Johanni

Text: Ingrid Rasocha

Am 24. Juni feiern wir Johanni,  den Geburtstag von Johannes dem Täufer, und am 24. Dezember den Geburtstag Jesu. Beide Feste sind eng mit den vorchristlichen Festen der Sommersonnenwende und der Wintersonnenwende verbunden. Mit Johanni werden die Tage auf der Erde wieder kürzer, ab Weihnachten hingegen werden sie länger. Diese beiden Tage stehen daher in engem Zusammenhang. Johanni geht ein halbes Jahr voran und bereitet die kommende Weihenacht vor. Es scheint, als würde das Johannifest in Vergessenheit geraten, denn außer Sonnwendfeiern als Brauchtum finden wenige Feierlichkeiten statt.

Wir feiern also zu Johanni den Geburtstag Johannes des Täufers,  der als Wegbereiter des Jesus von Nazareth gilt. Nach einer Zeit des Rückzugs in der Wüste begann Johannes seine öffentliche Tätigkeit. Aufgrund der außergewöhnlichen geistigen Kraft seiner Worte, folgten ihm viele Menschen, ließen sich von ihm taufen und manche hielten ihn für den Messias. Darauf reagierte Johannes aber mit den Worten: „Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber ein Stärkerer als ich, und ich bin nicht genug, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe auflöse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.” (Lukas 3,16)

Johannes und Jesus haben sich ja bereits vor der Geburt  das erste Mal getroffen, als Maria die Elisabeth, die Mutter des Johannes besucht hatte. Dies weist auf die Bedeutung hin, die die beiden für einander haben. Denn auch Jesus kam dann zu Johannes, und bat ihn um die Taufe im Jordan. Mit dieser Zeremonie half Johannes dem Christus, dem kosmischen Sonnengeist, in den Leib des Jesus von Nazareth einzuziehen. Johannes, der sich in seiner Reifezeit in der Wüste ganz mit den kosmischen Kräften verbunden hat, steht hier als Repräsentant der alten Menschheit – noch ganz mit der geistigen Welt verwoben. Jesus Christus hingegen wählt den umgekehrten Weg, er geht in den physischen Leib hinein, wodurch die Sinneswelt wesentlich und das Menschen-Ich individueller wird. Aufgrund der Verbundenheit der alten Menschheit mit der geistigen Heimat wurde sie gelenkt und geführt. Dies hat nun ein Ende  – jetzt ist es Aufgabe des einzelnen Menschen auf dem Weg zu seinem Menschen-Ich das eigene göttliche Licht zu gebären – sich zu einem schöpferischen Wesen und Mitgestalter zu entwickeln. In Johannes 3, 30 wird das so ausgedrückt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.”Die alte Menschheit, die in der kosmischen Welt das höchste göttliche Wesen erlebt und durch Johannes repräsentiert wird, muss abnehmen. Die neue Menschheit, repräsentiert durch Jesus Christus, muss zunehmen, indem das Christuslicht in jeder Menschenseele auf der Erde zu leuchten und wachsen beginnt.

Zum Naturerleben in der Sommerzeit

Im Frühling holt die zunehmende Sonnenkraft die Pflanzen aus der Erde heraus. Zunächst blühen bodennahe Pflanzen wie Schneeglöckchen, Veilchen, Primeln bis zu den Narzissen. Dann folgen die Obstbäume, gegen Christi Himmelfahrt Weißdorn, Äpfel, Kirschen, die Rosenblüter mit ihrem Duft, Holler und Flieder. Auf den Wiesen wachsen die prächtigen Frühlingsblumen, das Laub der Bäume sprießt, die hellen Triebe der Nadelbäume leuchten. Insekten gehen ihrer Arbeit nach. Hell und lichtdurchflutet präsentiert sich die Natur in Aufbruchsstimmung.

Nach Johanni beginnt ein neuer Zyklus: Die Gräser tragen nun ihre Samenrispen, die Blumenwiesen verblühen, das Grün der Blätter wird dünkler, die Rosen blühen in den Gärten, die Vögel zwitschern und die Insekten summen und laden den Menschen zum Schlafen und Träumen ein. In der schwirrenden sonnendurchfluteten Atmosphäre besuchen Bienen, Hummeln, Schmetterlinge die Blüten. Die wärmenden kosmischen Sonnenkräfte durchfluten die Luft und verbinden sich mit der Erde.

Aus geistiger Sicht  entsprechen die verschiedenen Vorgänge und Abläufe der Natur während der Jahreszeiten dem Atmungsvorgang der Erde, die dabei als lebender Organismus angesehen wird. Steiner beschreibt das Leben der Erde im Jahreslauf und vergleicht die Erlebnisse der Erdenseele mit einem großen Atemzug. Er beginnt mit dem Winter, wo die Erde ihre Seele ganz einatmet und sich ganz nach innen konzentriert. Dies entspricht der Wachheit eines Menschen, der ganz in seiner Mitte, bei sich ist. So erstarrt alles Leben auf der Erde und zieht sich ins Innere zurück, wo unsichtbar  das Frühlingserwachen vorbereitet wird.

Dann erwachen die Tiere aus dem Winterschlaf und die Pfl anzen beginnen zu sprossen. Im Frühling atmet die Erde allmählich aus, sie verströmt ihre Seele, schläft  ein – der Mensch leidet an Frühjahrsmüdigkeit. Zur Johannizeit ist der Schlaf der Erde am tiefsten. Zugleich strömen aus dem Kosmos himmlische Kräfte herunter und vereinen sich mit der Erdengeistigkeit und durchwärmen gemeinsam  den Erdenumkreis. Auch wir sind an dem Ausatmungsprozess der Erde beteiligt. So liebt es auch unsere Seele im Sommer zu träumen. Dem kann der Mensch aber mit Hilfe seines Bewusstseins entgegen wirken, damit das träumen nicht überhand nehme.

Durch die Vereinigung von Kosmos und Erde wird eine große Werdelust lebendig, was besonders im Frühsommer durch das starke Wachstum sichtbar und spürbar ist. Nach Johanni hingegen beginnt alles zu reifen und im Hochsommer in der Erntezeit einen Höhepunkt zu finden.

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