Text und Bild: Wolfgang Schaffer
Es gibt kaum einen kulturhistorischen Imperativ, der mehr Spannung in sich trägt als die beiden durch ein „und” verbundenen kurzen Worte, mit denen J. W. Goethe sein Gedicht „Selige Sehnsucht” zu Ende führt. Es geht darin um die poetisch bildhafte Beschreibung einer flammenden Selbstvernichtung. Sie tritt naturhaft in Folge einer rein instinktiven Verhaltensweise ein. Ein Falter flattert vom Licht der Kerzenflamme angezogen direkt in seinen Tod. Diesem „Stirb” fehlt ganz offensichtlich noch das „Werde”, das über den Verlust des Lebens hinaus die Entwicklung weiterführt! Der moralische Ansatz, sich als Mensch vor desgleichen Tun zu hüten, wird vom Dichter in das Gegenteil erhöht. Das Handeln aus Begeisterung für ein Ideal mag zwar den Leib verzehren, doch macht den Menschen eben dieses Feuer, wenn es im Herzen voller Liebe brennt, erst zu dem Menschen, der er in Wahrheit werden soll!
Auf dem Schulungsweg der Anthroposophie gibt es ein „Geheimnis von Geburt und Tod”. Es besagt in Anbetracht der konzentrierten Wahrnehmung von Entwicklungszuständen im Pflanzenreich, dass der Tod und die Geburt im Wesentlichen Übergänge sind von einer sinnlich wahrnehmbaren Welt in eine übersinnlich geistige Welt und umgekehrt. Das Werden und Vergehen eines Lebewesens durch Geburt und Tod hindurch ist als Wandel und nicht als der Verlust der Existenz zu sehen. Das gilt nicht nur für das direkt beobachtbare Wachsen und Vergehen von einzelnen Pflanzen, Tieren oder Menschen. In der Anthroposophie werden auch die großen Zyklen des Werdens und Vergehens von Kulturepochen und sogar die Entwicklungsphasen der ganzen Erde in die Betrachtung einbezogen. Aus einer so weiten Perspektive sind die alltäglichen Veränderungen, denen wir notgedrungen oder auch aus freiem Willen ausgesetzt sind, freier einzuschätzen. Wer ein bestimmtes Entwicklungsziel vor Augen hat, wird auf das Wachsen und Vergehen von Impulsen seiner Einsicht folgend besser eingehen können. Das 21. Jahrhundert wird aus diesem fernen Blick als die Zeit der seit dem 15. Jahrhundert wirksam gewordenen Germanisch – Angelsächsischen Kulturepoche gesehen. Sie wird noch bis zur Mitte des 4. Jahrtausends andauern. Möglicherweise erleben wir derzeit schon im ersten Drittel dieses Zeitraumes die leisen Vorboten eines Überganges in den nächstfolgenden Zeitraum. Dieser wird sich im russisch – slawischen Kulturgebiet entfalten. Konflikte im sozialen Leben der Menschheit entstehen dort, wo neu aufstrebende Impulse der Macht begegnen, mit der sich alt gewordene Strukturen dagegen wehren, sich dem Neuen einzugliedern.
Planetenzustand
Anthroposophie tritt mit dem Anspruch in die Welt, Aussagen über die Entwicklung des Menschen und der Welt zu machen, die sich einer direkten Überprüfung durch objektive Beweise entziehen. Die herkömmliche naturwissenschaftliche Beweisführung stützt sich auf logische Schlussfolgerung und auf Sinneswahrnehmungen, die unabhängig von Zeit, Ort und Person beliebig oft wiederholt werden können. Wie die Erde zum Beispiel vor Hunderttausend Jahren ausgesehen hat kann man zwar hypothetisch in gewissen Aspekten rekonstruieren, eine Beschreibung im Sinne eines Zeitzeugen wird es allerdings angesichts einer durchschnittlichen menschlichen Lebenserwartung von ca. achtzig Jahren schwerlich geben können. Dessen völlig ungeachtet beschreibt Rudolf Steiner in seinem Grundlagenwerk „Die Geheimwissenschaft im Umriss” die heutige Erde in ihrem Werdegang durch verschiedene Planetenzustände hindurch. Diese Stufen der planetarischen Entwicklung werden als Alter Saturn, Alte Sonne und Alter Mond bezeichnet. Die darin enthaltenen Darstellungen sind mit einem Vorbehalt versehen. Die Verwendung von Begriffen, die wir an der gegenwärtigen Außenwelt gebildet haben, stimmt für die Beschreibung längst vergangener Entwicklungszustände nur bedingt. Was wir zum Beispiel heute als Erde, Wasser, Luft und Licht bezeichnen, hat eben für die frühen Entwicklungsphasen zwar den gleichen Wortlaut aber ein anderes Dasein. Das gilt auch für die Angaben der Zeit. Das Jahresmaß als Dauer der einmaligen Umrundung der Erde um die Sonne hat in einer Vergangenheit, in der es weder die Erde noch die Sonne in ihrer jetzigen Gestalt gegeben hat, keinen vergleichbaren Wert.
Ein ganz besonderes Merkmal der Anthroposophie liegt darin, dass die Entwicklung der Welt immer in direkter Verbindung mit der Entwicklung des Menschen angesehen wird. Diese Verbundenheit ist auch der Schlüssel zur Gewinnung von Erkenntnissen über diese in Urzeiten zurückliegenden Schöpfungsvorgänge. Die Spuren davon sind uns selber eingeschrieben! Das bedeutet zum Beispiel, dass der erste genannte Planetenzustand als wesensgleich beschrieben wird mit der Grundlegung unseres physischen Leibes. Dieser Planetenzustand des „Alten Saturns” bestand durch und durch aus Wärme, und diese Wärme waren wir Menschen selbst im ersten Anfang dessen, was sich bis zu unserem heutigen physischen Leib weiterentwickelt hat! Dieser Wärmeplanet war in Wärmeintensitäten differenziert, wie sie auch in den heute lebenden menschlichen Körpern vorhanden sind. Wir Erdenmenschen waren die Wärmewelt des Alten Saturn. Wärme ist so beachtet der Urzustand unserer körperlichen Existenz. Doch wir waren nicht allein. Um uns und in uns wirkten weit über unseren Möglichkeiten stehende geistige Wesenheiten an der Entstehung der Welt und des Menschen helfend mit.
Und es wird in der „Geheimwissenschaft im Umriss” auf eine weitere Besonderheit der Entstehungsgeschichte von Erde und Mensch hingewiesen. Es gibt nach dem Entstehen, der Kulmination und dem Abklingen eines Planetenzustandes auch noch ein völliges Verschwinden aller Vorgänge und Formen in den Zustand völliger Unsichtbarkeit. Mit einem alten Ausdruck werden diese großen Pausen zwischen den einzelnen Planetenzuständen „Pralayas” genannt. Dem „Sterben” einer Planetarischen Verkörperung folgt im Durchgang durch die Ruhephase eines Pralayas das nächste große „Werden” eines Planetenzustandes. Ein solcher Neubeginn vollzieht zuerst eine geraffte Wiederholung aller bisherigen Errungenschaften auf einer höheren Stufe. Die geschilderten Pausen dienen zur geistigen Höherentwicklung aller beteiligten Kräfte und Wesenheiten. Wenn sie dann wieder in Erscheinung treten, kann die Schöpfung auf einer dementsprechend höheren Stufe weitergeführt werden. Der nächste auf unsere heutige Erde folgende Planetenzustand wird der „Neue Jupiter” sein. In dieser Welt wird es keine leblos feste, mineralische Substanz mehr geben. Wir Menschen werden dann auch nicht mehr die Luft zum Atmen verwenden. Auf der Grundlage eines sogenannten „Lichtseelenprozesses” werden wir dann Sinneseindrücke beseelt und durchgeistigt erleben können. Allerdings wird dieses Erleben unseres aktiven Gewahrwerdens auf der in der Sinneswelt wirksamen Geistigkeit beruhen. Wir werden dann zusätzlich und über das wache Tagesbewusstein hinaus ein bildhaftes inneres Schauen der Seelenzustände unserer Mitwelt erlangt haben.
Kulturepochen
Der Blick auf die großen Perspektiven der Entwicklung von Erde und Menschheit kann auch etwas zur Entspannung beitragen, wenn es darum geht, den Weg in die Zukunft zu finden. Von den ganz großen Rhythmen der Planetenzustände ausgehend gibt es weitere Gliederungen in jeweils sieben, immer kürzer werdende Zeitabstände. Jede dieser Epochen hat einen Beginn, einen Höhepunkt und eine Phase des Vergehens. Wir befinden uns mit dem Jahr 2026 in der sogenannten fünften nachatlantischen Kulturepoche. Es gibt dazu sogar genaue Jahreszahlen – demnach erstreckt sich dieser Zeitraum von dem Jahr 1413 bis zum Jahr 3573 und er wird auch die germanisch – angelsächsische Kulturepoche genannt. Die zivilisatorischen Polaritäten von Ost und West sind in der gegenwärtigen Kulturentwicklung als eine treibende Kraft zu erkennen. Politisch gesehen spricht man heutzutage oft einfach von rechts und links. Wesentlich ist es allerdings, einen Weg der Mitte auszubilden, der dann geradeaus zum eigentlichen Ziel der Menschheitsentwicklung führt. Es dient die Erdenzeit grundsätzlich dazu, die Gottes – Ebenbildlichkeit in jedem Menschen zur Entfaltung zu bringen. Die Angaben der Anthroposophie weisen bis in diese fernste Zukunft. Dazu werden noch ganz wesentliche Entwicklungsschritte notwendig sein.
Jedem der bisher beschriebenen drei vergangenen Planetenzustände wird auch ein Zustand in der Zukunft gegenüberstehen. Dabei gibt es einen Wendepunkt, an dem sich die bis dahin erreichten Entwicklungsinhalte neu ausrichten können. Rudolf Steiner sieht diesen Wendepunkt des gesamten geschichtlichen Werdens durch das Mysterium von Golgatha in die Erdentwicklung eingeschrieben. Mit der Lebens – Todes – Tat des Jesus Christus auf Golgatha beginnt ein neuer Schöpfungszusammenhang, an dem wir Menschen mit unserem jeweiligen Schicksal ganz individuell mitgestalten können. Im Unterschied zu allen vorangegangenen Entwicklungsschritten beruht der mit dem Beginn unserer Zeitrechnung wirksam gewordene Christusimpuls auf der in voller Freiheit und aus Liebe vollbrachten Tat jedes einzelnen Menschen. Der Lebensweg des Menschen mit seinem jeweiligen persönlichen Schicksal ist eben diese Tat! Sie soll zur Erscheinung bringen, was der betreffende Mensch für sich und die Welt als eine Gabe aus der vorgeburtlichen, geistigen Welt auf die Erde bringen will.
Das soziale Leben in einer zukunftsfähigen Menschengemeinschaft wird sich in Form der sozialen Dreigliederung entwickeln. In ihr werden die drei Bereiche des Geisteslebens, des Rechtes und des Wirtschaftslebens nach den Prinzipien der Freiheit, der Gleichheit und der Fürsorglichkeit zusammenwirken. Diese Gesellschaftsordnung soll die Bedingungen herstellen, unter denen sich die Menschen am besten füreinander entwickeln können, ohne dabei ihre Individualität aufzugeben. Sie allein verhindert eine direkte Verschränkung von Geistesleben und Wirtschaftsstreben wie sie derzeit üblich ist. Das Rechtsleben steht dann unabhängig zwischen Wissenschaft und Wirtschaftsmacht und bewahrt den Bereich der individuellen geistigen Freiheit vor der Vereinnahmung durch rein wirtschaftliche Interessen. Derzeit befinden wir uns noch in einer weitgehenden Beschränktheit unserer tatsächlichen Entwicklungsmöglichkeiten.
Erkenntnisstufen
Das Erkennen im gewohnten alltäglichen Sinn beruht auf der Vereinigung einer Sinneswahrnehmung mit einem Begriff. Ganz genau gesagt, werden dabei die Bildvorstellung eines wahrgenommenen Gegenstandes durch das Ich mit dem Begriff vereint, der dem Vorstellungsbild am besten entspricht. Wenn diese beiden Faktoren miteinander übereinstimmen, ist die gewonnene Erkenntnis Teil der Wahrheit, die uns als Gewissheit bewusst wird. Gegenstand, Bildvorstellung, Begriff und Ichtätigkeit sind an dieser Erkenntnisart beteiligt. Rudolf Steiner nennt diese Erkenntnisart „materiell” und die durch die Sinne wahrgenommenen Eindrücke „Sensationen”. Sie bildet die Grundlage des gewöhnlichen Gedankenaustausches zwischen den Menschen und wird im Regelfall von jedem Menschen bereits mit dem Spracherwerb erreicht. Darüber hinaus beschreibt die Anthroposophie drei weitere Erkenntnisstufen, die zu Einsichten in Zusammenhänge führen, die sich nicht auf die Wahrnehmungen der sinnlichen Welt stützen. Diese drei höheren Erkenntnisstufen beruhen auf den Seelenfähigkeiten von Imagination, Inspiration und Intuition. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass die ersten drei der bereits beschriebenen vier Elemente der materiellen Erkenntnisstufe – das sind die Wahrnehmung, das Vorstellungsbild und der Begriff – stufenweise von der eigenen Ich-Tätigkeit ersetzt werden. So braucht es zum Beispiel auf der imaginativen Erkenntnisstufe keine von außen gegebenen Sinneswahrnehmungen mehr. Diese Inhalte werden von der Seele selbst in beweglich bildhafter Weise zusammengesetzt. Eine der bekanntesten Imaginationen ist ein schwarzes Kreuz umkränzt mit sieben strahlend roten Rosen. Der Aufbau dieser Imagination ist ausführlich von Rudolf Steiner als „Rosenkreuzmeditation” beschrieben. Sie ist noch aus Elementen der sinnlichen Welt zusammengesetzt. Bei sorgfältiger Beachtung der Hinweise zum Aufbau und bei regelmäßiger Übung kann sie einen höheren Wirklichkeitscharakter annehmen als reale, natürlich gegeben Vorstellungsbilder.
Eine ganz besondere Form des „Stirb und Werde” – Vorganges ist notwendig, um von der imaginativen Erkenntnisstufe zur nächsthöheren, inspirativen Ebene aufzusteigen. Wollte man einen Vergleich mit den beschriebenen Planetenverkörperungen heranziehen, muss es nach dem Erreichen der imaginativen Erkenntnisfähigkeit ein selbsterzeugtes „Pralaya” geben, in dem eine willentlich erzeugte Imagination wieder zum völligen Verschwinden gebracht wird! Dieses bewusste Auslöschen einer zuvor sorgfältig aufgebauten imaginativen Vorstellung wie zum Beispiel die des Rosenkreuzes bedarf einer zusätzlichen, tiefergehenden willentlichen Aktivität des Ich. Es kommen dadurch die Kräfte zum Vorschein, die der verlöschten Imagination zu Grunde liegen. Die Wahrnehmung dieser bildschaffenden Kräfte ist dann der erreichte inspirative Erkenntniszustand. Ein entsprechendes Wiederholen der willentlichen Auslöschung der inspirativen Inhalte wiederum führt schließlich zum intuitiven Erkenntniszustand. Auf dieser Ebene gibt es keinen Abstand mehr zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt. Sie befinden sich im Zustand einer Wesenseinigkeit. Es gibt nur einen einzigen Erkenntnisinhalt, mit dem wir durch Intuition ohne weiteres Zutun direkt verbunden sind. Das ist unser eigenes Ich!
Eine weitere, wichtige Möglichkeit zur Verwirklichung des „Stirb und Werde” Geschehens ist die Erweiterung des egoistischen Persönlichkeitserlebens. Der Egoismus ist ja die notwendige Grundlage zur Entwicklung einer selbstverantwortlichen Individualität. Man darf sich dabei aber nicht zu früh auf sich selbst, seine bestehenden Fähigkeiten, sein Vermögen oder seine vermeintlichen Sicherheiten festlegen. Der individuelle Egoismus kann nur durch beständige Erweiterung über die eigenen Grenzen hinaus auf die Belange anderer Menschen, anderer Lebewesen und deren Bedürfnisse überwunden werden. Ja, der Egoismus des Einzelnen wird sich zuletzt auf das Wohl und Werden der ganzen Schöpfung ausrichten, weil er sich nicht mit weniger als der ganzen Welt zufriedengeben will! Davon spricht ein Wahrspruchwort Rudolf Steiners im Sinne einer Quelle der geistigen Wiedergeburt:
„Sieghafter Geist, durchflamme die Ohnmacht zaghafter Seelen. Verbrenne die Ichsucht, entzünde das Mitleid. Dass Selbstlosigkeit, der Lebensstrom der Menschheit, wallt als Quelle der geistigen Wiedergeburt.”
