Text und Bilder: Norbert Liszt
Ein Weg neue Formen menschlichen Zusammenwirkens zu finden
Am Sonntag, den 12. April, dieses Jahres reisten meine Frau und ich nach Ägypten. Organisiert wurde die Reise von SEKEM-Reisen und beinhaltete auch die durch lokale Reiseführer begleitete Besichtigung der berühmten Stätten der altägyptischen Kultur.
Nach Problemen mit dem Erwerb der Visa, trafen wir unseren Fahrer und den anderen Teil unserer Reisegruppe, eine deutsche Familie, und lernten auf der Fahrt nach Sekem die besonderen, scheinbar regellosen, Verkehrsverhältnisse Ägyptens kennen.
Am Ziel angekommen, passiert man den bewachten Einfahrtsbereich und erlebt gleich, dass sich hier ein besonderer kleiner Kosmos auftut. Wir werden zum Gästehaus gebracht und bekommen trotz unserer Verspätung noch ein Abendessen. Am nächsten Tag erfahren wir, wie die kommenden vier Tage verlaufen werden (Besuch der Pyramiden von Gizeh, Führung durch das Sekem-Gelände, Besuch des neuen „großen ägyptischen Museums“ …). Leider mussten wir am Donnerstag schon sehr früh nach Luxor abreisen und konnten das große Fest mit diversen Veranstaltungen nicht miterleben. Es war ein Fest anlässlich des erfolgreichen Entwicklungsprozesses, in dem die Sekem-Gemeinschaft ihre Visionen und Ziele weitgehend verwirklichen konnte.
Was ich früher in Vorträgen, Artikeln und Büchern über Sekem erfahren hatte, konnten wir nun mit eigenen Augen sehen. Die Atmosphäre ist beeindruckend – blühende Bäume und Sträucher, grüne Wiesen, Plantagen, Kräutergärten, Rinder- und Schafherden und das in einem von Wüste geprägten Bereich Ägyptens. Man sieht vorwiegend weiße, schön geformte Gebäude, auch Betriebsgebäude, Schulen; begegnet freundlichen, interessierten Menschen, die gerne Auskunft über das Leben in Sekem geben …
Einblick in die Organisationsstruktur und die Entwicklung Sekems und wie Visionen verwirklicht werden, erhielten wir bei der Führung durch das Gelände und bei einem Vortrag am Vortag des Festes. Genaueres über den Werdegang und die verschiedenen Unternehmungen erfährt man auf der Homepage von Sekem: sekem.com. Sekem und die altägyptische Kultur
Sekem und die altägyptische Kultur
Es ist etwas gewagt diesen Vergleich anzustellen. Ich möchte es trotzdem versuchen.
Die altägyptische Kultur war geprägt von Priestertheokratien. Die Priester und der Pharao als Priesterkönig gestalteten das Leben ihres Volkes. Sie fühlten sich inspiriert von göttlichen Wesenheiten und was sie von ihnen erfuhren, das erachteten sie als absolute Wahrheit. Das vermittelten sie ihrem Volk. Und das Volk hatte die Empfindung, was uns die Priester anordnen, das kommt von den Göttern, deshalb wollen wir ihnen unser Leben opfern. Die götterinspirierte Weisheit durchzog alle Lebensbereiche, sodass das gesamte Volk von dieser Weisheit zusammengestimmt wurde und jeder Einzelne seine Aufgabe im sozialen Miteinander sicher erfüllen konnte. Alles wurde von einem gemeinsamen Geistigen getragen und das bestimmte über Kultur, Politik und Wirtschaftsleben. Alle diese Bereiche stimmten auf eine natürliche Art und Weise zusammen.
Man darf annehmen: Was wir heute an den Resten der großartigen ägyptischen Kulturstätten bewundern, ist aus diesen einigenden geistigen Inspirationen hervorgegangen.
Interessant finde ich, dass sich gerade im Land, in dem sich die beschriebene alte Hochkultur entwickelt hat, eine neue Kultur entwickelt, und diese neue Kultur geht den umgekehrten Weg. Einzelne Menschen versuchen aus ihrer persönlichen Geistigkeit heraus, einen neuen Weg des menschlichen Zusammenwirkens zu finden. In den Sekem-Initiativen ist man bemüht, diese neue soziale Herausforderung anzunehmen und auf eine besondere Art zu verwirklichen.
Gegensätzliche Entwicklung
Im alten Ägypten kamen die Impulse zur Begründung einer irdisch-menschlichen Kultur aus kosmischen Höhen. Das kehrte sich in späteren Zeiten um. „Was früher wie inspiriert an die Menschen herantrat, wurde später Eigentum der menschlichen Seele. Die Ideen, die früher geistiger Inhalt des Kosmos waren, holt heute die Seele aus der eigenen Geistigkeit des Menschen herauf.“¹ Mit diesem Fortgang der menschlichen Entwicklung, entstehen polare Tendenzen. Das Leben der Menschen wird nicht mehr aus einer einheitlichen Quelle gespeist. Heutige Menschen behaupten ihre Eigenheit, beanspruchen ihre Freiheit und stellen sich als Ich der Welt gegenüber. Doch diese Tendenz allein würde in die soziale Isolation führen. Die Rettung ist, sich liebend mit der Welt und den Mitmenschen zu verbinden. Die Einzelseele kann ihre Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringen und kann sich durch das, was andere in sie einbringen und gemeinsam bewegt wird, weiterentwickeln. Der Einzelne befruchtet die Gemeinschaft und die Gemeinschaft den Einzelnen. Als heutiger Mensch ist man ständig herausgefordert, mit eigenen Willenskräften einen Beitrag in diesen Prozessen zu leisten.
In Sekem scheinen diese assoziativen Prozesse gut zu gelingen. Dieses wechselseitige befruchtende Phänomen ist hier deutlich spürbar. Die gemeinschaftlichen Unternehmungen geben Hoffnung auf eine günstige Entwicklung, die auch schon Außenwirkungen zeigt und dem krisengeschüttelten Land positive Impulse geben kann. Unterstützung bekam und bekommt die Sekem-Initiative weiterhin aus verschieden Ländern der Welt und ist somit von Anfang an eine in ein weltweites Netzwerk eingebettete Bewegung. Auf dieser Basis geschieht eine laufende Erweiterung. Es gibt Anbaugebiete im Nildelta, auf Sinai, in der Wüste südwestlich von Kairo (die Eco Lodge – Wahat) … Viele Produktionsbetriebe wurden und werden gegründet. Die Zahl der Unternehmen erweitert sich laufend. Sie sind heute Teil der Sekem-Holding. In der Nähe des Flughafens wurde die „Heliopolis Universität, für nachhaltige Entwicklung“ ins Leben gerufen. Es gibt ein Sekem-Museum – das Museum für Naturgeschichte und menschliche Urgeschichte. Diese Aufzählung könnte noch um einiges erweitert werden, würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Was in Sekem entwickelt wurde, findet weltweit als außergewöhnliches Geschäftsmodell Anerkennung und hat als solches mehrere Auszeichnungen bekommen. (Genaueres siehe Homepage)
Die Nachhaltigkeitsblume
Ökologie, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft werden gleichrangig betrachtet und organisch miteinander verwoben, sodass sich im Zusammenwirken der einzelnen Zweige eine Ganzheit bildet – ein sozialer Organismus. Die Grafik stellt die „Nachhaltigkeitsblume“ dar, in der anschaubar wird, welche Visionen und Missionen in Sekem verwirklicht werden wollen und schon verwirklicht wurden. „Dieses ganzheitliche Konzept leitet Sekem und alle Aktivitäten wie ein Kompass. Unterstützt durch die Sekem Nachhaltigkeitsblume, evaluiert die Initiative ihre Leistung jährlich im Sekem Nachhaltigkeitsbericht“ (Zitat aus https:// sekem.com/de/). Das Geschäftsmodell und die damit verbundenen Einrichtungen können sich anscheinend weitgehend unabhängig von staatlichem Einfluss entwickeln.
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