Natur wirkt: Achtung!

Text: Wolfgang Schaffer

Natur und Mensch sind miteinander untrennbar verbunden. Was sie betrifft, fällt unweigerlich auf ihn zurück. Die innere Haltung des Menschen ist dabei der Schlüssel zum Schloss der Natur.

Leben im Widerspruch

Mit immer größerer Häufigkeit und Dringlichkeit wird in den öffentlichen Nachrichten von den Gefahren berichtet, die sich für die Menschheit aus den Gewalten der Natur ergeben. Seien es Vulkanausbrüche, Erdbeben, Wirbelstürme, Überflutungen oder eben Infektionskrankheiten, Waldbrände und Dürrekatastrophen, die uns direkt oder indirekt bedrohen: Immer geht man davon aus, dass uns die Natur eigentlich fremd und unergründlich gegenübersteht. Es scheint keinen wesensgemäßen Zusammenhang zu geben zwischen dem einzelnen Menschen und der ihn umgebenden äußeren Natur. Wir leben zwar direkt von ihr, mit ihr und in ihr, trotzdem stellt sie immer auch eine Gefahr für unser Leben dar. Will man die Entstehung von Erde und Mensch und somit auch den Ursprung ihres Verhältnisses zueinander gedanklich nachvollziehen, ergibt sich nur ein unzureichendes Bild. Aus Sternenstaub hat sich der gängigen Entwicklungstheorie zufolge der Erdenkörper mit all seinen festen, flüssigen und gasförmigen Bestandteilen bis zu seiner gegenwärtigen Form verdichtet. Durch puren Zufall begann sich dann etwas von sich aus zu regen und zu bewegen. Das Leben war plötzlich wie aus dem Nichts entstanden und brachte von nun an immer umfassendere Organismen hervor, die sich seither in einem immerwährenden «Kampf ums Dasein» gegenseitig den Lebensschauplatz streitig machen.

Die heutige Gegenwart zeigt eine ganz andere Situation. Wo sich die menschliche Zivilisation ungehindert ausbreitet, ist das Leben bereits auf dem Rückzug. Es verschwindet ganz einfach mit dem Aussterben unzähliger Arten und Organismen. Die Erde wird zusehends in einen Planeten verwandelt, der Maschinen und Bauten an die Stelle des Lebensraumes von Tieren und Pflanzen setzt. Der Mensch hat sich im Laufe der Evolution soweit vermehrt und in seinem Bemühen um das eigene Überleben weiterentwickelt, dass er am Anfang des dritten Jahrtausends einer von ihm gefundenen Zeitordnung vor dem Rätsel steht, wie er die Folgen seiner eigenen Handlungen im globalen Zusammenhang angemessen bewältigen soll. Die Fähigkeit des Menschen, sich durch gezieltes Nachdenken eine Umgebung zu schaffen, die seinen Bedürfnissen am besten entspricht, hat ihn zum Schöpfer einer Zivilisation gemacht, die alle natürlichen Gegebenheiten ausschließlich dem eigenen Nutzen unterwirft. Dieser Weg des Denkens hat sich im Laufe der Jahrhunderte als so erfolgreich erwiesen, dass sich die berechtigte Freude am Gelingen der menschlichen Vorhaben mittlerweile in eine maßlose Überschätzung der eigenen Wichtigkeit allen anderen Lebewesen gegenüber verwandelt hat. Durch den Mangel an Achtung vor den naturgegebenen Lebensgrundlagen gerät letztlich das gesamte Lebensgefüge auf der Erde aus dem Gleichgewicht. Die Spuren dieses Handelns aus purem Eigennutz sind im Hinblick auf die gewaltigen Dimensionen, mit der die Natur und ihre Stoffe dem Menschen gegenüberstehen, lange Zeit verborgen geblieben. Die durch das menschliche Handeln mitverursachte Veränderung des Klimas auf der Erde macht es nun ganz offenbar. Das Leben des Menschen ist in einen Gegensatz mit sich selbst geraten.

Denken im Strom des Weltgeschehens

Es gibt etwas im Menschen, das ihn trotz seiner Flucht aus der Natur untrennbar mit ihr verbindet. Es ist das Element in ihm, dem man eine solche unverbrüchliche Verbundenheit am wenigsten ansehen kann. Denn es ist genau die Tätigkeit in ihm, die es ihm auch möglich macht, sich als Einzelner der ganzen Welt gegenüberzustellen und so den Austritt aus dem «Schoß der Natur» überhaupt erst zu vollziehen. Dieses «Etwas» ist die Fähigkeit, selbstbewusst und eigenständig Gedanken zu bilden. Das Denken trennt und eint den Menschen gleichermaßen von und mit der Welt, die ihn umgibt. Wie schwer ist doch die ganz einfache Frage zu beantworten, warum denn die Gedanken, die der Mensch über die außer ihm befindlichen Gegenstände in sich wahrnehmen d.h. denken kann, so gezielt auf die Welt angewendet werden können? Einen Grund kann es geben, warum das besonnene Nachdenken über die Zusammenhänge und Gesetze der äußeren Welt im Regelfall so unglaublich gut den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht. Dieser Grund liegt darin, dass diese Gedanken ident sind mit dem eigentlichen Wesen der jeweils bedachten äußeren Natur. Die Welt bringt sich auf diesem Weg trotz aller offensichtlichen Absonderung des Menschen in ihm durch die ihr selbst entsprechenden Gedanken wie ganz selbstverständlich zur Geltung.

Die Form, in der sich die Natur im menschlichen Denken in unserer Zeit offenbaren kann, hat allerdings durch die spezielle Art des naturwissenschaftlichen Erkenntnisweges eine Eigenart angenommen, die weithin als leblos und nicht wandlungsfähig angesehen werden muss. Diese tote Denkungsart hat die umfassende Beherrschbarkeit der äußeren Natur zum Ziel und ist innerhalb einiger Jahrhunderte so erfolgreich angewendet worden, dass sie in Form der Technik der bisherigen Welt gleichsam ein neues Naturreich hinzufügen konnte. Durch die Kraft des Denkens sind wir somit als Menschheit selber bereits zum Schöpfer eines neuen Weltbereiches geworden. Diese Kraft in uns bedarf aber einer regelrechten Läuterung im Sinne einer moralischen und geistigen Durchdringung, um nicht auch weiterhin in eine Folge von Katastrophen zu münden, wie sie sich zuletzt in den Ereignissen des 20. Jahrhunderts zugetragen haben.

Achtung, Bewunderung, Verehrung

Um die Wunde wieder zu schließen, die der Mensch bisher seiner «Mutter Natur» zugefügt hat, bedarf es einer grundlegenden Erweiterung der Art und Weise, über lebendige Wesen nachzusinnen. Gewöhnlich denken wir über das Leben so, als ob es schon gestorben wäre, um es damit dem Gebrauch von Maß, Zahl und Gewicht verfügbar zu machen und endgültig zu fixieren. Die Existenz der Anthroposophie ist ein einzigartiger Versuch, das denkende Bewusstsein mit sich selbst in ein Gespräch zu bringen und dabei methodisch so vorzugehen, dass sich an diesem Versuch die Freiheit des Individuums entzünden und zunehmend entfalten kann. Ein Schulungsweg dazu ist in den grundlegenden Schriften Rudolf Steiners dargestellt. Er beginnt mit dem energischen Bemühen, sich zu einer inneren Haltung von Achtung, Bewunderung und Verehrung der Welt und dem Leben gegenüber zu erziehen. Dabei gilt die besondere Zuwendung nicht so sehr einem geistigen Lehrer als Einzelperson, sondern primär den durch ihn verkörperten Idealen von Wahrheit und Erkenntnis. Diese Kraft der Verehrung droht in unserer Zeit im Strom der alles verzehrenden Kritiksucht praktisch zu verschwinden. Jeder Einzelne kann sie nur durch eigenen Entschluss wieder in das Leben einbeziehen. Wie die Sonne über der ganzen Welt aufgeht und sie durch ihr Strahlen sichtbar macht, so kann Achtung, Bewunderung und Verehrung unser ganzes inneres Leben bereichern und erleuchten. Nur in diesem Licht sprechen sich die Wesen der Natur so aus, wie es ihnen selbst entspricht. Die Früchte einer solchen Denkungsart zeigen sich im Zusammenhang mit der Anthroposophie in einer geistgemäßen Landwirtschaft, einer Pädagogik, die den werdenden Menschen jeweils seinem Lebensalter angemessen wirksam unterstützt, und in einer Medizin, die das Leben in umfassender Weise stärkt und fördert. Die Angst vor den Gefahren einer durch die menschliche Eigensucht erhitzten und entfesselten Natur kann sich wieder in Dankbarkeit und Achtung verwandeln, wenn man die entsprechende Wirksamkeit der eigenen Natur auf den gesamten Weltbereich ganz ernsthaft in Betracht zieht. Ein kurzer Satz aus Rudolf Steiners Buch «Die Schwelle der geistigen Welt» kann uns den tiefen Zusammenhang von Mensch und Welt immer wieder zum Bewusstsein bringen. Dieser Satz ist überraschend einfach und trägt doch eine unendlich weite Perspektive in sich. Er lautet:

«Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens.»

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