Achtung Natur

Text: Norbert Liszt, Wien

Achtung, die Natur leidet an unserer Lebensweise und überträgt uns ihre Krankheitssymptome! Was sie krank macht, ist auch unserer Gesundheit nicht zuträglich.

Die Natur ist nicht nur um uns, sie ist auch in uns. Und auch die uns umgebende Natur hängt viel mehr mit uns zusammen, als wir wahrhaben wollen. Unser Bewusstsein erlaubt uns, zu ihr auf Distanz zu gehen und uns ihr als selbständige Wesen gegenüberstellen. Wir haben dadurch die Möglichkeit  Freiheitswege zu gehen und uns nicht von ihren Einwirkungen bestimmen zu lassen. Diese Gegenüberstellung hat aber auch ihre Tücken. Der Wechsel von Distanz und Nähe zur Natur, der der freiheitsstrebenden Menschenseele möglich ist und ihr förderlich sein kann, verlangt viel Feingefühl. Seele und Leiblichkeit des Menschen als auch die Natur leiden mitunter erheblich, wenn diese Sensibilität nicht aufgebracht wird.

Fehlende Feinfühligkeit begegnet uns in vielen Bereichen. Die schier unendliche Produktivität der Natur verleitet uns zu maßlosem Raubbau an ihren Produkten und sie muss noch dazu unsere denaturierten Abfälle verdauen. Vieles kann sie erdulden. Sie zeigt uns aber auch, dass unsere Macht über sie ohne Kenntnis ihres Wesens schlimme Wirkungen mit sich bringt. Sie lebt in uns und wir in ihr. Somit haben wir ein gemeinsames Schicksal. Wir bilden mit ihr einen organischen Verbund. Es besteht die Gefahr, diesem Verbund und der Ganzheitlichkeit der Natur zu wenig Bedeutung beizumessen. Deshalb ist das Bemühen, Form und Art unseres Zusammenhangs mit den Naturvorgängen und der Naturdinge untereinander zu verstehen, und das Einzelne in seinem Bezug zum Ganzen zu sehen, heute wichtiger denn je. „In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, …“ (J.W. Goethe, Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt)

Umwelt- und Klimaschutz in aller Munde

Seit einiger Zeit ist der Umwelt- und Klimaschutz in aller Munde. Was der „grünen“ Bewegung schon seit längerem ein Anliegen ist, wurde durch die Initiative der jungen Schwedin Greta Thunberg zu einer hippen Angelegenheit. Interessant ist, dass die Umweltbewegung gerade ab diesem Zeitpunkt so viel Tempo aufgenommen hat. Selbst die großen Konzerne, die früher die Mahnungen der Umweltschützer in den Wind geschlagen haben, ziehen sich seit kurzem einen grünen Mantel an. Auch die Politik springt auf den Zug Richtung Klimapflege auf. Das sind im Grunde positive Zeichen. Es wird sich jedoch noch zeigen, ob es nur Modeerscheinung oder nachhaltige Bemühung ist.

Es gibt auf diesem Gebiet schon viele Ideen und Konzepte. Auch die Medien geben dem Klima immer mehr Raum. Was fehlt, sind weitreichende Realisierungsmaßnahmen. Mit den Worten Greta Thunbergs: „Ihr wisst es und tut nichts!“

Das Plastiksackerl verschwindet zwar langsam aus unseren Einkaufstempeln, doch die vielen Verpackungen und Flaschen aus Plastik bleiben erhalten und das Diktat des immerwährenden Wirtschaftswachstums fordert steigende Energiebereitstellung. Es zeigt sich derzeit, dass es noch sehr düster bezüglich regenerativer Kreislaufwirtschaft und Umstellung auf erneuerbare und CO2-arme Energiegewinnung aussieht. „Wissen allein hilft nicht, man muss auch anwenden; es ist auch nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“ (frei nach Goethe)

Unser Klima im Zusammenhang mit dem CO2 Gehalt

In der Wochenschrift „Das Goetheanum“ (Ausgabe 36, vom 6. Sept. 2019) gab es einen sehr interessanten Artikel von Herrn Hans-Ulrich Schmutz zu lesen: „Vom Klimawandel zum Klimabruch“. Herr Schmutz beschreibt darin, dass es schon immer Klimaschwankungen im Zusammenhang mit kosmischen Rhythmen gab. Seit längerer Zeit ist aber auch der Mensch mit seinen Einwirkungen auf die Natur zu einem zusätzlichen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden. Die natürlichen Langzeitrhythmen – Kreiselbewegung der Erdachse, Wechsel von Sonnennähe und –ferne, Neigungswinkel der Erdachse, Abweichungen von der elliptischen Erdbahn – waren schon immer ausschlaggebend für Wärme- und Kälteperioden (Eiszeit/Zwischeneiszeit).

Viele Forschungsergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen Temperaturschwankungen und Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre. Die Variation des atmosphärischen CO2 Gehaltes bewegte sich zwischen 180 und 280 ppm (1ppm = ein millionster Teil). Die hohen CO2-Werte standen im Zusammenhang mit den Wärmephasen. Diese atmosphärischen Veränderungen, zu denen auch Vulkantätigkeit, Meeresströmungen etc. beitragen, waren eingebunden in langzeitig ablaufende rhythmische Prozesse.

Gegenwärtige Entwicklung

Zitat im oben genannten Artikel: „Gemäß den kosmischen Impulsen wäre seit einigen Jahrhunderten angezeigt, dass die Erde durch eine allmähliche Abkühlung um etwa 4 Grad wieder in eine nächste Eiszeit eintreten würde.“

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=694303

Neue Messergebnisse zeigen nun, dass der CO2-Gehalt in den letzten 150 Jahren von 280 ppm (1870) auf 315 ppm nach dem Zweiten Weltkrieg bis auf 410 ppm im Jahr 2019 angestiegen ist.

Diese Daten machen deutlich, dass nicht nur der Gehalt an CO2 stark zugenommen hat, sondern, dass dieser Anstieg in extrem beschleunigter Weise erfolgte.

Diese Sicht auf die heutige Lage unseres Klimas wird von anderen Wissenschaftlern, welche meinen, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre keinen Treibhauseffekt hat, in Frage gestellt. Dass es Luftverschmutzung gibt, kann aber kaum geleugnet werden, ob sie den Treibhauseffekt bewirkt oder nicht.

Was kann helfen?

Was auch immer die Forschungsergebnisse in der Klimafrage liefern, die Natur leidet in vielen Bereichen an der Art und Weise, wie wir sie behandeln. Will man dieser Entwicklung entgegenwirken, sind globale Strategien durch grenzenlose Kommunikation erforderlich. Wenn sich heute gewisse Staaten, allen voran die USA, aus ihrer Verantwortung der Umwelt gegenüber stehlen wollen, dann wird sich das früher oder später rächen. Was erreicht werden soll, kann nur gemeinsam erreicht werden. In der Gegenwart, in der die Menschheit den Absprung von der nationalen Enge in die globale Weite schaffen sollte, bedeutet der Alleingang gewisser Staaten einen Anachronismus. Vor allem, wenn es um Entscheidungsfindungsprozesse geht, die die ganze Welt betreffen.

Ich denke, die Lösung unserer Umweltsituation ist stark vom Zustand unseres sozialen und kulturellen Klimas abhängig. Verständnis für andere zu haben, führt auch zu Klarheit über sich selbst. Ausgedehnt auf die Beziehungen zwischen Staaten: Amerika und Europa sollten sich um ein Verständnis für die Verhältnisse der östlichen und südlichen Weltgebiete bemühen, um klare Sicht auf ihre Stellung im Weltganzen zu erhalten.

Globalisierung darf nicht bedeuten, alles gleichzuschalten. Gegenseitige Förderung durch die Einbringung unterschiedlicher Qualitäten und deren Zusammenstimmung, ist das Prinzip funktionierender organischer Systeme. Die in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft maßgeblich tätigen Menschen sollten bereit sein, das Beste dieser unterschiedlichen Qualitäten über alle Grenzen hinweg anzuerkennen und für gemeinsame Ziele nutzbar zu machen. Dabei ist es sicher auch förderlich, zivilgesellschaftliche Organisationen und Bürgerinitiativen ins Boot zu holen. Natürlich ist es schwierig zu einem Konsens über Kriterien, die zur Verbesserung unserer Umweltsituation führen und auch sozial verträglich sind, zu kommen. Doch das immerwährende Bemühen in einer grenzenlosen, offenen Kommunikation, mit dem Bewusstsein, dass wir alle in einem Boot sitzen, darf nicht enden. Denn viele Beispiele zeigen: Wenn die Wege des Dialogs verlassen werden, beginnt die Gewalt zu sprechen.

Unsere Umweltprobleme sind also nicht nur technisch/materiell zu bewältigen. Es werden Anstrengungen und Lösungen auf verschieden Gebieten notwendig sein.

Dazu gehören Fortschrittsbemühungen auf dem Gebiet des kulturellen Lebens und des sozialen Miteinanders durch Kultivierung eines lebendigen, beweglichen Denkens.  Die lebendige Natur enträtselt sich nur einem lebendigen Denken. Das Denken in ausschließlich materialistischen Kategorien wird uns nicht weiter helfen. Im Gegenteil, es wird unsere Situation verschärfen. Natur und Mensch haben kosmische Wurzeln,  somit sollten wir unseren Geist befähigen, in größeren Dimensionen zu denken.

Demgemäß stellen sich folgende Fragen, für die es hilfreiche Antworten zu finden gilt: Wie kann ein Verständnis für fremde Lebensweisen entwickelt und mit den eigenen sinnvoll verknüpft werden? Wie können angemessene Formen des Zusammenlebens geschaffen werden, die jedem Menschen und anderen Lebewesen, würdige Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten? Die Lösungen, die wir auf dem Gebiet des sozialen Miteinanders finden und etablieren, werden uns auch helfen die Umweltprobleme zu lösen, denn, wie schon erwähnt: „Was erreicht werden soll, kann nur zusammen erreicht werden!“

Wichtig ist auch, einen kritischen Blick auf das globale Wirtschaftsgeschehen zu werfen. Wie kann es allgemeines Bewusstsein werden, welche Prinzipien unserer arbeitsteiligen Wirtschaft innewohnen, damit sie das werden kann, was sie eigentlich ist – ein solidarisches Gefüge, wo keiner nur für sich, sondern jeder für andere – die Gemeinschaft, der er angehört – arbeitet? Wie wichtig dieses Füreinander-Arbeiten ist, wird nun in der Corona-Krise besonders deutlich. Durch die Einschränkungen merkt man sehr deutlich, wer in welcher Form für andere Menschen gearbeitet hat und jetzt zuhause bleiben muss.

Die Maßnahmen gegen das Coronavirus, ob berechtigt oder nicht, bringen unser soziales Leben ins Wanken. Wir müssen sehr achtgeben, ob und wie sehr wir durch sie beeinflusst und in unserer Freiheit beschränkt werden. Es besteht die Gefahr, einer behördlich verordneten Verhaltenseinförmigkeit zu verfallen. Derzeit scheint der Natur der eingeschränkte Aktionsradius der Menschen gutzutun. Doch, was wird danach kommen? Es ist zu hoffen, dass es nicht zu einer Herdenimmunität gegen selbstbestimmtes Leben kommt, denn das würde der menschlichen Natur und ihrer Beziehung zur Mitwelt nicht gut bekommen. Es gilt neue Verfahrensweisen zu finden, die Mensch und Natur in einander befruchtender Gemeinsamkeit erfassen.

Der machtvolle Einfluss des Finanzkapitals auf alle möglichen Gebiete unseres Lebens, im Zusammenhang mit ungebremstem Profitstreben, wird dabei genau zu beobachten sein. Wenn die Finanzpotenz entscheidet, wie mit der Natur zu verfahren ist, erwarte ich nichts Gutes für die Zukunft.

Unser wertvollstes Kapital und Grundlage der Wirtschaft sind die Ressourcen der Natur. Was sie produziert wird weiterverarbeitet, veredelt …, aber auch denaturiert. Sie „arbeitet“ für uns, ist unsere nährende Mutter. Wir sollten sie pfleglicher behandeln.

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