Text und Bild: Norbert Liszt
Der Kunstgriff, viel Leben zu haben.
„Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.“ aus Goethes Essay „Die Natur“
Im Jahreslauf der Natur können wir erleben, wie die Pflanze wächst, Wurzeln, Blätter, Blüten und Früchte bildet und wie sich in den Früchten die Samen für das neue Werden entwickeln. Die Pflanze stirbt ab und auch die Samen scheinen totes Material zu sein. Doch, werden die Samen in die Erde eingebracht, wird daraus eine neue Pflanze.
Auch in unserem Körper gibt es Sterbe- und Werdeprozesse. Am deutlichsten offenbart sich das in unserem Blut. Die Substanzen unseres Blutes erneuern sich ständig und dieses Erneuern kann nur stattfinden, wenn das „alte“ Blut vernichtet wird. Dieses „Stirb und Werde“ unseres Blutes hängt mit seiner Besonderheit zusammen.
Diese Besonderheit findet in einem der bedeutendsten Werke der Weltliteratur Erwähnung, in Goethes Faust. Darin wird Heinrich Faust von Mephistopheles dazu veranlasst, einen teuflischen Pakt mit seinem Blut zu unterzeichnen. Der Teufel weiß, wenn er auf sein Blut wirken kann, hat er Macht über das, was den Menschen zum Menschen macht. Denn „das Blut ist ein ganz besonderer Saft“, der Ausdruck dessen ist, was dem Menschenleben die Richtung gibt.
Was macht das Blut zum besonderen Saft?
Das Blut durchströmt den ganzen Körper. Es ist in jedem Köperabschnitt das gleiche Blut, obwohl es unterschiedliche Stoffe transportiert und an die diversen Körperorgane abgibt. Ernährung, Wachstum und Erhaltung unserer Körperorgane und -funktionen sind von dem fließenden Organ abhängig, das in unendlich vielen Verzweigungen alle Körperteile durchströmt.
Dabei nimmt es belebende Stoffe auf, wie zum Beispiel den Sauerstoff und Nahrungsbestandteile. Es nimmt aber auch abgeschiedene Substanzen der Organe und Abgestorbenes auf, um sie der Ausscheidung zuzuführen. Blieben sie im Körper, würden sie ihn vergiften. Leben heißt also eine funktionierende Durchblutung zu haben. Nicht nur die Blutzellen werden ständig vernichtet und erneuert, das Durchströmen des Blutes ermöglicht auch das schadlose Absterben und Erneuern aller Organzellen.
Doch das Blut ist mehr als nur ein materieller Stoff. Es wird von einem seelisch-geistigen Element durchzogen und ist somit physischer Repräsentant unseres innersten Wesens, unsers Ichs. Wie das Ich Körper, Seele und Geist zu einer Ganzheit zusammenfasst, so verwebt das Blut alle Einzelorgane unseres Körpers zu einer funktionierenden Ganzheit. Als die körperliche Äußerung des Ich, hat das Blut die Tendenz in dessen Geistigkeit auszufließen und selbst geistig zu werden, sich in Geist aufzulösen. Das muss aber verhindert werden, da unsere leibliche Existenz von der physischen Konsistenz des Blutes abhängig ist. Deshalb muss es dauernd vernichtet und neu gebildet werden. „Daher haben wir immerwährend in uns: Bildung des Blutes – Vernichtung des Blutes, Bildung des Blutes – Vernichtung des Blutes und so weiter“¹.
Der Lebendigkeit und Einheitlichkeit des Blutes steht das unlebendige, in Funktionsbereiche gegliederte Nervensystem gegenüber. Die Nerven haben eine sehr geringe Regenerationsfähigkeit. Stirbt Nervengewebe ab, weil es nicht mehr durchblutet wird, wie z.B. bei einem Schlaganfall, kann es sich nicht mehr regenerieren. Das Nervensystem ist das Beständige, Unlebendige in unserem Körper, das Blut das Lebendige, Wandelbare. Das Gedankliche (Vorstellungen, Ideen, Erinnerungen) ist geistiger Natur und benötigt eine Struktur, die sich ihm hingibt und kaum ein Eigenleben hat. Der Nervenorganismus ist die Struktur, in der das Geistige fließen kann, wie im durchsichtigen Glas das Licht. Das Blut aber nimmt das Geistige in sich auf und vermittelt es dem gesamten Organismus.
Vereinfacht ausgedrückt: Im Nervensystem äußert sich das Denken. Im Blut äußert sich der Wille, der den Organismus zu einer funktionierenden Ganzheit macht.
Der faustische Erkenntnisdrang
Unser geistiger Kern, unser Ich, sorgt auch für anhaltende Weiterentwicklung unseres Wesens und damit auch für den Fortgang des Weltgeschehens. Das ist mit einem beständigen Stirb- und Werde-Prozess verbunden. Zwei Zeitrichtungen treffen aufeinander. Alle Erscheinungen haben Vergangenheit, werden alt und vergehen. Sie haben aber auch Zukunft und bilden sich neu. Wenn Altes keine Früchte mehr trägt, kann es in Neues verwandelt werden und das ist meiner Meinung nach das Grundthema der Faustsage. Ich denke, mit Faust sind wir alle gemeint, denn an uns allen kann sich im übertragenen Sinn das Faustdrama ereignen.
Goethes Werk beginnt mit der Darstellung von Heinrich Fausts verzweifeltem Erkenntnisdrang in der Studierstube. Vieles hat er studiert und doch weiß er nicht, „Was die Welt im Innersten zusammenhält“. Der unproduktive Wissensqualm nagt an seiner Lebensfreude und bringt ihn an den Rand des Todes. Er will nicht mehr in Büchern kramen und an Altbewahrtem hängen, sondern in den Strom der wirkenden Natur eintauchen. Es drängt ihn, zu den Quellen alles Seins zu gelangen. Das führt ihn aber zunächst in die Hände der Widersachermacht. Mephistopheles will Heinrich unter seine Gewalt bringen und ihn auf seine teuflischen Wege leiten. Die Macht der Selbstheit will er ihm rauben und seinem teuflischen Willen unterwerfen, bis seine Lebenskräfte in Willenlosigkeit erlahmen.
Daher der mit Blut gezeichnete Vertrag: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“ In diesem besonderen Saft gärt es. Teuflisches und Menschliches fließen ineinander. Kann sich der Mensch in dieser Gärung behaupten oder obsiegt der Widersacher? Faust ist davon überzeugt, dass er sich niemals zum Knecht der Pläne des Teufels machen lassen wird. Niemals wird er ihn dazu bringen, sich auf ein Faulbett zu legen. Mit Herzblut will er immer strebend sich bemühen.
Die menschliche Seele ist der Ort, in dem das Weltgeschehen immer weiterfließt. Im Strom des Weltgeschehens stehend, will Faust sich diesem nicht willenlos hingeben, sondern seine Eigenheit behaupten. Immer strebend, immer im Fluss bleibend kann er der hemmenden und verführenden Macht des Teufels entkommen. Doch ohne diesen Verführer, der ihm durch seine Magie alles Begehren billig erfüllen und ihm zu einem bequemen Leben verleiten möchte, würde Fausts Streben erlahmen. Mephistopheles wird damit zum Geburtshelfer seines Entwicklungsdranges. Aus der Fremdbestimmung und lähmenden Bequemlichkeit muss er sich stets mit eigener Willenskraft herausretten. Die Gottheit traut es ihm jedenfalls zu. Im „Prolog im Himmel“ sagt der Herr zum Teufel: „Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab, … und steh beschämt, wenn du bekennen musst: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“
Die Versuchungen der modernen Lebenswelt
Steckt nicht eine Versuchermacht in unserer modernen Lebenswelt, die uns in Form von künstlicher Intelligenz, digitaler Machwerke, sozialer und sonstiger Medien und Konsumwelt – eine bessere Zukunft verspricht? Es ist keine Frage, dass diese Einrichtungen in vielen Bereichen hilfreich sind. Unglaublich viel Neues wird entwickelt, doch ist Vorsicht geboten und zu fragen: Beflügelt oder hemmt dieses Neue unseren Geist? Die Regelwerke dieser Systeme können uns leicht entgleiten und sich gegen uns richten. Wenn nicht wir sie, sondern sie uns beherrschen, besteht die Gefahr, dass wir Menschen ihnen ähnlich werden und ihrem Funktionalismus folgen. Immer müssen wir auf der Hut sein. Immer müssen wir uns fragen, ob wir es sind, die diese Systeme beherrschen, oder ob es umgekehrt ist, und ob sie den Mut, uns des eigenen Verstandes zu bedienen, fördern oder hemmen. Es ist besondere Vorsicht geboten, unser Leben einer immer unkontrollierbarer werdenden Technologie anzuvertrauen. Denn die Gefahr besteht, dass wir uns selbst an sie verlieren.
Sind nicht gerade unsere heutigen Möglichkeiten dieser all unsere Lebensbereiche betreffenden technologischen Neuerungen das Mittel der Versuchermacht der Faustsage, sich in ihnen auszuleben. Der Umgang mit der KI wird gegenwärtig lebhaft diskutiert, denn sie gibt vor, intelligent zu sein. Handelt es sich hier aber wirklich um Intelligenz oder um bloß konservierte menschliche Intelligenz mit allen möglichen Beigaben? Man sagt auch: Die KI ist lernfähig. Doch ist es ein Lernen im menschlichen Sinne oder ist sie nur eine Mischung alten Wissens und vieler Belanglosigkeiten, die in einem neuen Gewand daherkommt und uns zu einer weitgehend unproduktiven Vielwisserei verleitet? Auf diese Weise hält sie uns möglicherweise davon ab, Altes, Abgelebtes verwelken zu lassen, damit Neues geschaffen werden kann. Ein seelisches Sterben wäre die Folge. Dann hat man ein Leben, dem der Tod stets an den Fersen klebt.
Die Frage wird sein, wie wir von der Künstlichkeit zur Kunst finden, denn die Kunst will nicht beharren, sie ist regsam, will um- und neugestalten. Im günstigsten Fall will sie es zum Wohl der Menschen. Das kann keine Maschine für uns tun, denn nur menschliche Intelligenz ist dazu in der Lage. Sie funktioniert anders als die Einrichtungen der virtuellen Welt. Diese sind vor allem ein Bewahrungskonstrukt, während das menschliche Bewusstsein ein Vergessen kennt. Das Gelernte geht im Grunde nicht verloren, aber es muss vergessen werden können, damit es sich in eine Fähigkeit verwandeln kann. Das Schreibenlernen ist beispielhaft für die Kunst des Vergessens. Haben wir einmal das Schreiben gelernt, fließt die Schrift aus der Feder, ohne darüber nachzudenken, wie die Buchstaben zu formen sind. Das Vergessen rettet uns davor, alles zu bewahren und schafft Platz und spart Kraft für das, was sich entwickeln will.
Heinrich Fausts Lebensgeschichte konfrontiert uns mit der Frage: „Ist noch Lebensblut im Gegenwärtigen, Gewohnten oder ist es schon im Absterben? Lassen wir es Sterben, um mehr Leben zu haben oder konservieren wir das verwelkende Alte?“
