Ost-West-Kongress 2022 in Wien – Ein Herzschlag Europa

Text: Norbert Liszt, Videos und Foto: Nora Ruzsics

Vor sieben Jahren hat Wolfgang Schaffer – Obmann der Anthroposophischen Landesgesellschaft in Österreich – die Idee geboren, in Wien zu Pfingsten 2022 einen Kongress zu veranstalten, der den Impuls des West-Ost-Kongresses von 1922 aufgreift und ihn der gegenwärtigen Weltlage entsprechend weiterspinnt.

Ursprünglich ganz groß gedacht, sollte das Wiener Konzerthaus der Austragungsort sein und Menschen aus allen Weltgebieten aufnehmen. Die Corona-Pandemie mit ihren, besonders in Wien, sehr strengen Maßnahmen, stellte das Organisationsteam vor nahezu unlösbare Probleme. Die Reservierung des Konzerthauses musste rückgängig gemacht werden. Andere Lokalitäten wurden gesucht. Schließlich normalisierten sich die Pandemiebedingungen und der Kongress konnte in einem kleineren Rahmen, im Festsaal der Rudolf Steiner-Schule in Wien-Mauer, zu Pfingsten (4. bis 6. Juni 2022) über die Bühne gehen.

Es gab eine bunte Mischung aus musikalischen Darbietungen, Eurythmie zum Mitmachen, Aufführungen von Szenen aus den Mysteriendramen Rudolf Steiners, Lyrik mit Bildbetrachtung und natürlich Vorträgen mit anschließenden Gesprächsrunden. Das Kongressgeschehen kann daher hier nur überblicksmäßig zusammengefasst werden. Den Kongress besuchten etwa 290 Personen, vorwiegend aus deutschsprachigen Ländern. Das Organisationsteam, das diese schwierige Aufgabe schließlich bravourös gelöst hat, bestand aus sieben Personen: Wolfgang Schaffer, Wolfgang Tomaschitz, Alexandra Fischer, Thomas und Natascha Kraus, Alfred Strigl und Silvia Brenzel, die als Moderatoren durch den Kongress führten.

Intention des Kongresses war, die Lebensfelder der Anthroposophie sichtbar zu machen und damit auf real existierende Keime einer heilvollen sozialen Gestalt in Europa unter dem Aspekt „Gesund erhalten“ und „Mitte bilden aus der Kraft des Ich“ hinzuweisen. Man hoffte damit in einen Dialog mit aktuellen zivilgesellschaftlichen Initiativen treten zu können. Durch die besagten Umstände konnte dies nur ansatzweise verwirklicht werden.

Die drei Veranstaltungstage hatten unterschiedliche Schwerpunktthemen.

Samstag: Zeitgeschehen und Zeitgenossenschaft.

In den Vorträgen und anschließenden Gesprächsrunden wurde, unter dem Eindruck des Ukrainekrieges, versucht darzustellen, welche Rolle Europa im derzeitigen Spannungsfeld zwischen Ost und West spielt oder spielen sollte. Ordnet man Europa dem Westen zu oder versteht man es als die Mitte zwischen Ost und West? Geschichtliche und geopolitische Gesichtspunkte wurden ins Spiel gebracht. Wie kann es gelingen zu verstehen, welche Gegensätzlichkeiten sich in den verschiedenen Weltgebieten ausleben?

Kann von Europa aus eine Brücke geschlagen werden, die vom Bemühen um ein Verständnis für das fremde Wollen aus, fähig ist, die Konflikte der Gegenwart zu meistern und einen fruchtbaren Dialog zu ermöglichen?

Gerald Häfner spannte einen großen Bogen, indem er die geografische Besonderheit Europas mit ihrer Vielgliedrigkeit und den wechselnden Landschaftsformen darstellte. Es folgte eine Beschreibung, wie die Menschheit aus der kosmischen und natürlichen Verbundenheit nach und nach herausgefallen ist. Der Blick auf sich selbst ist wichtig geworden und die Forderung, sich selbst zu führen, trat auf den Plan. Egoistisches Denken und Handeln schlich sich in die menschlichen Seelen. Das führte zu einer Vielzahl von Krisen, wovon viele bis heute nicht gelöst sind und weiterschwelen. Nun stellt sich die Frage, wie wir in der Gemeinschaft freie Individuen werden können. Dafür müssen die Menschen in sich die Kraft finden, sich selbst zu verwandeln, um den gegenwärtigen Anforderungen gerecht zu werden. Die Welt wartet auf jeden einzelnen Menschen. Niemand darf nur Zuschauer des Weltgeschehens bleiben, wenn man eine menschengemäße Weiterentwicklung haben will und die Krisen bewältigt werden sollen.

Wir stehen der Welt als Ich gegenüber und sind nicht mehr verbunden. Doch wir müssen eine neue Verbindung aufbauen. Dabei kann es kein Zurück in alte Formen geben. Es müssen von freien Menschengeistern neue Bedingungen und Beziehungen geschaffen werden. Das bedingt, dass sich die Menschen einerseits um ihre eigene innere Entwicklung bemühen und andererseits sich die Frage nach ihrer Verantwortung und ihrem Beitrag für das Ganze stellen. Diese Bedingungen nötigen dem Menschen ab, sich nicht im Materialismus zu verlieren, sondern auch seine spirituellen, seelisch-geistigen Anlagen zu pflegen. Denn nur wenn man versteht, welche Entwicklungsgesetzmäßigkeiten hinter den dokumentierten geschichtlichen Ereignissen stehen, können befriedigende, der Menschenwürde entsprechende, Wege in die Zukunft beschritten werden. Rudolf Steiners Ideen zur „Dreigliederung des sozialen Organismus“, als Lösung der sozialen und politischen Nöte der Gegenwart, wurden bisher leider nur in Teilbereichen verwirklicht.

Friedrich Glasl entwarf in seinem Vortrag „Perspektiven einer neuen globalen Friedensarchitektur“. Er ging dabei von den aktuellen Kriegsereignissen in der Ukraine aus und stellte dar, wie der Konflikt stufenweise eskalierte. Es gab gegenseitige Bedrohungsszenarien, die von der jeweiligen Gegnerpartei nicht richtig oder aber bewusst falsch interpretiert wurden. Die Absicht einer Bedrohung kann unterschiedliche Wirkungen hervorbringen. 1. Die Wirkung kann so sein, dass sie der Absicht entspricht. 2. Sie kann unter dem liegen, was beabsichtigt wurde. Daraus kann folgen, dass die Absicht verstärkt wird, womit der Konflikt angeheizt wird. 3. Die Wirkung kann schließlich über die Absicht hinausgehen – Beispiel: bei einem Bombenangriff gibt es Kollateralschäden, es wird nicht nur eine Kaserne, sondern auch ein Krankenhaus getroffen. Das wiederum kann zu der Unterstellung führen: „Das hast du beabsichtigt!“ Man dämonisiert den Gegner. Derartige Vorgehensweisen sind oft Teil der Kriegspropaganda. Es heißt: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“

Zur Konfliktlösung bedarf es eines Wechsels von einer Gesinnungsethik zu einer Verantwortungsethik. „Das habe ich zwar nicht beabsichtigt, aber die Wirkung ist eingetreten. Ich fühle mich verantwortlich, dass ich den Konflikt befördert habe (ich habe Anteil an der Eskalation).“ Wie groß dieser Anteil ist, ist unerheblich. Die bündnisfreien Staaten könnten helfen, die Eskalation einzubremsen. Sie dürfen nicht Zuschauer im besagten Konflikt bleiben, sondern sollten sich aktiv um eine Friedenarchitektur bemühen und alle Fenster der Gelegenheiten öffnen. So könnten auch in dieser Auseinandersetzung Lösungen gefunden werden. Das wird aber nur dann erfolgreich sein, wenn alle Gesprächskanäle offenbleiben.

Markus Osterrieder stellte dar, wie frühere soziale, geokulturelle und -politische Verhältnisse bis in die Gegenwart hinein noch ihre Wirkung haben und Konfliktherde mit sich bringen. Es gibt interessante Spiegelungen bezogen auf die Lebensweisen in Ost und West. Im fernen Osten entwickelte sich sehr früh eine besondere Art des Zentralismus. Der Staat soll vorschreiben, wie die Menschen zu leben haben. Der einzelne Mensch ist nicht fähig, seine Lebensverhältnisse zu regeln. Man sieht Parallelen in heutigen autokratisch regierten Staaten. Im Westen und in Europa entwickelte sich das, was man Individualismus nennt. Der einzelne Mensch tritt in den Mittelpunkt, was so weit führte, dass Maragret Thatcher behauptete: „So etwas wie Gemeinschaft gibt es nicht!“ Mitunter folgte daraus, dass man meinte, der Staat müsse ein Regelwerk kreieren, damit die Menschen nicht wie Wölfe übereinander herfallen oder sich gegenseitig gefährden, was ebenfalls kollektivistische Strukturen beförderte. Dazu tritt gegenwärtig die künstliche Intelligenz, die Menschengruppen unbemerkt zu steuern in der Lage ist. Dabei droht der Mensch „transhumanisiert“ zu werden. Die Persönlichkeit tritt in den Hintergrund und der Mensch geht eine gefährliche Verbindung mit maschinenhaften Elementen ein.

Rudolf Steiner wies seinerzeit besonders darauf hin, dass die Frage nach dem Wesen des Menschen von Bedeutung ist. Wie hat sich dieses Wesen zu dem heutigen heranentwickelt und wie kann es sich weiterentwickeln? Je nachdem, wie man diese Fragen aufwirft und beantwortet, wird unsere Zukunft sein. Wenn man sich um dieses Verständnis nicht bemüht, werden große Krisen auf uns zukommen.

Sonntag: Heilung und Zukunftsfähigkeit

„Im Geiste sich finden, heißt Frieden finden“, war der Titel des Vortrags von Ursula Flatters. Man könnte ihn auch betiteln mit: Pfingsterlebnisse der Seele. Persönlichkeit auszubilden bedeutet, dass wir unser Selbst selbst entwickeln müssen. Wenn wir das tun, dann ist alles, was nicht unser Selbst ist, außerhalb. Ich stehe der Welt als Ich gegenüber. Auch die anderen Menschen sind außerhalb. Ich bilde eine geschlossene Persönlichkeit und befinde mich ganz allein in meinem Selbst. Selbstentwicklung führt in die Einsamkeit. Dieses Erleben gehört zum Menschsein. Wenn man sich diese Einsamkeit bewusst macht und das ergreifen möchte, was man als sein Selbst bezeichnet, findet man nichts. Bin ich in der Lage diese Leerheit aushalten, kann die Empfindung auftreten: „Die Welt kümmert sich um mich. Ich bin nicht allein. Da sind andere Menschen, die mit mir in Beziehung stehen.“ Wenn wir in die Einsamkeit hineinhören und uns selbst gegenüber schweigen, dann wird eine Stimme geboren. Diese Stimme ist eine authentische, ehrliche Stimme. Wenn sie sich anderen Menschen mitteilt, wird man auf eine tiefere Art verstanden.

Ich kann mein Denken zu einer Empfindungsfähigkeit erziehen und lernen, essentielle Fragen zu stellen. Ich darf sie aber nicht gleich beantworten, sondern muss warten, bis der Geist in mir antwortet. Die Stimmung dazu ist Erwartung. Das ist ein Weg zu einem sozialen Empfinden. Dabei wende ich mich nicht an die Vergangenheit. Ich wende mich an die Zukunft: Wie kann ich wahrer Mensch werden? Ich trete dann ein in eine empfindende Welt und werde fähig, mich in Andere einzufühlen und entdecke, dass sie auch auf dem Weg der Menschwerdung sind. Wenn ich eine Frage an einen anderen Menschen stelle, die Konsequenzen hat, muss ich bereit sein für die Antwort. Fragen in der Stimmung der Erwartung, die vom echten Interesse am Anderen begleitet sind, haben eine trostspendende erlösende Wirkung. Sie locken den wahren Menschen hervor.

Den Vortrag von Stephan Meyer „Gemeinschaftsbildung im geistigen Sinn“ kann man als Weiterführung der Gedanken von Frau Flatters sehen. Eigensein und Gemeinschaft stellen sich im gewöhnlichen Verständnis als Gegensätze dar, doch genauer betrachtet stehen sie in einem sich gegenseitig bedingenden Verhältnis. Folgende Aussage Rudolf Steiners bringt zum Ausdruck, dass sich aus diesem Verhältnis eine höhere Einheit bilden kann: „Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.“ Gemeinschaften, die sich um eine gesunde Entwicklung bemühen wollen, bilden sich durch die bewusste Zuwendung zu den Mitmenschen. Das erfordert eine erweiterte Selbsterkenntnis. Wir müssen ins Bewusstsein bringen, was in uns veranlagt ist und diese Veranlagung haben wir mit allen anderen Menschen gemein. Es ist das Menschheitliche in uns. Wer aus diesem Bewusstsein heraus handelt, der handelt selbstlos. Er bildet eine Brücke zu den Mitmenschen.

Wenn dieses in uns veranlagte Ideal-Menschliche sich ausspricht, kann der Brückenschlag gelingen. Dazu Rudolf Steiner: „Wenn man den Menschen dazu bringt, dass er aus dem Innersten heraus spricht, dann kommt nicht durch seinen Willen, sondern durch die göttliche Welteinrichtung die Harmonie unter die Menschen.“

In den Beiträgen von Sylvia Brenzel, Veronika Lamprecht und Alfred Strigl erfuhr man, wie anthroposophisches Gedankengut in zeitgemäßes Handeln zivilgesellschaftlicher Einrichtungen in den Bereichen Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Organisationsentwicklung eingeflossen ist.

Montag: Kulturimpulse und Ausblick.

Ueli Hurter verstand es, uns den Kulturimpuls der Biologisch-dynamischen Landwirtschaft lebhaft nahezubringen. An den Anfang stellte er einige Sätze R. Steiners über die Arbeit: „Es krankt daran, die Arbeit in der richtigen Weise hineinzuführen in die soziale Ordnung. Erst dadurch, dass wir ein richtiges Verständnis gewinnen von Mensch zu Mensch, sodass das was des anderen Menschen Bedarf ist, unser eigenes Erlebnis wird, dass wir uns hinüberleben mit unserem Ich in die Iche der anderen Menschen. Nur so werden wir den Weg finden zu jenen neuen sozialen Gemeinschaften, die nicht ein Naturgegebenes sind, sondern aus dem Ich heraus gefunden werden müssen.“

Was ist der Kulturimpuls der Biologisch-dynamischen Landwirtschaft? Er entwickelt sich durch eine Arbeitspraxis, in der sich Nützlichkeit und Spirituelles nicht widersprechen.

Grundlage der LW sind Boden und Saatgut. Das Empfangende – der feuchte Boden – und das Impulsierende – das Saatgut mit seinen schlafenden Kräften – müssen zusammenkommen. Sie bilden eine Gemeinschaft. Man öffnet den Boden. Mit der Bewirtschaftung greift man ein in das, was die Natur bietet und hebt damit die landwirtschaftlichen Produkte auf eine neue Stufe. Die zur Sonne und mit den Wurzeln in die Tiefe strebende Pflanze ist das Produkt der Landwirtschaft. Doch man würde den Boden auslaugen, gäbe man ihm nichts zurück. Die Tiere, im Besonderen die Rinder, gehören dazu. Der Nährstoffentzug durch die Ernte wird durch die vom Tier verdauten und ausgeschiedenen Substanzen, die durch die Kompostierung veredelt werden, ersetzt. Mit der Verwandlung, die sich in der Kuh, im Kompost und im Boden vollzieht schließt sich der Kreislauf. Zu diesem Kreislauf gehört auch die Saatgutforschung und -züchtung und mit den Präparaten werden dem Boden Kräfte aus anderen Sphären zugeführt.

Dieses Zusammenwirken ist eine Art Organbildung. Es bildet sich ein Hoforganismus, der die Potenz hat, sich zu individualisieren. Der Standort wird durch Naturgegebenheit und oben dargestellter Bewirtschaftung etwas Spezifisches, Eigenes.

Individualität schreibt man normalerweise nur dem Menschen zu. Durch die Individualisierung werde ich nicht nur etwas Eigenes, sondern auch universeller. Ich werde zum Repräsentanten des Menschheitlichen. Angewandt auf die LW: Wenn sie sich in diesem Sinne individualisiert, wird sie Repräsentant der ganzen Erde.

Durch die Vielfalt der Beiträge konnte man empfinden, dass die Anthroposophie einen unerschöpflichen Reichtum in sich birgt. Sie bringt auf zahlreichen Gebieten Wertvolles hervor und ihre praktische Anwendung ist in vielen Bereichen fruchtbar geworden. Es wäre schön, wenn diese Veranstaltung eine Fortsetzung finden könnte. Man kann hoffen, dass dann mehr Menschen aus Ost und West anwesend sein können.

Anbei die verfügbaren Links zu den Vorträgen des Ost-West Kongresses Wien 2022

Gerald Häfner:

Friedrich Glasl:

Thomas Kraus:

Sylvia Brenzel, Alfred Strigl, Veronika Lamprecht:

Ueli Hurter:

Florian Mende:

1. Frauen-Kammerorchester:

Permalink