Text: Susanne Koczan
Auch dem nicht bibelfesten Leser sind die Berichte von Kreuzigung und Auferstehung Christi zumindest in groben Zügen bekannt, stellen sie doch das zentrale Element der Evangelien und des christlichen Glaubens überhaupt dar. Was hat aber diese Erzählung, diese Ereignisfolge – Verrat durch Judas, Verurteilung durch Pontius Pilatus im Verein mit den jüdischen Würdenträgern, Züchtigung, Verspottung, Kreuztragung und Kreuzigung, letzte Worte am Kreuz, Tod, Grablegung mit nachfolgender Auferstehung – mit uns heutigen Menschen konkret zu tun? Inwiefern betrifft uns das heute noch? Ist das nur eine erbauliche Geschichte?
Eine heilige Waffe als Auslöser
Das Johannesevangelium gibt uns einen knappen, aber entscheidenden Hinweis auf den entscheidenden Augenblick, der die menschliche Weiterentwicklung ermöglicht hat (Joh. 19, 33-35 in der deutschen Einheitsübersetzung): „Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt.“ Johannes begnügt sich nicht mit der bloßen Feststellung der Tat des römischen Hauptmanns Longinus und ihren Folgen, sondern er braucht für die Bekräftigung seiner Beobachtung noch zwei weitere Sätze – warum diese Redundanz? Weil bei einem bereits toten Menschen, der mehrere Stunden am Kreuz hing, durch einen Lanzenstich im oberen Körperbereich nicht „Blut und Wasser“ heraustreten können, das ist physiologisch unmöglich, und schon gar nicht in einem sichtbaren Ausmaß, wenn man als Beobachter in einiger Entfernung von Kreuz steht. Wie ist diese Beobachtung des Johannes zu deuten? (Die Bedeutung des Lanzenstiches war offenbar im 9. Jh. noch im christlichen Bewusstsein vorhanden, denn die mit dem Blut Christi in Berührung gekommene Lanze wurde damals als „heilig“ bezeichnet und war als Reliquie begehrt. Sie wurde das erste der Reichskleinodien des Heiligen Römischen Reiches.)
Das Mysterium von Golgatha
Aus geisteswissenschaftlicher Sicht handelte es sich bei diesem hellen Blutstrahl um das lebendige, ätherisierte, geläuterte Blut Christi, frei von Einwirkungen zurückgebliebener Geister (Widersacher) und Egoismen, das von der Wunde herabfloss und sich mit der Erde, dem Erdboden vereinigte. Nach Rudolf Steiner stellt dies das Momentum des „Mysteriums von Golgatha“ dar. Das lebendige Blut Christi – und letztlich der Sonnengeist selbst – verband sich mit der Erde und dem Schicksal der sie bewohnenden Menschen in einer beispiellosen und einmaligen Opfertat. In diesem Moment wäre – so Steiner – einem hellsichtigen Betrachter der Vorgänge eine Belebung des Äther- und Astralkörpers der Erde aufgefallen. Ätherkräfte strömen seitdem nicht nur von der Sonne zur Erde, sondern auch von dieser in den Kosmos. Es sind damit die Voraussetzungen gegeben, dass wir Menschen als Kinder der Erde und damit Teilhabende an ihrem Astral und Ätherkörper mit unserem ICH (Höheren Selbst), das als physischen Träger das Blut hat, die materielle Welt voll durchdringen können. Wir können zu Entdeckern, Schöpfern und Gestaltern im materiellen Bereich werden, was wir in den letzten fünfhundert Jahren durch die Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik eindrucksvoll bewiesen haben.
Doch das ist nur eine Durchgangsphase in unserer Entwicklung, die der Christus uns ermöglicht hat. Noch weit wichtiger ist, dass der Mensch sich durch die Christustat seiner Individualität, seiner Verbundenheit mit allen Menschen und Geschöpfen, aber auch seiner Verantwortung, über die materielle Welt hinaus an sich und seinen höheren Leibern zu arbeiten, bewusst wird. Damit kann er seinen Beitrag, sein Scherflein zur Vollendung der Weltenentwicklung in einer fernen Zukunft in Dankbarkeit dem hohen geistigen Wesen Christus gegenüber leisten. Der Mensch wird, wenn diese Aufgaben gelingen, aus den Tiefen der materiellen wieder in die Höhen der geistigen Welt aufsteigen können, und zwar im vollen Bewusstsein beider Reiche.
Die Rolle der Römer
Gottvater hat zur Zeitenwende seinen Sohn für das Wohl der Menschheit hingeopfert. Das Schicksal des zukünftigen Messias war schon zu Zeiten des Alten Testaments den Propheten bekannt und wurde vorhergesagt. Der göttliche Wille musste daher erfüllt werden, der Kelch konnte an diesem Spross des jüdischen Volkes nicht vorübergehen. Bedenkenswert erscheint das Eingreifen der Vertreter der „bösen Besatzungsmacht“ Rom in der Provinz Judäa in das Geschehen. Ein von der Unschuld Jesu von Nazareth überzeugter Statthalter Pontius Pilatus gab, man kann fast sagen: erpresst durch die religiösen Vertreter des jüdischen Volkes, widerwillig schließlich doch den – juristisch gesehen – notwendigen Befehl zur Kreuzigung. Danach erst konnte das Geschehen seinen Lauf nehmen. Römische Soldaten erfüllten alttestamentarische Prophezeiungen durch Teilen der Kleidung Christi und Werfen des Loses um seinen in einem Stück gefertigten Rock. Schließlich öffnete der Soldat Longinus die rechte Seite des Gekreuzigten mit der Lanze – vermutlich, um den Tod festzustellen. Der Blutstrom konnte sich dadurch mit der Erde vereinigen – auch das (vermeintlich?) Böse dient als Werkzeug Gottes! Wir sind damit wieder bei Goethe: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“
Die Reise des/zum lebendigen Blut/es
Die Legende vom Heiligen Gral hängt eng mit dem lebendigen Blut Christi zusammen. Joseph von Arimathäa soll den kostbaren Körpersaft in diesem Gefäß aufgefangen und nach (West)Europa gebracht haben, als es zur Christenverfolgung in Judäa kam. Nach einer anderen Version der Sage wurde der Gral von Engeln nach Europa getragen – das lebendige Blut wurde jedenfalls an verschiedenen Stellen in die Erde Europas geträufelt. Es handelt sich dabei um jenes Gefäß, das vom Christus Jesus schon beim letzten Abendmahl verwendet wurde. Beim Sturz des Luzifers auf die Erde soll ein Edelstein aus seiner Krone gebrochen und für die Herstellung des Grals verwendet worden sein. Dieser mächtige Stein war dazu fähig, das lebendige Blut aufzubewahren.
Den Heiligen Gral in der äußeren, materiellen Welt zu suchen, ist müßig; der Mensch findet ihn nach Rudolf Steiner in sich selbst: „… aber wenn der Mensch in seinem innersten Heiligtum sich gefunden hat, wird er auch da hineintreten dürfen und finden den Heiligen Gral. Wie aus wunderbar glitzernden Kristallen geschliffen, welche Symbole und Buchstaben formen, wird sich ihm das Gefäß zunächst zeigen, bis er allmählich den heiligen Inhalt empfindet, so dass er für ihn leuchtet im goldenen Glanze. In die Mysterienstätte seines eigenen Herzens steigt ein Mensch hinein, dann geht ein göttliches Wesen aus dieser Stätte hervor und verbindet sich mit dem Gott draußen, mit dem Christus-Wesen. Es lebt in dem geistigen Lichte, welches hineinstrahlt in das Gefäß und dieses dadurch heiligt.“ (GA 265) Eine schöne und lohnende Meditation, nicht nur für die Osterzeit!
