Die Coronakrise und die Dreigliederung des sozialen Organismus

Text: Rudi Neuwirt.     Die weltweite Krise, die durch das Coronavirus verursacht wird, hat wohl viele Menschen überrascht und sie in Unsicherheit und Angst versetzt.  Und auch in der nächsten Zeit wird diese Unsicherheit und Angst bleiben, weil bestehende Werte und Ordnungen in unserer Gesellschaft ins Wanken geraten.

Viele von uns haben innerlich oder äußerlich ausgesprochen, dass es nicht mehr so weitergehen kann. Da wir uns intensiv mit der Dreigliederung des sozialen Organismus beschäftigen, erhebt sich die brennende Frage:
Können wir den Dingen eine andere Richtung geben, als die bestehende Wirtschaftsordnung sie gebracht hat?

Rudolf Steiner hielt nach dem Ende des ersten Weltkrieges in Zürich den Vortragszyklus „Die soziale Frage“ 1. Europa lag darnieder, neben Kriegsmüdigkeit und politischer Unzufriedenheit waren Not und Elend an der Tagesordnung. Die Menschen litten Hunger und die Wirtschaftskrise trieb die Inflation in die Höhe.

Lange Zeit hat gepocht an das Tor der wichtigsten menschlichen Erwägungen und Entschlüsse die soziale Frage. Jetzt ist sie eingedrungen in das Haus der Menschheit. Sie kann nicht wieder hinausgeworfen werden, denn sie ist in gewisser Beziehung der Menschheitsentwicklung gegenüber eine Zauberin. Sie wirkt nicht nur auf das Äußere des Menschheitsgefüges, sie wirkt so, dass die Menschen vor der Notwendigkeit stehen, entweder umzudenken oder zu dem schon vorhandenen Unglück ein immer vermehrteres Unglück zu fügen.“ 1

Man kann bereits jetzt behaupten, dass die Krise durch das Coronavirus ein Menschheitsereignis ist, es betrifft die ganze Welt und die ganze Menschheit. Diese Krise ist scheinbar aus dem Nichts hereingebrochen und sie wird große Auswirkungen auf den sozialen Organismus haben, Auswirkungen die wir noch gar nicht abschätzen können. Derzeit ist es eine gesundheitliche Krise, die als aktuelle Aufgabe den Schutz der Gesundheit des Menschen in den Vordergrund stellt. Aber es liegt nahe, dass durch die Reaktion auf das Coronavirus eine tiefere Krise ausgelöst wird.

Politische Eliten schildern, dass die Situation viel dramatischer sei als die Finanzkrise 2008, denn diese habe oben bei den großen Banken begonnen und sich nach unten fortgesetzt. Aber jetzt kann die Krise alle Bereiche des Wirtschafts- und Finanzwesens erfassen. Falls es zu einer weltweiten Wirtschaftskrise kommt, müssen wir erkennen, dass das Auftauchen des Coronavirus der Auslöser einer solchen Krise ist, aber sicher nicht die Ursache der Krise. Wir können dazu ein Phänomen einfach beschreiben:

Arbeit ist Ware geworden, Geld ist Ware geworden und Grund und Boden ist Ware geworden. Alles wird nur mehr materiell bemessen und bewertet, selbst die menschliche Arbeit, die erst durch ihre Würde überhaupt diese Vielfalt des sozialen Lebens auf unserer Erde ermöglicht, wird mit einem materiellen Wert bemessen.
So wie wir die Luft nicht besitzen können, so hat auch jeder Mensch Anrecht auf Grund- und Boden.  Grund- und Boden kann nur zur Bearbeitung oder zur wirtschaftlichen Nutzung verliehen und darf nicht als Ware gehandelt werden.

Da kann Ursachenforschung die wirtschaftlichen Krankheitsprozesse nach außen bringen. Einen guten Einblick in diese Krankheitsprozesse gibt uns Christian Kreiß:
„In der modernen Ökonomie gibt es Grundaxiome, die als allgemein gültig hingestellt werden: Zins- und Zinseszins ist richtig, Eigentum in beliebiger Höhe ist gut und richtig, Eigentum von Grund- und Boden ist richtig, die menschlichen Bedürfnisse werden nie befriedigt werden, die Gewinne müssen maximiert werden.“2

Bei näherer Betrachtung können wir erkennen, dass diese Grundannahmen eine Weltanschauung entstehen ließen, die nicht wissenschaftlich belegt werden kann. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass aus diesen Gesetzen ein allgemein gültiger Wahrheitsgehalt im Wirtschaftsleben gefolgert werden kann.  Diese Grundaxiome sind ein Glaubenssystem, das von kapitalistisch orientierten Ökonomen entwickelt wurde und als die Eckpfeiler einer gültigen Ökonomie hingestellt werden.
Die Steiner‘sche Wirtschaftslehre geht vom Menschen aus:
„In dem Schaffen des Ausgleichs zwischen den menschlichen Bedürfnissen und dem Werte der menschlichen Leistungen sieht das Streben nach der Dreigliederung des sozialen Organismus seinen Inhalt.“ 3
Hier ist für die obigen Grundaxiome kein Platz. Statt einen möglichst großem Kapitalgewinn durch Leistungserbringung zu erreichen, ist ein ganz anderer Ansatz zu beachten. Der Preis entsteht nicht aus dem normativen Gesetz von Angebot und Nachfrage, sondern aus einer Erkenntnis:  Wie kann ein gegenseitiger Werteaustausch zwischen den Leistungen der Produzenten und den  Bedürfnisse der Konsumenten entstehen, sodass der Produzent seine Bedürfnisse in der Zeit decken kann, die er für die Herstellung einer gleichen oder gleichwertigen Leistung benötigt.
Hier erfolgt eine Produktion, die an den  Bedürfnissen der Menschen orientiert ist. Durch den gegenseitigen Werteaustausch zwischen den Produzenten und Konsumenten ist ein beliebiges Anhäufen von Geldkapital gar nicht möglich.
Doch heute werden Kapitalgewinne bzw. Gewinne, die durch Rationalisierung entstehen, zumeist aus dem Wirtschaftskreislauf ausgeschieden und durch finanzwirtschaftliche Mechanismen  vermehrt. Diese Mechanismen haben mit dem eigentlichen Waren- und Güteraustausch nichts zu tun, bewirken wachsende Vermögen, aber zugleich wachsende Schulden. Mit diesen angehäuften Schulden stehen Unternehmen, Banken und Staaten der Coronakrise gegenüber und die Eliten hoffen durch die Geldschöpfung aus dem Nichts die Krise zu meistern. Doch einem nüchternen Betrachter der Lage wird klar, dass die auftauchende Krise nicht mit den Mitteln zu lösen sein wird, die sie verursacht haben.

Somit dringt die soziale Frage wieder ein in das Haus der Menschheit.
Rudolf Steiner hielt im Jahre 1919 vierzehn Vorträge in Stuttgart, öffentlich (Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330), aber auch vor Arbeitern der Daimler Benzwerke und der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik4.

„..viel von dem, was gerade durch die Impulse des dreigliedrigen sozialen Organismus gefordert wird, das ist in dem geheimen Verlangen vieler Menschen im Grunde genommen eigentlich schon da, schon da in der Weise, .. dass es sein Dasein erkämpfen will, und dass nur die Einrichtungen unserer bisherigen Geistes- Rechts- und Wirtschaftsordnung diese an die Oberfläche drängenden Mächte zurückhalten wollen.“ 4  

Was damals für die Menschen noch nicht so greifbar war und wenig verstanden wurde, darf heute nicht mehr übersehen werden. Wenn viele Menschen diese Impulse in sich tragen und diese Impulse ihnen noch gar nicht bewusst sind, ist es nicht höchste Zeit, dass hier ein Wandel eintritt? Wenn das bestehende Finanz- und Wirtschaftswesen den Menschen gar nicht mehr dienlich ist, müssen diese bestehenden Einrichtungen nicht verändert werden, damit diese Impulse an die Oberfläche kommen können?
Wir brauchen einen Aufbruch nach innen und einen Aufbruch nach außen. Wir können etwas Neues in die Welt stellen. Sehen wir die weltweite Krise, die durch das Coronavirus verursacht wird, als Chance mutig weiterzuarbeiten.
Es müssen neue Formen im sozialen Organismus von uns geschaffen werden.

Es wird ein weiter Weg sein zu diesem Ziel, das Rudolf Steiner bereits 1908 in Berlin beschrieb: „Dasjenige aber, was die Zukunft bringen muss, das ist die große, allumfassende Verständigung und Liebe von Mensch zu Mensch. Ehe nicht ein jeder Mensch aus den tiefsten Impulsen, die nur eine geistige Weltbewegung zu geben vermag, den Antrieb für seine Tätigkeit finden kann, ehe er nicht imstande ist, die Arbeit aus Liebe für seine Mitmenschen zu tun, eher ist es nicht möglich, echte Impulse für eine Zukunftsentwickelung im Sinne des Menschenheils zu schaffen.“ 5

Ein wesentlicher Grundzug  der sozialen Dreigliederung
„In der französischen Revolution wurde

erstmalig die Begriffe „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ ausgerufen. Diese Begriffe hatten jedoch nur kurzzeitigen ideellen Wert.  Die Zeit zur Verwirklichung dieser Ideale in einem sozialen Ganzen war noch nicht reif. Bei Rudolf Steiner bezieht sich die Freiheit auf das Geistesleben, die Gleichheit auf das Rechtsleben und die Brüderlichkeit auf das Wirtschaftsleben. Diese drei Bereiche sollen voneinander unabhängig sein.  Der Mensch verbindet sich in jedem der drei Bereiche zu Gemeinschaften. Jeder Mensch hat durch seine Bedürfnisse und Tätigkeiten Anteile am Geistesleben, am Rechtsleben und am Wirtschaftsleben.“

Quellenverzeichnis:

1Vgl. Rudolf Steiner, Die soziale Frage, GA 328, Vortrag vom 12.02.1919

2Vgl. Christian Kreiß, Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft, Tredition? Verlag, 1.Auflage 2019
3Vgl. Rudolf Steiner, Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage
1915 – 1921, GA 24, „Dreigliederung und soziales Vertrauen, Kapital und Kredit“

4Vgl. Rudolf Steiner, Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330, Vortrag vom 13.05.1919
5Vgl. Rudolf Steiner, Die Erkenntnis der Seele und des Geistes, GA 56, Vortrag vom 12.03.1908

 

 

Rudi Neuwirt

(Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in Graz, http://www.anthroposophie-graz.at , Rückfragen bitte an http://www.anthroposophie-graz.at/Kontaktformular )

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