Text: Ingrid Haselberger
„Stirb und werde!” – eine auf den ersten Blick etwas herbe Zeile. Wer stirbt schon gerne?
Lebendig sein bedeutet das ständige Aufgeben jedes einmal erreichten „sicheren“ Zustandes. Schon wenn wir einen Schritt machen, können wir bemerken: Zuerst stehen wir fest auf beiden Beinen, dann heben wir ein Bein und begeben uns in einen instabilen Übergangszustand. Nur indem wir den sicheren Stand aufgeben, können wir weiter schreiten. Darüber machen wir uns beim Gehen gewöhnlich keine Gedanken. Aber in vielen anderen Situationen scheuen wir Veränderungen. Es fühlt sich sicherer an, einen Zustand zu bewahren, an den wir uns gewöhnt haben.
Doch wollen wir für Neues und Zukünftiges off en sein, so kommen wir nicht umhin, Altes in uns „sterben“ zu lassen: Gewohnheiten aus der Vergangenheit, oder auch feste Erwartungen, die die Zukunft „fixieren“ wollen – der Teil von uns, der aus der Vergangenheit kommt, in der Gegenwart mit sich verändernden Bedingungen kämpft und sich dennoch am liebsten auch in der Zukunft unverändert bewahren würde, dieser Teil muss sterben und Platz machen für zukünftiges Neues.
Als Sängerin und Gesangslehrerin erlebe ich diese Herausforderung folgendermaßen: Schon während des Gesangstudiums geht es darum, die eigene Stimme auf neue Art zu gebrauchen. Instinktiv habe ich mich zunächst dagegen gewehrt, denn die Stimme klingt komisch, sie fühlt sich ungewohnt an. Auch ist mir das manchmal peinlich, ich habe Angst, nicht den richtigen Ton zu treffen, wenn ich es anders mache als bisher – es braucht nicht nur den Lernwillen, sondern auch den Mut, Gewohntes los- und sich auf Neues einzulassen.
Wenn ich eine Arie einstudiere, entsteht schon beim Lesen des Textes in mir eine erste Interpretation. Dann setze ich mich mit der Vertonung auseinander – oh, der Komponist betont ganz anders, die Atempausen sind an anderen Stellen… daher muss meine erste Interpretation „sterben“ – und so arbeite ich zunächst für mich, bis ich eine Interpretation gefunden habe, die sowohl dem Text als auch der Musik gerecht wird.
So vorbereitet gehe ich in die erste Probe – um zu erleben, dass der Dirigent (oder der Regisseur – das wäre nochmal ein extra Kapitel…) etwas ganz anderes von mir will! Dann heißt es, die eigene Version, die ich mit viel Mühe errungen habe, „sterben“ zu lassen und gemeinsam ganz Neues zu erschaffen, das uns im Idealfall zu etwas führt, was weit hinausgeht über das, was jeder sich allein vorstellt.
Auch im Alltag können wir uns fragen: Halte ich um jeden Preis an meinen bisher gewonnenen Überzeugungen fest, oder öffne ich mich dafür, dass als Frucht eines Gespräches etwas Neues in uns entstehen kann?
Ich denke dabei auch an eine Meditationsübung von Rudolf Steiner:
Zuerst erschaffen wir in uns mit aller Kraft ein Bild, detailliert und in leuchtenden Farben – um es danach wieder „sterben“ zu lassen: denn erst das wieder leer gemachte Bewusstsein ist bereit für Wahrnehmungen in der geistigen Welt.
Damit zusammenklingend lässt Gustav Mahler in seiner „Auferstehungssymphonie“ den Chor singen: »Was entstanden ist, das muss vergehen. Was vergangen, auferstehen!«
In diesem Sinne: Frohe Ostern!
