Zwei Seelen in der Brust – Ein Streitgespräch mit mir selbst

Text: Reinhard Apel

Der Herausgeber, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft gibt den Mitgliedern und Freunden in keiner Weise mit Hilfe des Wegweisers Anthroposophie eine Haltung zu Zeiterscheinungen vor. Wie in der letzten Ausgabe klargestellt, sind auch inner- halb des Wegweiser Teams die Meinungen zu Corona nicht einheitlich und brauchen es nicht zu sein. Dieses Gespräch ist als einfaches Beispiel gedacht, wie unterschied- lich sich Meinungen bilden können. Das Folgende ist ein Selbstgespräch basierend auf Unterhaltungen mit anderen Menschen im Umfeld der Anthroposophie.

A: Der eine Wesensteil.

B: Die andere Stimme in mir.

A Ich nehme an, dass ich Dich nicht auf einer Demonstration gegen Coronamaßnahmen antreffen würde.

B Man kann ja glauben seine Freiheit hochzuhalten, indem man als Anthroposoph auf der Corona Demo ein Schild trägt, mit einem Zitat aus der „Philosophie der Freiheit”. Das ist ein Missverstehen von Steiners Werk.

A Dein Ansatz wäre hingegen?

B Ich reiße mich nicht los mit meinen Idealen von der Wirklichkeit, in der ich nun einmal bin, sondern ich gehe mit ihr mit. Unbedingt. Also müsste man dann zur Kenntnis nehmen: Im Moment ist die Soziale Wirklichkeit so und so, jetzt sind die Institutionen so wie sie sind und funktionieren auf ihre typische Art.

A Es wird jetzt zum Beispiel eine Impfpflicht kommen!

B Ich kann mich gerne furchtbar aufregen, aber ich kann nicht in letzter Sekunde glauben, dass ich die Reißleine ziehen kann.

A Denn dann könnte ich mich eben mit den Identitären auf der Demo wiederfinden?

B Man sollte quasi mit der Sozialen Wirklichkeit, die im Moment da ist, verschmelzen, voll darinnen stehen und aus diesem Zustand heraus eine Erneuerung versuchen. Mit den anderen Menschen gemeinsam.

A Also nicht sagen: Ich beharre jetzt nur für mich auf meinem Standpunkt.

B Das ist einfach ein falscher Freiheitsbegriff, im sozialen Zusammenhang nur auf der eigenen Freiheit zu bestehen. Freiheit hat immer auch mit Verantwortung zu tun. Wenn man mit mehreren Menschen in einem sozialen Gefüge ist, hat jede einzelne Handlung ihre Folgen. Man ist nie völlig autonom. Im Denken ist der einzig völlig autonome Bereich, der mir aber ermöglicht wird, dadurch, dass ich als Ausbildung gewisse Grundlagen von Anderen bekomme, damit ich mir diesen Freiheitspol überhaupt bilden kann, und dass mein Leib durch die arbeitsteilige Wirtschaft versorgt wird.

Der Solidaritätsgedanke

Der Solidaritätsgedanke des pandemischen Zustands ist einfach, dass es darum geht, andere nicht zu infizieren und das Infektionsgeschehen im Ganzen zu verlangsamen. Die Menschen, in einer gesundheitlichen Notlage, sind ausreichend zu versorgen. Und da wir jetzt die Impfung haben, die bis jetzt erwiesenermaßen ausreichend schützt, soll man das Impfgeschehen so schnell wie möglich vollziehen. Das ist die soziale Solidaritätsaufgabe jetzt. A Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen der jüngeren Generation, die oftmals mit den Coronamaßnahmen gerne mitziehen, sich angezogen fühlen von diesem Gedanken der Solidarität. Es könnte ja sein, dass er ein tieferes Motiv in den Seelen ist, stärker vorhanden als in meiner Generation. Und wenn es anklingt in der Pandemiebekämpfung, ergibt sich eine sehr starke Resonanz. Dann wäre es eigentlich ein Herumgefitzel zu fragen, ob der chinesische Impfstoff bei uns nicht zugelassen sein sollte. Vielleicht verstehe ich so diese für mich fernliegende Haltung zu den Maßnahmen besser, wenn ich annehme, dass die Frage, ob man BionTech einfach vertrauen soll, oder warum die Totimpfstoffe nicht mitspielen dürfen, unbedeutende Details werden gegenüber der großen Geste der Solidarität. Die innere Geste des Miteinanders, des nicht Vergessens, dass wir alle zusammenhängen wäre es dann, was bei solchen Menschen das Herz bewegt und nicht die Frage des Teleskopverfahrens. Jetzt will einmal vor allem diese Solidaritätsgeste gemacht werden. Geht es darum?

Der Wissenschaft vertrauen

B Es ist auf jeden Fall das Wesentliche den Fokus auf den Solidaritätsgedanken zu legen. Das kommt bei mir aber nicht vom Lebensalter, sondern vom Ansatz, wie ich an den Sozialen Organismus herangehe. Das andere ist einfach das Vertrauen in die Wissenschaft, die eine sich Verändernde ist und immer neu lernt, mit dem Virus umzugehen. Man hat einfach gelernt durch Erfahrungen, die aus Israel neu dazugekommen sind, wie lange etwa der Impfschutz andauert. Du regst Dich jetzt auf, weil er schwächer ist, als erwartet!

A Ich wäre schon jemand, der es dann genauer wissen will. Das Impfen war doch immer die einzige Lösung. Ich frage schon, warum die Antikörper aus einer durchgemachten Infektion nicht ausreichend schützen, solange der Wert hoch genug ist. Mein Eindruck ist, es muss unbedingt, wirklich unbedingt ein mRNA Impfstoff, verimpft werden. Alles andere wird an den Rand gedrängt. Über mRNA wird nur Gutes gesagt und Kritik ist mehr als unerwünscht. Fragen werden nicht beantwortet.

B Vielleicht ist das nur Dein Ausschnitt der Wahrnehmung. Es wurde aus meiner Sicht ausreichend viel beantwortet. Manches ist auch noch nicht klar.

A Am Anfang der Pandemie, wo Klopapier gehortet wurde, da war die Frage, was ist jetzt wirklich gefährlich. Dann kam nach einiger Zeit noch 2020 durch die Heinsberg Studie in Bonn (Deutschland) heraus, dass Schmierinfektionen unbedeutend sind. Es gibt Viren auf Türklinken, aber sie sind inaktiv, quasi tot. Damit war Händewaschen unwichtig geworden. Dies wurde nicht als Information durchgelassen. Es hieß lange Zeit: unbedingt Händewäschen.

B Händewaschen kann nie schaden. Das ist einfach ein Teil der Hygienemaßnahmen bei erhöhter Inzidenz. Ich kann mich an diese Debatte nicht mehr genau erinnern, glaube aber schon, dass es da Stellungnahmen gegeben hat. Man soll auch die Leitlinien in der Pandemie nicht dauernd ändern, denn das stiftet nur Verwirrung.

Zugänge zur Pandemie

A Okay, Ich versuche nur den Unterschied zwischen uns herauszuarbeiten. Ich war 2020 bald interessiert daran zu erfahren, ob es andere Erkenntnisse gibt als im offiziellen Narrativ enthalten. Das kommt bei mir aus der Anti-Atom Zeit, wo es auch ein offizielles Narrativ gab, welches sehr, sehr überzeugend war. Und über die, die es nicht akzeptierten hieß es: Atomkraftgegner überwintern, bei Dunkelheit mit kaltem Hintern. Die wollen nicht dafür sorgen, dass wir in Zukunft genug Strom haben! Atomkraftgegner sind doch recht asozial und – jetzt kommts – fortschrittsfeindlich. Impfen via RNA ist eben jetzt der Fortschritt. Nur war die Kraft hinter der Kampagne wider die Gegner nicht so übermächtig und in allen Medien präsent. Täglich und immer. Es gab auch nicht so Etwas wie die Maskenpflicht, den Lockdown oder die Impfpflicht, wo man sofort mitzumachen hatte. Man war als Skeptiker geschult darin, sich nicht von der Welle wegspülen zu lassen, sondern zu versuchen, ein eigenes Verständnis zu erlangen. Es war sogar schön, Widersprüche in der Atomlogik zu finden. Da baute man gedanklich weiter. Ich bin perplex, dass sogar diejenigen, die aus dieser Bewegung hervorgegangen sind als Partei, Die Grünen, diesmal sagen: „Deine eigenen Gedanken sind jetzt gar nicht dran. Geh mit uns und dem offiziellen Narrativ mit, sonst stehst Du auf der Demo neben Gottfried Küssel.“ Damals hieß es von bürgerlicher Seite: „Geh nicht zur Demo, dort sind Kommunisten, die uns an Moskau ausliefern wollen.“ B Die Medien haben ja gesagt, sie wären anfangs zu unkritisch gewesen, wegen der Ungewissheit über die Pandemie. Und die Rechten auf den Demos sind wirklich gewaltbereit. Die Grünen haben eben Informationen, die nur die Staatsspitze hat.

A Es ist einfach interessant, wie unterschiedlich die Situation verarbeitet wurde zum Beispiel von uns beiden. Es gibt offenbar Leute, die ganz selbstverständlich die Solidaritätsgeste gesehen haben. Solidarität kommt aber freiwillig aus der Seele. Wenn eine Autorität mir Solidarität gebietet, ist es keine aus dem Herzen kommende Solidarität mehr. Wird öffentlich der Druck zu stark, dann wird man leicht störrisch. Wer schon geimpft ist, wird die Impfpflicht natürlich nicht als Einschränkung empfinden. Aber die anderen fühlen sich gezwungen. Will ich denn, dass ein Teil der Bevölkerung sich radikalisiert? Da ruiniert man ja auch etwas in den seelischen Bereichen, man zerstört Vertrauen und Konsens.

Rechte und Pflichten

B Man hat einfach im sozialen Leben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. So sehe ich die Impfpflicht. Ich bin das meinen Mitmenschen schuldig. Ich glaube man hat in der Not der Pandemie keine Zeit für eine lange Debatte. Man hat gesehen, was in China passierte und auch was in Oberitalien los war. Diese Pandemie ist eben etwas Ungewöhnliches. Die Chinesen haben ja 2020 nicht zum Spaß ihre Bevölkerung eingesperrt, mit einem völligen Ausgehverbot. Sie wollten sicher nicht aus Jux ihre eigene Wirtschaft lahmlegen. Jetzt in Protest zu gehen, ist ein Mangel an sozialem Verständnis.

A Ist es wirklich richtig zu sagen: “Nun weht der raue Wind der Pandemie und da braucht man eben einen Kapitän. Entweder bist Du jetzt Matrose, oder Du bist Passagier in der Kajüte. Ende.“

B Die Leute, die jetzt wegen ihrem Freiheitsverständnis an der sozialen Wirklichkeit anstoßen, merken eventuell erstmals, dass unsere Sozialordnung so ist wie sie ist. Sie wollen nur die Pandemie anders gehandhabt sehen, sonst passt ihnen ja alles. Wo waren die meisten davon bei den Demos von Fridays For Future? Wo waren sie bei anderen Aktionen? All diese Energie des Protestes wird nur dieses eine Mal aufgewendet. Hier und jetzt läuft der gesellschaftliche Prozess notwendigerweise in den aktuellen Bahnen. Um demokratischere Strukturen hätte man sich früher kümmern müssen, wenn sie 2021 da sein sollen. Die Menschen haben in dieser Hinsicht geschlafen und manche laufen im Moment herum, wie aufgeregte Hühner. Im Übrigen sind unsere Institutionen schon demokratisch legitimiert. Die Schweiz hatte sogar eine Volksabstimmung, die ihr Covid Gesetz und das Covid Zertifikat als bindend bestätigt hat. So what?

A Ich habe 2020 Die Grünen sicher nicht gewählt, damit sie mir jetzt drastische Vorschriften machen.

B Niemand hat 2020 in Bezug auf eine Pandemie gewählt. Wer andere, beweglichere politische Strukturen will, sollte sich dauerhaft dafür engagieren.

Gesamtpersönlichkeit: Ruhe ihr zwei! Ich muss euer Gespräch jetzt verarbeiten.

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