines Glückes Schmied, will von der Erde haben, was zu kriegen ist und möchte sich dabei einem großen Ganzen so wenig wie nur möglich unterordnen. Das beleuchtet sogar die merkwürdige Tatsache, dass ein offensichtlicher Ungustl wie Donald Trump Wahlen gewinnen kann. Denn dort im Westen hatte man Sorge, dass aus der „Political Correctness“ neue Gebote abgeleitet würden, die die eigene Freiheit und Unabhängigkeit einschränken könnten. Das schwingt mit bei MAGA – Make America great again. Im Sinne von: Let it again be the land of the free. Der Mensch im Westen fühlt sich – verallgemeinernd gesagt – gut gegründet in sich selbst. Er steht fest in seinen Gliedmaßen und empfindet seinen eigenen Willen in seiner Kraft. Er will ihn möglichst frei entfalten und Gott kann sich ruhig zurückhalten. Der Sündenfall ist vollzogen. So kann auch ein alter Sünder wie Donald Trump sogar Staatsmann werden, denn da resoniert etwas. Er hat viel, was man auch gerne hätte, somit bewundert und gut findet. Zum Beispiel Melania.
Es stehen sich also in der Seelenhaltung die akzeptierte Autokratie im Osten und die ebenso gewollte tendenziell nihilistische Selbstverwirklichung im Westen gegenüber. Eine solche Polarität kann böse enden, wird erbittert ausgefochten und lässt sich durch keine Institution oder Abmachung versöhnen. So in etwa dachte Rudolf Steiner.
Die Dreigliederung des sozialen Organismus als Idee für die Mitte
Aber da gibt es ja im Herzen Europas noch Menschen, die wiederum andere Grundeigenschaften haben, sie sind nicht das eine und nicht das andere, haben von beidem etwas, aber dazu die Fähigkeit angelegt in ihrer Seele, die beiden Pole zu versöhnen. Das sah Steiner in Gestalten wie Goethe oder auch Fichte, in Schiller, Schleiermacher und Schelling aufleuchten. Der Mensch der Mitte kündige sich an, so meinte er. Und das gerade zur rechten Zeit, weil durch das, was wir heute Globalisierung nennen, die beiden genannten Weltgegensätzlichkeiten immer stärker aufeinanderprallen werden. Aber der Mensch der Mitte war zu Steiners Lebenszeit in ein mörderisches Ringen mit Ost und West verstrickt, in den Ersten Weltkrieg. Das auch deshalb, weil er nicht wusste, wie er sich in die Mitte stellen sollte, zwischen die beiden Pole, zwischen Skylla und Charybdis. Er hatte keine eigene Idee, wie seine ureigene soziale Gestaltung aussehen sollte. Denn die Zeit der Monarchien verblasste, das war Steiner klarer als manchem seiner Zeitgenossen. Mitteleuropa brauchte eine eigene Sozialgestalt, wollte es sich zwischen Ost und West behaupten können und auch die Akzeptanz der mächtigen Pole hinreichend erlangen. Und diese Idee sollte seine Dreigliederung des sozialen Organismus sein.
Darüber ist im Wegweiser bereits geschrieben worden und hier kann nicht die Dreigliederung des gesellschaftlichen Lebens umfänglich erklärt werden. Dazu möge der Leser, dem der Begriff neu ist, die Literatur oder das Internet zu Rate ziehen. Jedenfalls sollte das geistige Leben unter Menschen auf die eigenen Füße gestellt werden, fern jeder zentralen Lenkung. Das würde eine neue Geistigkeit ergeben, die der Osten anerkennen kann. Denn von den Chinesen beispielsweise sagt Steiner in den Vorträgen von 1922, sie würden den westlichen Handlungsreisenden als Barbaren ansehen, da er kein spirituelles Leben in sich trage und daher ein minderwertiger Kerl sei, ein Barbar, der getötet werden dürfe. Der Chinese jedoch habe noch seine Tugenden und seine Rückerinnerung an eine nachklingende starke Spiritualität.
Übrigens – wieder zu 2026 zurückgesprungen – kann es durchaus sein, dass es sich darum handelte, als jüngst Xi Jinping beim Treffen mit Trump einen Folder wie zufällig liegen ließ. Und wirklich, Donald Trump spechtelte hinein! Also wäre der Führer des Westens als Barbar erschienen, nicht vertrauenswürdig und nicht paktfähig.
Im Westen aber wird die Wirtschaft den Ton angeben, so Steiner und in der Dreigliederung soll sie als eigenes Glied des Lebens in humanisierter Form dastehen. Sonst würde sie alles andere dominieren, was ja im Medienwesen durchaus heute der Fall ist. Dazwischen aber soll als eigenes Feld das Rechtsleben stehen. Aber weniger als Juristerei, sondern als Ausgleichsorgan der Belange der Gemeinschaft. Da würden die Mitteleuropäer ihre Stärke haben und diese würde sie dann zum Ausgleich befähigen zwischen Ost und West. Eine grandiose Idee, das muss man schon sagen. Steiner ließ nichts unversucht im Ausklang des Ersten Weltkrieges, um seine Idee zu lancieren. Dies nicht etwa, um Throne zu retten, sondern um Mitteleuropa neu aufzustellen. Und vier Mal fehlte nicht viel, dass es zu einer Umsetzung gekommen wäre. Aber der menschliche Faktor kam ins Spiel und immer wieder ließen Mittelsmänner den rechten Zeitpunkt verstreichen oder kamen sonst irgendwie dazwischen (Arthur von Polzer Hoditz, Richard von Kühlmann, Prinz Max von Baden und derjenige, der die Veröffentlichung der Moltke Tagebücher zu früh ausplauderte). In der Zwischenkriegszeit versuchte es Steiner dann mit einer öffentlichen Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus, die auch ihre Chancen hatte, aber doch nicht durchdringen konnte zwischen zwei Polen, dem aufkommenden autoritär – nationalen Lager und der Linken. Dann kam der tiefe Fall Mitteleuropas im dritten Reich, den Steiner (gest. 1925) nicht mehr miterlebte.
Die gemeinsame Aufgabe von Europa und Amerika
Nun kommt die neue Wendung ins Spiel, zu deren Diskussion Fionn Meier auf besagter Tagung einlud. Seiner Ansicht nach muss die Hoffnung aufgegeben werden, dass Mitteleuropa wieder ein Weltbereich werden könne, der seine eigenen Wege geht. Es geht nicht mehr. Wir sind in den Westen integriert oder allenfalls fällt ein Teil Mitteleuropas dem Osten zu. Das wurde mit dem eisernen Vorhang voll verwirklicht. Aber auch nach dessen Fall bleibt die Bestimmung durch die polaren Gegensätze dominant und die Mitte Europas findet nicht wieder zu ihrer Eigenständigkeit zurück. Das hätte damals geschehen müssen, also vor dem Zweiten Weltkrieg. Nun seien die Würfel gefallen und Mitteleuropa falle im Großen und Ganzen dem Westen zu. Unwiederbringlich. Und Steiner habe das auch so gesehen, wie in seinen letzten Lebensjahren aus Äußerungen zu entnehmen ist.
Was wird dann aber aus der Dreigliederung des sozialen Organismus, in der doch die Grundsätze einer modernen humanen Gesellschaft dargelegt sind. Denn der Osten wird uns autoritär in die Pflicht nehmen, der Westen wird uns in „human engineering” und andere Materialismen verstricken, die auch das eigentlich Menschliche abtöten können. Aber da der Westen die Mitte äußerlich aus der Zeitgeschichte ausgeschaltet (Man denke an Friedrich Merz‘ klägliche Auftritte wegen der Zerstörung der North Stream Pipeline in Washington) und Europa ganz in seinen Machtbereich einbezogen hat, bleibt nur das Zusammenwirken. Und es habe ja auch Steiner schon vor hundert Jahren gemeint, es liege nun am Westen, die Welt zu gestalten. Da aber die Dreigliederung des sozialen Organismus eine Notwendigkeit ist zum Fortbestand der Kultur (was hier wiederum nicht ausführlich begründet werden kann), sollte sie nun via Westen verwirklicht werden. Es sei hiermit zur gemeinsamen Aufgabe von Europa und Amerika geworden: Die Humanisierung und Heilung der verfahrenen gesellschaftlichen Zustände durch soziale Dreigliederung. So kann aus dieser Sache noch etwas werden, anders aber nicht. Die amerikanische Einseitigkeit muss mitgemacht und von innen her als Teil dieses Machtbereichs umgewandelt werden. Das Ergebnis wird dann stark metamorphosiert erscheinen und einen westgemäßen Schwerpunkt im Wirtschaftsleben setzen müssen. Dann erst, wenn ein so verwandeltes Wirtschaftsleben vom Orientalen in der Begegnung und bei Verhandlungen erlebt wird, wäre die gefährliche Spannung der Pole aufgelöst und es kann Friede sein zwischen den Weltgegensätzlichkeiten. Denn dann kommt der östlichen Sehnsucht nach dem Geist im alltäglichen Gebaren des Westmenschen etwas entgegen, was man im Osten wiederum anerkennen kann, weil hier ein neuer, erst sich entwickelnder Geist durchschimmert.
