Text: Reinhard Apel
Stirb und werde auf schiitisch
Ajatollah Chamenei weilt in seiner Residenz. Um ihn sind einige Vertraute versammelt. Er ist der oberste geistliche Führer der schiitischen Republik Iran und zentrale Figur dieses Staatswesens.
Seit Jahren haben westliche Staaten, dabei besonders Israel im Verbund mit den USA, den Iran, wegen seiner Fähigkeit eventuell doch einmal eine Atombombe herzustellen, im Visier. Dies, obwohl führende iranische Politiker immer wieder betont haben, dass sie den Bau einer Atombombe nicht in Betracht ziehen, da eine solche Waffe mit der Lehre des Korans unvereinbar sei. Ali Chamenei war zunächst weltlicher Präsident und wurde danach durch seine fundierte religiöse Ausbildung erst zum höchsten Geistlichen der Schia (Ajatollah: Zeichen Gottes). Aber der Westen versteht nicht oder will nicht verstehen, dass die von einem Ajatollah kommende Fatwa des Inhalts, dass die Atombombe eine Kränkung Allahs bedeutete, die für sein religiöses Staatwesen viel bindendere Absichtserklärung darstellt als ein Parlamentsbeschluss oder eine Unterschrift auf Papier. Westliche Politiker halten seine Fatwa beharrlich für einen Taschenspielertrick mit dem die Mullahs ihr immer gefährlicher werdendes Atomprogramm maskieren wollen. Natürlich wollte Chamenei nicht als geschändete Leiche im Straßengraben enden wie der lybische Oberst Gaddafi, der zuvor allen nuklearen Ambitionen umfänglich abgeschworen hatte. Die iranische Führung nimmt an, dass der Westen den Iran in seinen Machtbereich einbeziehen will, so oder so. Ganz wie zuvor Libyen, den Irak und Syrien. Daher versucht der Iran eine weder-noch Taktik. Der Westen soll sich nicht frei fühlen, einfach anzugreifen, aber er soll auch nicht durch zweifelsfrei echte Atom – Absichten zu einem Angriff verleitet werden. Gleichzeitig sucht man die Nähe zu den BRICS-Staaten, um auf diese Weise den Rückhalt für eine gewisse Eigenständigkeit zu haben.
Noch beim Schlagabtausch im Juni 2025 ist man gar nicht so schlecht davongekommen. Der Westen hat zwar einige Anlagen beschädigt, aber die Fähigkeiten des Iran nicht völlig ausgelöscht. Gleichzeitig konnte man sogar einen israelischen Flughafen mit eigenen konventionellen Raketen treffen. Natürlich erst nachdem man die Israelis vorgewarnt hatte. Man darf ja nicht Israels ungehemmten Zorn heraufbeschwören, denn Israel hat wirklich seine Atombomben zuzüglich seiner überlegenen Luftwaffe. Daher verlegte man sich auf eine kunstvolle Demonstration nach dem Motto: Was wäre wenn? Da der israelischjüdische Staat sich keineswegs nur auf die Macht einer über ihm schwebenden Wolke verlassen will, muss auch der schiitische Staat mehr tun als nur die Gebete zu verrichten, umso mehr, da die islamische Haltung schon immer wehrhaft und kampfbereit ist.
Nun ist es also wieder zur Eskalation gekommen. Die USA haben gemeinsam mit Israel einen Angriffskrieg begonnen. Es sollte nur schnell gehen, sodass kein wirklicher Krieg entsteht. Ähnlich wie in Venezuela sollte durch die Beseitigung des Staatsoberhauptes der Staat destabilisiert werden, ein Putsch die Regierung stürzen und ein amerikafreundlicher Politiker die Macht übernehmen. Mitten in den Verhandlungen, die nur zum Schein vom Westen geführt wurden, hat Israel den Impuls gegeben und die USA sind willig mitgegangen. Natürlich soll er, Chamenei, vor allem beseitigt werden. Danach käme es zum Aufstand des unterdrückten Volkes, und ein westlich orientierter Iran wäre das Ergebnis.
Die Angriffe haben begonnen, doch es kommt anders als im Westen vorgestellt. Wohl wissend, was auf ihn zukommen wird, verweilt Ajatollah Chamenei mit einigen Vertrauten in seiner Residenz und erwartet seine „Hinrichtung“. Er hat sich entschieden. Er will kein entwürdigendes Schauspiel bieten, indem er alt und gebrechlich vor dem Feind flüchtet. Im Gegenteil soll die Schia mutig und stark erscheinen. Die Angreifer haben bereits die Lufthoheit. Die Projektile werden also kommen. Chamenei hat mit seinem Leben abgeschlossen. Dann gehen die Lichter aus. Ali Chamenei ist tot.
In den westorientierten Medien ist man begeistert. Nach einem Tag Unsicherheit weiß man: Saubere Sache, Enthauptungsschlag gelungen, der Kopf ist abgeschlagen, der Oberajatollah tot.
Allein, der Umsturz bleibt so nachhaltig aus, dass selbst der amerikanische Präsident ausrichten lässt, jetzt sei doch nicht der beste Zeitpunkt dafür, auf die Straßen zu gehen. Auch interne Kritiker im Iran, vielleicht sogar einige von denen, die von westlicher Seite Belohnungen erwarten dürfen, wenn sie als „Schläfer“ jetzt aufwachen wollten, können Chamenei ihre Achtung nicht versagen. Sein Verhalten war männlich. Er ist ein Zeugnis für den Islam und vor allem für seine schiitische Ausprägung. Denn auch der große Ali, der Urvater der Schia, hat sein Leben für die übergeordnete Sache gegeben. Zudem ist es vielleicht doch so, dass die schiitische Republik für manch einen nur wie eine Hülle für die Eigenständigkeit der alten Kulturnation Iran ist. Ein iranisches Nationalgefühl gibt es ja auch. Die Straßen füllen sich mehr und mehr mit Menschen, die die schiitische Republik preisen und sich zu ihr bekennen. Der Iran hat durch Chameneis Verhalten einen inneren Rückhalt erfahren, um die kommenden Bombardierungen auszusitzen. Ein regierungskritischer Experte in den USA hat zunächst darauf hingewiesen, dass westliche Dienste den Umsturz wohl von innen her gut vorbereitet hätten. Der Umsturz ist möglich. Kurz darauf weist er bereits darauf hin, dass Chamenei jetzt eine Art Märtyrer sei, und dass deshalb der Westen den Regimewechsel nicht bekommen wird.
Zur Sicherheit sei klargestellt, dass aus anthroposophischer Perspektive Chameneis Vorgehensweise eindeutig nicht zur Nachahmung empfohlen wird. Da haben wir noch die vor Urzeiten im Orient groß gewesene Auffassung nachwirkend, dass die physische Existenz eine Täuschung sei. Es käme ganz und gar auf das an, was an eigentlicher und damit spiritueller Realität nach dem Tod eintritt.
Anthroposophisch gesehen vollzieht sich das Stirb und Werde im Inneren ganz unbemerkt. Sind Prozesse abgelaufen, die es ermöglichen, Abgelebtes zu verlassen und sich innerer Erneuerung zuzuwenden, braucht es selbstredend keine spektakulären Aktionen vor aller Augen. Es ist dann zu hoffen, dass sich allmählich auch im Gemeinwesen Veränderungen bemerkbar machen, die in die Zukunft führen. Man sage nicht, die Kreuzigung auf Golgatha, sei doch auch sehr spektakulär gewesen. Seinerzeit haben ihr nur ganz wenige Menschen beigewohnt. Wirklich „populär“ wurde sie erst im Mittelalter. Selbst nach großen Rückschlägen tun wir uns mit wirklicher Erneuerung schwer. So gesehen war auch die Aufbruchszeit nach Weltkrieg und Diktatur ein Aufguss des zuvor Gekannten, verknüpft mit einem freudigen Bekenntnis zum Diesseits.
Die orientalische Seele hingegen ist immer noch spiritueller als unsere, wenn auch wie ganz im Nachklang früherer Zeiten träumend. Sonst versteht man eigentlich nicht, dass weibliche muslimische Einwanderinnen bei Grenzübertritt nicht sofort das Kopftuch abnehmen. Es werden offenbar die liberalen Ideale des Westens nicht als so griffig erlebt wie gedacht, sondern auch ein wenig als schal. So kann selbst ein sehr traditioneller Islam den Seelen in Persien immer noch etwas geben. Und ein Ajatollah kann, so er die Schia wirklich leben will, seinen Bekennern neue Kraft einhauchen, wenn er martialisch-islamisch seinen Glauben mit Blut bekräftigt.
These: Das Abendland sieht seine Mission darin, die Welt möglichst umfassend mit der abendländischen Zivilisation zu durchdringen. Das müsste dann die Segnungen des Westens überallhin tragen. Menschenrechte sind der populäre Ausdruck dafür. Zugleich hat man immer auch gesehen, dass im Rest der Welt Rohstoffe und andere Assets vorhanden sind, die man im Zuge der Weltdurchdringung in die Hand bekommt. Da man ja selbst am besten darin ist, aus materiellen Möglichkeiten etwas zu machen, ist es doch gut und recht, dass dafür, dass rückständige Kulturen in die Moderne gehoben werden, zum Beispiel das Öl des mittleren Ostens zu einem moderaten Preis in den Westen verschifft wird. Im Orient gibt es eine Reaktion darauf. Oft ist es dann so, dass die modernere Lösung (Der Schah, der Sohn des Schahs) zugleich bedeutet, dass man eine Kolonie des Westens wird. Da greift man dann östlich von Konstantinopel in die Kiste der eigenen Werte, um einen Widerstand zu organisieren. So kommt es, dass es im Iran der schiitische Islam ist, der zum Symbol der Abwehr der westlichen Hegemoniebestrebungen wird (Ajatollah Chamenei, jetzt sein Sohn). Aus europäischer Sicht wäre ein christlicher Gottesstaat durchaus akzeptabel. Ajatollahs mit ihrem komischen Turban wegzumachen hingegen, ist nach unserem Empfinden eigentlich richtig. Und letztlich wissen auch alle feinsinnigen abendländischen Kulturmenschen, was eine Tankstelle ist.
Also haben wir den grundlegenden Konflikt des immer moderner werdenden Abendlandes mit dem traditionsverhafteten Orient. Der Süden fällt mehr letzterer Strömung zu, weshalb man heutzutage verwirrender Weise vom globalen Süden spricht, wenn die Opposition zum Westen gemeint ist. Letzterer stellt sich militärisch wiederum als NATO dar. Brauchen wir nicht doch ein vermittelndes Element. Also etwas Drittes. Einen Dritten Weg vielleicht?
